Dienstag, 1. Oktober 2019

Ontario Culture Days. Toronto Teil II (28.09.2019)


Eines vorweg: Die fußlahme Teilnehmerin hatte Glück, wir fuhren Bus und Bimm. 😉
Nach einem Frühstückchen im „Balzac’s“ (übrigens Kanadische Buttertörtchen sind nicht zu empfehlen, sonst könn‘ die Kanadesen aber Süßteilchen aller Art ganz gut), verbrachten wir den halben Vormittag mit Blogschreiben und Fotos hochladen. Wir mussten schließlich die Zeit überbrücken, die noch nötig war, bis das städtische Geschäftsleben beginnen würde. Genau, wir waren wieder um 8:00 aus dem Haus und hatten schon einen „Latte“ und „Cider“ (warmer Apfelsaft) auf unserem Tischchen stehen. Die innere Uhr lässt grüßen. Wir hatten sogar schon herausbekommen, dass man am Wochenende KEINE Einzel-Tagestickets bekommen kann, die gelten nämlich nur an Wochentagen. Ggrrrrr, arghh, WARUM nicht?! Ganz einfach, weil an Wochenenden die Einzel-Tagestickets zu GRUPPEN-Tagestickets werden: Mit einem Ein-Personen-Tagesticket können dann nämlich bis zu sechs Leutchen herumtingeln. Ok, das kann man sich gefallen lassen; es könnte nur besser auf den Seiten des „GO“ („Geh“), dem öffentlichen Nahverkehr, kommuniziert werden. Egal, um 10:00 füßelten wir flotten Fußes zur Apotheke – richtig Apotheke – die hier zu Lande aber eigentlich eher eine Rossmann-Penny-Kombi ist, und erstanden ein „Einzel-Tagesticket“, das uns zwei quer durch Toronto bringen und die Füßchen von Schwesterlein schonen würde 😁.

Als erstes büsselten wir dann auch zum Fort York. Die militärische Befestigungsanlage ist der eigentliche Kern Torontos, liegt mittlerweile aber im Westen der Stadt. Sie wurde von den Briten phasenweise seit dem späten 17. Jhd. erbaut, um die frühe Siedlung York zu schützen. Das Pelzhändler-Örtchen wurde an einem strategisch günstigen Plätzchen, dem „Tarantua“ aufgebaut, einem Indianer-Treffpunkt. Erst 1834 wurde das Städtchen in Toronto umbenannt, um eine Verwechslung mit New York für immer auszuschließen. Zugegeben, heute schmälern die Glaskästen im Hintergrund die Bretterbuden in ihrer "Mächigkeit" und "Wehrhaftigkeit" etwas.  

Zwei Blockhütten vor der Glasfassade des "neuen" Toronto-Stadt-Viertels
Kaum aus dem Bus gehüpft, begann es zu hässlich nass zu werden, weswegen wir uns erstmal über Kanonen, Kanonenkugeln, lange und kurze Schießeisen, Schlachtaufstellungen und Fortbauanlagen in einem der Blockhäuser belasen. Es gibt sicherlich Spannenderes, aber es war trocken unterm Holzbalkendach... In der Regenpause wurden die restlichen Gebäude abgeschritten (noch ganz locker-flockig übrigens). Erst in der Küche des Offiziershauses wollte es sich eine Teilnehmerin am Feuerchen gemütlich machen, kam aber nicht dazu, die andere blies zum Weitermarsch: "GO!"

Sraßenbahnelnd bimmelten wir nach „Korean Town“ (koreanisches Viertel), wo uns der/das Kimchi (fermentierter Kohl, Knobi und viiieeel Chillipulver) ordentlich einheizte und die Nasen frei machte. Die Bude war voll, wir hatten aber Glück und ergatterten sofort einen Platz, die Nachunskommer mussten ihre Fußsohlen länger beanspruchen oder mit To-Go Vorlieb nehmen. 

Ich war diesmal mit im Urlaub!
Die nächste Station sollte das „Royal Ontario Museum“ (ROM) sein, wo Schamanen-Medizinmann-Weisheiten unsere Kreativität beim Basteln von Traumfängern anregen sollten. Aber irgendwie erwischten wir den falschen Eingang; von den Kulturtagen ließ sich im „The Crystal“ (Anbau 2006/07) nichts erahnen. 

"Kristallanbau" des ROM
Approps, "Ontario Kulturtage". Seit 10 Jahren finden sie im September statt. In Toronto, der Provinzhauptstadt und gleichzeitig größten Stadt Kanadas, nehmen natürlich die örtlichen „attraktivsten Kultureinrichtungen“ an diesem „lebhaft-lebendigen Wochenende“ teil und öffnen ihren Pforten kostenlos. Nun, dieses Wochenende fiel dieses Jahr glücklicherweise auf den 28./29. September, auch wenn nicht wirklich – also eigentlich gar keine – Reklame dafür gemacht wurde. Pech auch, dass es ziemlich grau und windiglich war und es ab und zu nass von oben herunter pieselte. Viele Leute scheinen über das Angebot nicht Bescheid gewusst oder des Wetters wegen nicht genutzt zu haben, Schlange stehen war jedenfalls nicht angesagt. Weder im Fort York, noch vorm ROM.

Drei Häuserecken weiter kehrten wir nämlich doch noch einmal um und versuchten es mit einem anderen Eingang ins Museum. Auch dort kein Banner, Poster oder Zettelchen... Egal, wir bogen kurzentschlossen in die von indianischen Mitkuratoren eingerichtete Ausstellung zu den „ersten Nationen“ Kanadas ein. Eine Ausstellung für die das ROM berühmt sein soll... Wir nahmen zwar keine „Weisheiten“ mit, wurden aber mit einigen Häuptlingen näher „bekannt“. Und ja Popsi, auch Sitting Bull kam vor. Über persönliche Bekannt- und Seilschaften gelangten 1955 sein Federschmuck, Hemd und seine Mokassins nach Kanada und schließlich ins Museum nach Toronto, wo sie jetzt, hinter Glas aufgeboten, dem Besucher präsentiert werden.

"Sitting Bull Collection"
Die Ausstellung wird nicht müde zu betonen, die Kultur der Indianer wäre nicht untergangen, sondern sei nach wie vor lebendig. Trotzdem kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Mag sein, dass sich indianisches Leben behauptet, Traditionen gepflegt werden und indianische Kultur stattfindet. Ob die Kultur, die gelebt wird, aber die Kultur ist, die sie wirklich immer leben wollen? Die Ausstellung beantwortet diese Frage nicht, auch wenn sie mit der Präsentation eines „Federbusches“ aus Kabeln, Kopfhörern und Computereinzelteilen ironisch die Klischees hinterfragt, die im Allgemeinen mit „dem Indianertum“ in Verbindung Gebracht werden und der deutlich macht, dass sich auch „die Indianer“ mit der Moderne arrangiert haben (vielleicht auch mussten und getan haben...?)

Gaaar kein bisschen fußlahm suchten wir - es war später Nachmittag - schon mal den Weg zum Busterminal auf, von dem wir am kommenden Tag in unseren dritten Latsch-Tag starten wollten. Da das einmal gekaufte Ticket abgefahren werden und die Schuhgummisohlen einer nicht näher genannten Teilnehmerin geschont werden sollten, wurde auf dem Heimweg (das Busterminal hatten wir gefunden) an der nächstgelegenen Bushaltestelle Aufstellung genommen. Na ja, eine blieb stehen, die andere setzte sich schon mal hin. Als nach einer Viertelstunde noch kein Bus (die Liniennummer 6 war’s) in Sicht war, handelte sich eine Teilnehmerin einen vernichtenden Blick der anderen ein, als sie verlauten ließ, zu Fuß sei man möglicherweise schneller. Eine Teilnehmerin muss unbedingt lernen, die Klappe zu halten, sonst fällt sie vom Blick getroffen irgendwann einmal einfach um, tot, blicktot quasi. Die Laune der blickewerfenden Teilnehmerin sackte weiter fußwärts, als die Nummero 6, als sie denn endlich des Weges gebusselt kam, einfach an der Haltestelle vorbei fuhr. Ohne Worte... Klappehalten war angesagt.      

Es ging also doch füßlich durch das „Entertainment“-Viertel zum „Dundas“-Platz weiter, einem Klein-Shibuya oder Mini-Times-Square: elektronische Reklametafeln, Musik und Gedöns von allen Seiten, das auf dem Foto bei weitem nicht so knallig daherkommt, wie es tatsächlich ist. Irgendwie, jedenfalls unbeabsichtigt, schafften wir es auch in das „Toronto Eaton Centre“, dem geschäftigsten Shopping-Center Nordamerikas (wie wir später erfuhren). Eigentlich waren wir auf ein gemütliches Käffchen aus... dort fanden wir es nicht. Auch sonst gibt es – außer den alleckigen Café-Ketten á la Starbucks und Tim Horton – erstaunlich wenig gemütliche Sitzgelegenheiten. Nun ja, Starbucks ist selten wirklich heimelich, Tim Horton ist es nie, aber als Marktriesen haben beide erfolgreich jegliche Konkurrenz vom Markt (fast vollständig) verdrängt. Ein bio-öko-leckeres Blumenkohlkäsesüppchen am Abend konnte da nicht voll entschädigen.  

Dundas-Square
Aber ich verrat euch was: die Füße waren am Abend noch alle dran. Bei beiden Teilnehmerinnen!