Sonntag, 31. Juli 2016

Wissenschaft

Ich habe mir heut', als ich auf dem Nachhauseweg in der Metro wieder einigermaßen aufgetaut bin, gedacht, ich müsste doch den Blog weiter schreiben solange ich noch kann. Wenn ich ersteinmal schockgefrostet und für die Ewigkeit im Nationalarchiv auf dem Stuhl festklebend konserviert worden bin, ergibt sich nämlich keine Gelegenheit mehr. Fünfzehn Grad im Leseraum sind übertrieben, findet ihr nicht? Also ich find's besch... mit blauangelaufenen Fingernägeln noch etwas in den Compi tippen zu wollen... Ich meine, Archivalien gut klimatisiert aufzubewahren ist ja gut und schön, aber die müssen mich doch nicht "frisch halten"!

Jedenfalls bin ich von Montag bis einschließlich Sonnabend im Dienste meiner Dissertation unterwegs und hol' mir während meiner hochkonzentrierten Sitzungen irgendwann noch DEN Husten und Schnupfen, den ich nicht gebrauchen kann. Klimaanlagen, wer hat die doch gleich erfunden?
Die Woche teilt sich bis jetzt mehrheitlich in Fahrten zum Nationalarchiv und zur Nationalbiliothek (im Grunde auch ein Archiv). Am ersten Montag in London war ich zudem in der Guildhall Library, habe aber nichts für mich finden können; letzten Montag (25.07.) war ich im Parlamentsarchiv, wo ich meine Recherchen aber bereits einstellen konnte, weil auch dort nichts für mich zu holen ist. Am nächsten Montag habe ich mir das Archiv des Marinemuseums vorgenommen, aber davon dann nächste Woche mehr.

National Archive (Kew)
Leider scheint mittlerweile die Sonne nicht mehr ganz so schön vom Himmel, wie am Tag der Aufnahme. Als es nämlich noch warm war, konnte ich mich zur Mittagspause wenigstens zum Auftauen auf eine Bank am Teich setzen und den Enten beim Watscheln zusehen. Heute musste ich mit Kazuo in der Kantine sitzen und Teechen trinken.

Es ist schon komisch, wen man so alles trifft: Von Kazuo, der zu Indischen Baumwollstoffen im Senegal im 19. Jahrhundert forscht und der letzte Woche seine Dissertation verteidigt hat, wusste ich dass er da sein würde, um nach Unterlagen zu suchen mit denen er seine Diss "verbessern" und ein Buch verfassen kann. Allerdings traf ich auch Jody wieder, mit dem ich gefült erst gestern in Kanada unser gemeinsames Panel bestitten hatte. Letzte Woche in der Mittagspause stieß auch Karolina zu uns, die ich vor drei Jahren in Warwick kennengelernt hatte. Ich bin eigentlich nie alleine beim Essen :)

Wenn ich dann wieder in den Gefrierschrank namens Leseraum muss, dann warten Kartons mit Briefen auf mich. Leider hatte Thomas Hall seine Karriere im "Ostindien"handel angefangen, weswegen viele Briefe aus "Calcutta" und "Bombay" zu finden sind. Erst später, als es mit dem Teehandel nicht mehr ganz so viel zu verdienen gab, wandte er sich nach Afrika und den Sklavenhandel zu, um seine menschliche Fracht anschließend nach "Westindien" zu verschiffen. Leider sind diese Briefe natürlich in der Unterzahl..., aber ich habe mich durch 5 Kartons durchgelesen! FÜNF! Leider finden sich keine Hinweise auf schlesische Kaufleute, jedenfalls nicht namentlich. Klar ist aber, er hat die Leinwand aus Rotterdam bezogen und der Herr Senserf aus eben jener Stadt hatte Lieferanten aus Schlesien. Ein Anfang.

Oben: Fünf große Kartons mit ungeordneter Korrespondenz | Unten: kleine Lichtblicke. 1732 hat Thomas Hall 3000 Stück "Sletias" geordert (neben 2000 Stk. schmaler Britanias, und 1200 Stk. breiter Britanias). "Sletias", ihr werdet's erraten haben: schlesische Leinwand!
Viele Bücher gewälzt habe ich sonst in der "British Library" (Nationalbibliothek), die bei mir um die Ecke steht, gleich hinter dem Bahnhof "King's Cross". Was ich gar nicht wusste - ja mir nicht einmal vorstellen konnte - ist, dass die Briten und Iren ihre Kolonialgeschichte auch über die Edition von Kaufmannskorrespondenz aufgearbeitet haben und - wie neuere Publikationen zeigen - immer noch aufarbeiten und so Jedem in Buchform zugänglich machen; ich also die Briefkopierbücher gar nicht im Original lesen muss. Briefkopierbücher sind klasse, weil sie alle Briefe in Abschrift enthalten, die von den Kaufleuten verschickt wurden, damit diese den Überblick über ihre Geschäfte nicht verloren. Man als Leser also die chronologische Abfolge von Bestellvorgängen, Beschwerden und Zahlungen nachverfolgen kann - gesetzt den Fall, solche Bücher haben sich erhalten, was leider nicht sehr oft der Fall ist. Wenn dann auch noch die Briefeingänge überliefert sind, ist das natürlich das Beste, was einem passieren kann.

Ich habe also Briefkopierbücher gelesen und festgestellt, dass diese mehrheitlich von Eisenwarenhändlern herrühren oder aber von Leinwandhändlern aus Irland, die natürlich irische und manchmal auch schottische Textilien gehandelt haben, aber keine fremden importiert haben. Da ist also Nichts für mich zu holen. Allerdings habe ich eine ansehnliche Dattenbank mit Namen angelegt, die ich nach und nach in den Archiven ausfindig zu machen gedenke, um dann - hoffentlich noch vor dem 24. September - auf eine Goldader zu stoßen. 

Das Ambiente der Bib lässt nichts zu wünschen übrig, auch wenn sie von außen etwas hässlich daher kommt. Leider gilt dort drin ein strenges Photographierverbot, so dass ich auf zwei offizielle Fotos der Bibliotheks Pressestelle zurückgreifen muss.

Die "British Library", liebevoll auch als "BL" abgekürzt. Mit über 170 Millionen Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Video- und Tonaufnahmen, Gemälden und Briefmarkensammlungen hat sie den größten Medienbestand aller Bibliotheken weltweit. Außerdem hat sie - obwohl erst Ende der 1990er fertiggestellt - bereits Denkmalstatus. Der bronzene Riese soll Isaac Newton darstellen. Außerdem gibt es auf dem Vorplatz gemütliche Sitzecken und kleine Cafes (auf dem Bild nicht so richtig zu sehen).
Links: Die BL in ihrer ganzen Größe; dahinter, das Spitzentürmchengebäude, gehört mit zum Bahnhof St. Pancras/ King's Cross | Rechts: Innenraum der BL. Links, in den schwarzen, verglasten, 17-meterhohen Regalen, steht die Privatbibliothek von George III (1683-1760), die von seinem Nachfolger im Jahr 1823 dem Britischen Volk vermacht wurde. Von dieser Halle aus gelangt man dann zu den verschiedenen Lesesälen. Ich bin im "Seltene Bücher und Musik"-Lesesaal.
Pünktlichh 9:30 öffnen sich die Tore zum "Wissen der Welt" (Motto der BL/ "the world’s knowledge")
Jo, das sind also meine bisherigen wichtigsten Arbeitsstätten. Im Metropolitan Archive war ich noch nicht, muss ich aber noch hin. Einige Schiffsladungslisten warten am Montag (01.08.) im Marinemuseum auf mich. Aber morgen ist erst einmal Sonntag und mein freier Tag (obwohl ich natürlich in die BL gehen könnte, die hat schließlich immer offen; nur zu Weihnachten mal wirklich zwei Tage nicht...) Aber ich mach' trotzdem frei :)

Sonntag, 24. Juli 2016

Zweiter Spaziergang durch London (24.07.2016)

Der Wetterbericht hat bewölkten Himmel angesagt. Nun ja, seht selbst. Wenn hier "bewölkt" immer so aussieht, dann weiß ich wirklich nicht, woher unsere Vorurteile dem englischen Wetter gegenüber herrühren... Und diese Schäfchen jagen nun wirklich Niemandem Angst ein.

Bewölktes Wetter in London
Jedenfalls sind am Sonntag wirklich alle Bibliotheken und Archive geschlossen, so dass ich guten Gewissens durch die Stadt spazieren gehen konnte. Diesmal wollte ich nicht die Gegend auf dem Stadtplan "rechts" von Westminster, sondern "links" davon erkunden.

Los ging es in Covent Garden. Das Viertel beherbergt so ziemlich (fast) alle Theater, Opernhäuser und Musical-Hallen der Stadt. Außerdem reihen sich Einkaufsläden aneinander und es wimmelt von Volk. In der Markthalle, womöglich das Wahrzeichen des Areals, haben sich Kneipen, Restaurants, erlesene Teeläden und Schnickschnackshops angesiedelt. Nachmittags (Rücktour) bieten auch hier Straßenkünstler ihre kurzen Einlagen zum Besten. UND, wer hat gesagt, Merchandising gäbe es nur in Japan?

Oben: Markthalle | unten links: Markthalle von innen | mitte: lustige Geigertruppe | rechts: Einradkünstler
Moomins! | Disney darf da natürlich nicht fehlen...
Clever wie ich bin, weiß ich das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden und bin in Richtung Trafalgar Square (war ich am Tag 1 schon einmal kurz) weitergelaufen. Der Plan: Neben etwas Kultur auch ein stilles Örtchen aufsuchen :) Die National Gallery lag auf meinem grob geplanten Weg, drin war ich noch nicht, Klos wird so eine Einrichtung ja wohl haben, warum also nicht heute? Bevor ich jedoch den Herren Hohlbein, Velazques, Boticelli, Turner und wie sie alle heißen die Ehre erweisen konnte, bot sich eine Yoga-show der fortgeschrittenen Art.

Der Mann ist nach eigener Aussage 52, fast 53 Jahre alt...
National Gallery | Interieur | Benastre Tarleton
Der junge Man, Baron Tarleton (1754-1833), kämpfte im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, auf Britischer Seite und erhielt den Beinahmen "Butcher" (Schlächter). Entsprossen ist er einer Kaufmannsfamilie aus Liverpool, die im Sklavenhandel zu Reichtum gekommen ist, daher ist mir der Name sofort aufgefallen. Die Stunden in der British Library waren also nicht umsonst... Später setzte er sich wehement gegen die Abschaffung der Sklaverei im englischen Parlament ein. Muss ein ziemlich toller Typ gewesen sein.

Stunden später taute ich auf dem Weg zum Piccadilly Circus wieder auf (Klimaanlagen!). "Circus" genannt, weil es ein kreisrunder Platz ist, der die Straßen "Piccadilly" und "Regent's Street" miteinander verbindet. Im späten 19. Jahrhundert wurden weitere Straßen "angeschlossen", sodass zur Hochzeit des Britischen Empire, der Platz auch als "Mittelpunkt der Welt" bezeichnet wurde. Heute ist es ein Dreh- und Angelpunkt innerhalb des Unterhaltungsviertels.

Das sich anschließende Soho ist ebenfalls ein Shoppingdistrikt und..., na Pops klingelts? Na klar, Brechts "Dreigroschenoper" spielt in Soho! Allerdings merkt man das nicht, wenn man sich dort durch die Straßen schlängelt. Besonders auf der Regent's Street reihen sich die Nobelbekleidungsgeschäfte. Allerdings gibt es auch urische Ecken.

Piccadilly Arcade | Burlington Arcade - beide auf der Piccadilly Street. Schuhe für 200 € mit einer ganzen Menge Luft nach oben und so... | Carnaby Street in Soho. Läden für's (Fuß)Volk...
Jo, und dann bin ich so langsam zurückgeschlichen, schließlich wollte ich heute noch Blog schreiben. Außerdem hatte ich Hunger. Kneipen und Restaurants gibt's hier überall, aber "schnelles Essen"
außer "Fish & Chips"? Fehlanzeige. Mit 'nem Cookie kann ich mich ganz schön lange über Wasser halten, aber nach sieben Stunden unterwegs darf mein Magen was Richtiges wollen :)

Samstag, 23. Juli 2016

Islington (18.-23.07.2016)

In London ist es wie? Nass, kalt, neblig? Von wegen! Seit ich hier bin hat es nicht ein einziges Mal geregnet, die Sonne scheint dauerstrahlend vom Himmel hinab und die Temperaturen kletttern tagsüber auf bis zu 30° (im Schatten). Ich bin ständig mit Gießkanne unterwegs, um alle Blümchen von Caroline zu wässern und schwinge den Schlauch, damit sich Christophers Garten nicht in einen Heuhaufen verwandelt. Aber ich, ich sitze in Archiven und Nationalbibliotheken, um Matrial zu sondieren und frier' mir den A... ab - ein Hoch auf die Klimanalagen jappanischen Ausmaßes!

Aber der Reihe nach. Nachdem ich am Sonnabend (16.07.) halb London erwandert habe, hieß es am Sonntag Koffer packen und nach Islington fahren, um meine Bleibe für die nächsten sechs Wochen zu beziehen. Caroline und Christopher haben ihr Häuschen in meine vertrauensvolle Hände übergeben und sind in den Urlaub nach Frankreich gefahren. Vielleicht das letzte Mal, bevor sie wieder Visa beantragen müssen...

Schon bei der Schlüsselübergabe meinte Caroline zu mir, das sie "Britisch, aber nicht German-sauber seien", außerdem wuselt ein kleiner Hund herum und die familiäre Situation ist sicherlich nicht ganz einfach. Egal, wird schon. Den Hund haben sie - Gottseidank - mitgenommen :)
Jedenfalls hat das Haus so einige Ecken und Kanten, wahrscheinlich genau wie jedes andere Haus, dessen Grundmauern im Prinzip aus dem 16./17. Jahrhundert stammen. Ja, richtig alt! Die Holzbolen wurden seitdem nicht oft ausgewechselt, so mein Eindruck. Alles knarrt und der Boden neigt sich in komischen Dellen, Wellen, Schieflagen zu allen möglichen Seiten. Die Architektur der Zeit ist nicht gerade für großzügige Räume in Erdgeschosslage berühmt und so ist man auch ständig am Treppensteigen. Vom Keller (Gartenzugang) bis zu meinem Schlafzimmer (Dach) sind es insgesamt fünf Wohn-Stockwerke, der Zugang zur Dachterasse befindet sich zwischen der vierten und fünften Etage.

Hier eine Skizze @Geffrye Museum | Häuserreihe. In einem wohnen ich.
Die Einrichtung ist Geschmacksache, aber konsequent. Ich sage mal nur so viel, sie passt sich irgendwie schon dem alten Häuschen an :)  [Ich werde hier keine Bilder posten, da der Blog ja nun doch öffentlich zugänglich ist]. Aber, ich hab' hier alles. Die Guildhall Bibliothek und auch die British Library (Nationalbibliothek) sind quasi um die Ecke. Harry Potter ist nur eine Station weiter am Bahnhof King's Cross auf Bahngleis 9 3/4 nach Hogwarts abgedüst. Der Hauptbahnhof ist also nicht weit weg. Mit der Underground bin ich unkompliziert mobil, auch wenn es bis zum Nationalarchiv locker 60-70 Minuten Fahrt sind.

Harrys  Koffer verschwinden gerade | Andrang Allderer, die ein Bild mit Gepäckwagen ergattern wollen; hübsch in Reihe wartend | Professionelle Fotographin bei der Arbeit: von Jedem Touri wird ein Bild gemacht; die Aufgabe der Assistentin besteht darin, den Schal empor zu halten, damit er wie ein wehender aussieht. Man bekommt übrigens auch einen Zauberstab zum Herumfuchteln ausgehändigt. Die Fotos können dann im "Harry Potter"-Shop für ein wenig (viel) Muggelgeld erstanden werden. Die Spinn'
Bahnhof King's Cross
Caroline meinte, als sie das Haus gekauft hätten, wäre die Gegend ein echtes Arbeiterviertel gewesen, die Preise dementsprechend bezahlbar. Mittlerweile, seit ungefähr fünf-sieben Jahren boomt das Areal, viele Politiker sind hinzugezogen (darunter auch der Herr Boris Johnson, den ich gerne beschimpfen könne, falls ich ihn träfe, so Caroline) und die Mieten sind wie überall in London ins unbezahlbare gesteiegn. 

Viele Kneipen aller Coleur säumen die Straßen, auf den öffentlichen Plätze lümmeln sich zumeist junge Leute auf Decken herum, einige tanzen, andere singen - es ist also richtig viel Alarm. Allerdings gibt es auch ruhigere Orte, wie den Regent's Kanal der mitten durch das Viertel fließt. Erdacht wurde er 1802, um eine Verbindung zwischen dem Großen Kanal und der Themse zu schaffen. Nach acht Jahren Bauzeit wurde der insgesamt 14 Kilometerlange Kanal 1820 eröffnet. Bis in die 1960er wurde er für den Transport von Holz und Kohle genutzt, inzwischen befahren ihn nur noch Hausboote. Ich hatte gehofft, ich könnte dort entlang joggeln, aber ich glaube daraus wird nichts - zu viele chaotische Radfahrer!

Regent's Canal. Natürlich wird auch an seinen Mauern an Luxusimmobilien herumgewerkelt.
Jo, das ist also Islington, die Gegend, in der ich für die kommende Zeit stationiert bin. Gäbe es einen großen Park in der Nähe, wäre es perfekt. Nun ja, ich kann nicht alles haben.

Samstag, 16. Juli 2016

Immer der Nase nach - Spaziergang durch London (16.07.2016)

Wenn man einfach Zeit hat, Nichts einen drängt und London nicht in zwei Tagen erkunden muss, sollte man den Stadtplan ruhig mal stecken lassen und sich überraschen lassen, wohin einen die eigene Nase so führt. Die "Tube" - die Röhre - wie die Londoner U-Bahn genannt wird, brachte mich von "South Ealing" (mein Hotel, weit im (Süd-)Westen; morgen ziehe ich nach Islington, weit im Nord-Osten) zur Haltestelle "Westminster" und dann marschierte ich einfach mal drauf los. Da das Westminster bekanntlich zentral gelegen ist, hatte ich den Verdacht, ich würde schon alles irgendwie zu Gesicht bekommen.

Tatsächlich, dem war auch so. London ist Fußgängerfreundlich; zumindest in der engeren "Innenstadt", kann man wirklich alles erlaufen bzw. mit CityBikes, die man überall ausleihen kann, erfahren. Das Wetter war herrlich, Sonne satt, leichte Briese - alles super.

Big Ben | Westminster | Plüschhelmparade
Kaum aus dem Untergrund emporgestiegen grüßte auch schon Big Ben. Wohlgemerkt: Nicht der Turm heißt so, sondern die schwerste der fünf Glocken. Kaum zehn Schritte weiter (eigentlich mehr dem Glockenturm gegenüber) steht die Abtei von Westminster, der traditionelle Krönungsort britischer Monarchen und Monarchinnen. Auf die Ansicht von Innen habe ich verzichtet; siehe unten:

Die Warteschlange vor dem Eingang in die Krönungshalle. Aber eigentlich stehen die Leute in London überall an...
Kurz darauf erklangen Trompeten- und Posaunenklänge in nicht allzu großer Ferne, also bin ich - in diesem Fall nicht der Nase, sondern meinen Gehörgängen nach und bin bei der Downing Street, wo Herr Cameron nicht mehr residiert, und bei den "Pferdewächtern" gelandet. Die Pferdewächter bewachen in diesem Fall keine Pferde, sondern den Haupsitz irgendeiner Armeeeinheit. Die mit den typischen Fellmützen gehuteten und rotbejackten Wachmänner sitzen auf den Pferden eine geschlagene Stunde herum, versuchen nicht zu lächeln und die Ruhe zu bewahren, bis die Wachablösung erfolgt. Ich glaube, so richtig ernst nimmt die keiner mehr und sie müssen nur noch zwecks Touristenfotomotiv auf die Pferderücken klettern. Jedenfalls dauerte es nicht lange, da kamen auch schon mehrere Blaskapellen um die Ecke gebogen und bließen in ihre Tuben, schmetterten die Paarbecken aneinander (Paarbecken, nie gehört, musste ich googl'n...) und droschen auf ihre Trommeln ein.

Die Straße bin einfach mal weiter entlang gelaufen und siehe da: Trafalgar Square, von vielen Londonern als DER Mittelpunkt der Stadt angesehen. Drei der größten Verkehrsadern treffen dort aufeinander: Whitehall (vom Westminster), The Mall (vom Buckingham Palast) und die Pall Mall (vom St. James's Palace). Entsprechend sah der Verkehr aus. Egal, ob Polizei oder Krankenwagen, alles stand und durchgekommen ist keiner. Über dem Platz tront die Nationalgallerie (Kunstmuseum), davor ragt die "Nelsonsäule" in die Höhe. Das Ehrendenkmal wurde 1842 erbaut und erinnert an den Sieg der Engländer gegen die Franzosen und Spanier in der Schlacht von Trafalgar (1805).

vereinzelte Europafahne | National Gallery | Achtung: Hohes Verkehrsaufkommen.
Tja, dann hat mich meine Nase nicht zum Buckingham Palast geführt, sondern über die Themse zur Promenade am Südufer des Flusses. Egal, unter den Bäumchen lässt es sich aushalten; der Blick auf das Parlamentsgebäude und den "Großen Benjamin" hätte auch nicht besser sein können.

Palace of Westminster: Sitz des Britischen Parlaments, dem Tagungsort der zwei Abgeordnetenkammern: House of Commons und dem House of Lords. Bäumchen rechts (nicht im Bild...)
Ich sah keinen Grund den Pier zu verlassen und schlenderte gemütlich weiter, bis das "London Eye" (Londoner Auge) in Sicht kam. Um es besser aufs Bild zu bekommen, bin ich die Westminsterbrücke ein Stückchen in Richtung des nördlichen Ufers entlang gegangen, habe auf Grund von "erhöhtem Menschenmassenaufkommens" aber wieder den Rückzug ans Südufer angetreten. Manchmal muss man eben auf sein Bauchgefühl höhren :)

Die Menschenschlange am Kassenschalter war auch gar nicht soo lang und da hab' ich mir gedacht: "Ach, bist nich' alle Tage in London, was soll's." Also habe ich mir ein Ticket für eine Fahrt mit dem Riesenrad gekauft (stolze 25 Pfund = 30 €). Was ich da noch nicht gesehen hatte, war die Menschenschlange die bereits  vor dem Rad wartete... Also stellte ich mich brav hinten an; zusätzlich 10 Pfund ausgeben, um in die "Schnellschlange" zu kommen wollte ich wirklich nicht; außerdem kam mir die "schneller vorrückende" Menschenkette gar nicht soo viel schneller vor. Egal, ich hatte ja Zeit. Eineinhalb Stunden später sprang ich in eine gläserne Gondel und kreiste mit zehn anderen Menschen eine halbe Stunde lang um die Achse des Rades und hatte einen errlichen Blick über Londons Dächer.

London Eye (Riesenrad) | Blick auf das Parlamentsgebäude aus der Gondel aus 135 Metern Höhe.
Wieder unten angelangt marschierte ich einfach immer weiter. Der Streckenabschnitt hieß nun "Queen's Walk" (Gang/ Weg der Königin) und ist Teil des zur Feier des silbernen Thronjubiläums der Queen (1977) angelegten "Jubilee Walkway" (Jubiläumsfußgängerweg). Allerdings wurde die Promenade erst in den 1990ern fertig gestellt. Heute ist es eine Kreativmeile, wo Jung und Alt ihre Wochenenden verbingen: schlemmend, tanzend, musizierend und im Sand spielend. (Es gibt eben Orte an denen was los ist, an denen richtig was los ist und es gibt Brandenb... ach, lassen wir das.)

Oben: Buddelkasten für die Kleinen | "Liegestuhl-Lounge" für die Großen | kleine neckische Geschäfte; unten: Sandkünstler: "Hit the bucket/ Make a wish/ I wished for pounds/ And  made all this!" (Triff den Eimer/ Wünsch' dir was/ Ich habe mir Pfund gewünscht/ Und habe all dies eingenommen) | Mann ohne Kopf

Von der Millenniums Bridge, einer Fußgänger Brücke, die das Südufer mit der St.-Pauls-Kathedrale verbindet, sah ich mein nächste Ziel: Die Tower Bridge; neben dem Big Ben wahrscheinlich DAS Wahrzeichen Londons. Da die Kathedrale geschlossen hatte, verschwendete ich auch gar keine Zeit und lief nun am Nordufer des Flusses entlang. Meine Nase führte mich durch das Bankenviertel (alt und neu), dass ich aber nur am Rande streifte. Am Himmel zogen schon seit einiger Zet immer dunklerere Wolken auf und ich wollte trockenen Fußes an der Brücke ankommen; was auch gelang.

Blick von der Millennium Bridge. Hinten: Tower Bridge, rechts: "The Shard" (Scherbe), mit 310 Höhenmetern das höchste Gebäude der EU  (Bauherr ist irgendein Scheich aus Katar. Mit dem Bau dieses Monstrums wurde der Begriff „oligarchitectur“ in den englischen Sprachgebrauch eingeführt.) | Tower Bridge mit Delphin-Fontäne im Vordergrund
Tja, dann hieß es Rückzug antreten. Es war schon halb acht, die dunklen Wolken mehrten sich und ich hatte ja noch eine Stunde U-Bahnfahrt vor mir. Ich überquerte daher die Tower Bridge und ging zügigen Schrittes am Südufer zur "London Bridge"-U-Bahn-Station, zwei Mal umgestiegen und Schwup die Wupps war ich in Ealing, noch fünf Stationen mit dem Bus und schon war ich gegen 21:000 Uhr im Hotel. Jetzt ist es kurz vor Mitternacht und Zeit ins Bettchen zugehen. Ein paar Sehenswürdigkeiten warten also noch auf mich... Ach, regnen tut es immer noch nicht.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Wie eine Rückreise aussehen kann (11./12.07.2016)


6:00 Aus dem Hotel auschecken – ok

6:15 Mit der Metro bis zur Century Park Transfer Station fahren – ok

7:00 Mit dem Flughafenshuttle bis zum Internationalen Terminal fahren – ok 

8:35 Check-in nach Ottawa – ok 

8:45 Banane auspacken und eine heiße Schokolade dazu schlürfen, Wasserflasche an der Trinkwasserstation auffüllen – ok

9:00 Freies W-Lan nutzen, um Mail zu lesen, Mummum per skype zu informieren, dass ich jetzt losfliege, die Mai-Ausgabe der „Anstalt“ schauen – ok 

10:05 Boarding und reibungsloser Flug nach Ottawa – ok

16:15 Ankunft in Ottawa, Pizzastück zum Mittag essen, Wasserflasche an der Trinkwasserstation nachfüllen, „Schlesische Provinzialblätter“ weiter lesen, nebenbei Läppi neu laden – ok

19:20 Mit leichter Verspätung Flugzeug nach Frankfurt am Main besteigen – ok 

08:20 Pünktlich in FaM gelandet – ok

08:40 Passkontrolle I – nicht ok, da die Grenzschutzpolizei zu diesem Zeitpunkt gerade unpässlich, weil unterbesetzt war, und die Schalter geschlossen hatte. Auf Weiterreisende könne keine Rücksicht genommen werden, schließlich sähe ja jeder, dass die Schalter geschlossen seien und dass daher keiner zum Terminal A durchgelassen werden könne. Weiterreisende nach Amsterdam, Berlin und Zürich fluchten wie die Rohrspatzen, in allen Sprache dieser Erde, aber die Schalter blieben dicht. DEUTSCHLAND! Ich hätt‘…

09:00 Die Passkontrolleure nehmen endlich ihre Arbeit auf. Natürlich werden alle so an den Schaltern abgefertigt, wie sie in der Schlange stehen – Anschlussflüge sind schließlich nicht das Problem des deutschen Grenzschutzes. DEUTSCHLAND! Ich hätt‘…

09:30 Endlich an der Gepäck- und Passkontrolle II – nicht ok, da soooo viel Reiseaufkommen ist, wird die Gepäckdurchleuchtung vorrübergehend geschlossen, um Rückstau abzuarbeiten. Wie bitte?! DEUTSCHLAND! Ich hätt‘…

10:05 Endlich Gepäckkontrolle. Läppi auf- und zugeklappt und in die Box zurückgepfeffert. Danke, ist ja schließlich nur mein Laptop nicht ihr eigener, nicht war? Zur Strafe musste ich in die Durchleuchtungsbox. Ich hätt‘… 

10:15 Sprint zum Gate A11. Brezel zum Frühstück gekauft. Mit leichter Verspätung Abflug nach Berlin, Tegel. Wasserflache nicht mit Wasser nachgefüllt, weil keine Trinkwasserstationen in Deutschland vorgesehen sind… – nicht ok 

12:00 Überpünktlich in Berlin, Tegel gelandet – ok 

12:15 Gepäck vom Band gefischt – ok

12:30 Bus zum Zoo – ok; halt, nicht ok, weil der falsche, der, der über Ku-Damm fährt und jeden Berliner Stau mitnimmt, inklusive Hupkonzert von allen Seiten – ich bin in DEUTSCHLAND angekommen, ich habe es gemerkt. 

12:58 Regionalen Bummelexpresszug nach Frankfurt (Oder) gerade noch erwischt, da dieser „nur“ 30 Minuten Verspätung hat – ok; halt, überhaupt nicht ok, da der Zug nur bis Erkner fährt. Zwischen Erkner und FfO gäbe es Probleme mit dem Stellwerk (ganz was Neues; noch nie vorgekommen), aber ein Notfallbusfahrplan wäre eingerichtet worden. Merke, Vergangenheitsform! Sprich, die Ersatzbusse fahren schon, nicht wahr? 

16:39 Gerade einmal drei Busse während der gesamten Zeit kamen nach Erkner, um nach Ffo weiterzufahren. Das macht fast einen ganzen Bus pro Stunde! Dazu muss man wissen, dass bereits vor mir viele Passagere in Erkner gestrandet sind und dass pro Stunde zwei Züge in Erkner auf ihrem Weg nach Ffo angekommen. Drei Busse also ein Witz sind; ein schlechter noch dazu. – nicht ok! DEUTSCHLAND!

Warten  in Erkner am Bussbahnhof auf den Schienenersatzverkehr. Allerdings gibt das Bild bei Weitem nicht wieder, wie viele Menschen tatsächlich dort herumstanden bzw. -saßen. (@Manja Wilde, MOZ)
17:08 Plan gefasst nach Berlin zurück zu fahren, um von dort nach Königs Wusterhausen oder Wünsdorf-Waldstadt zu fahren und dort den Zug nach Ffo zu nehmen – ok

17:10 Plan nicht ausgeführt, weil nun auch die Züge zurück nach Berlin nicht mehr fahren – nicht ok, ich hätt‘…

17:15 S-Bahn nach Berlin bestiegen, um am Ostkreuz in eine andere umzusteigen, um zum Hauptbahnhof oder zum Südkreuz zu fahren, um von dort nach Leipzig zu fahren, weil Ffo einfach nicht erreichbar ist – ok 

17:25 S-Bahn hält in Friedrichshagen und alle Insassen werden gebeten, die Bahn zu verlassen. Wie jetzt? Spinnen jetzt alle, oder was?! – nicht ok

17:35 Ansage: S-Bahnen fallen auf unbestimmte Zeit aus – nicht ok, ARGHGRRRRR!!!

17:40 Der Run auf die Straßenbahn geht los. Ich hab‘ keinen Schimmer, wohin die überhaupt fährt, renne aber mit, schließlich wollen alle nach Berlin – nicht ok

17:42 Valentina steht neben mir. Hä, die Welt ist klein und Zugverkehrkatastrophen zwischen Ffo und Berlin treffen eben alle universitären Pendler. Endlich Jemand der sich auskennt und ich Glückspilz habe diese Jemandin getroffen – sehr ok 

17:50 Haltestelle „Sowieso“ erreicht. Name hab‘ ich mir nicht gemerkt, renne schließlich Valentina einfach hinterher – super ok

18:00 S-Bahn zum Ostkreuz erwischt – ok; halt, nicht ok, S-Bahn fährt nämlich nicht los, schei…e! Irgendjemand blockiert die Tür, oder ein Kinderwagen, oder Fahrrad, oder Koffer, oder Handtasche, oder irgendein Kind; jedenfalls steht die Bahn und bewegt sich nicht vom Fleck, schei…e!!! 

18:18 Endlich am Ostkreuz; Ringbahn zum Südkreuz natürlich knapp verpasst – nicht ok

Gedränge am Ostkreuz (@ tagesspiegel.de)
18:37 Am Südkreuz; ICE nach Leipzig um drei Minuten verpasst. WARUM war gerade DIESER Zug an DIESEM besch… Tag pünktlich, hä???!!! Einfach mal platzen, das wär’s. 

18:40 Dem Automaten Fahrkarten für den nächsten ICE abgerungen – ok 

18:43 Pops Bescheid, gesagt, dass ich später kommen und von Pops die Aufforderung was zu essen erhalten. Stimmt, seit der Brezel um 10:00 nicht mehr gegessen. Nicht das ich es nicht versucht hätte, aber der Erknerische Kiosk ist einfach nicht auf die Strandung von massenhaft schlechtgelaunter Zugfahrer, die mehrere Stunden vor Ort auf Ersatzbusse warten, ausgelegt und war entsprechend leergekauft. Immerhin ein Fläschchen Wasser habe ich noch bekommen, andere kuckten schon da ziemlich doof aus der Röhre – nicht ok 

18:47 Edeka hat keine Brötchen mehr (nun gut, bin auch kein Befürworter der kurz vor Ladenschluss noch aufgefüllten Backwarenregale), aber diese grünen Bananen muss ich auch nicht kaufen. „Burger King“? Nein Danke. Also doch der Wiener Feinbäcker-Cookie – nicht ok 

19:00 Durchsage, dass es einen Zugschaden gäbe. Na klar, warum nicht, der Tag ist eh nicht mehr zu retten – nicht ok

19:45 ICE fährt am Gleis ein. Ich muss eben doch einmal Glück haben; eigentlich hatte ich mit folgender Durchsage gerechnet: „ICE 1717 fällt wegen eines Schadens am Betriebssystem/ Lok/ Gleisbett/ Fahrersitz aus. Ersatz-ICE ist nicht vorgesehen. Bitte nutzen sie die Bahnhofsbänke um ihr Nachlager aufzuschlagen. Weiterfahrt frühestens Januar 2017 wieder möglich. Betrieb der S-Bahnen wegen hohen Verkehrsaufkommens vorrübergehend nicht möglich.“ Oder so ähnlich – ok 

20:12 Durchsage im ICE, wir würden die Verspätung wieder aufholen – ok 

20:17 SMS von Pops: „Ok. Wir fahren los.“ – super-duper ok mit Sternchen :)
 
20:18 Gedanke: Der Tag kann nur noch besser werden!  

20:51 Ankunft in Leipzig und Heimfahrt im väterlichen Automobil – sehr ok

21:30 DUSCHEN! – ah, ein neuer Mensch wird geboren!

21:55 Erdbeerfuttern auf dem Balkon – na also, geht doch, der Tag ist besser geworden :)

Montag, 11. Juli 2016

Leichter Regen, starker Regen - Edmonton VI

Die Gewitterwolken von gestern haben den Regenwolken Platz gemacht. Was tun also, an so einem besch...eidenen Tag; in einer Stadt, in der anscheinend auch alle Museen gleichzeit gebaut oder rennoviert werden, jedenfalls nicht offen haben?
Eine geschlagene Stunde kann man damit verbringen, vergeblich on-line einzuchecken und Sitzplätze im Flugzeug nach eigenem Gusto zu reservieren (also nicht acht Stunden Fensterplatz oder eingeklemmt in der Mitte). Warum es dann letztendlich in fünf Minuten gelang, weiß der Fuchs, Geier oder Igel. Jedenfalls habe ich jetzt Gangplätze und das auf allen drei Flügen!
Nebenbei gewann im TV Andy Murray zum zweiten Wimbledon in dem er den (sehr kanadischen) Kanadier Miloš Raonić in drei Sätzen bezwang.

Dann, Wolkenlücke mit Sonne! Nichts wie raus in die Metro und zum Fort Edmonton Park. Der Park ist das größte Freilichtmuseum Kanadas, in dem einige Straßenzüge aus der Zeit um 1846, 1885, 1905 und 1920 nachgebaut wurden, zum Teil aber auch Originalhäuser ihren Platz gefunden haben, nachdem sie Wolkenkratzern im jetztigen Down Town weichen mussten. Zu dem wurde natürlich das Fort wieder aufgebaut, welches Ende des 18. Jahrhundert von der Hudson Bay Company (ebenfalls heute Down Town) errichtet wurde und zunächst als Umschlagplatz für Felle aller Art fungierte. Das Fort war auch Anlaufstelle der ansässigen Indianer, die dort ebenfalls Felle gegen europäische Gebrauchsgegenstände eintauschten.

Fort Edmonton mit sechmeterhohen Palisaden drumherum.

Erst ab den 1870er entstand rund um das Fort herum eine dauerhafte Siedlung. Ab 1885 spricht man von einer Stadt, in der es eine Telegraphenanbindung und eine wöchentlich erscheinende Zeitung gab. Allerdings lebten wohl nur rund 300 Menschen in der "Stadt". Zu dieser Zeit wurden jedoch eine Polizeistation und die methodistische Kirche errichtet, Einrichtungen, die natürlich jede vernünftige Stadt braucht. Den Boom um 1900 hatte ich in früheren Posts schon erwähnt.

Jedenfalls gelangte ich noch trockenen Fußes zum Fort und sah mir die "vornehmen" Zimmer im Hauptgebäude, aber auch die Räumlichkeiten des Fußvolks in den Arbeits- und Wirtschaftsgebäuden an. Der Unterschied? Im Hauptgebäude hatte man ein Zimmer und Bett für sich alleine, in den einfachen Behausungen lebten nicht selten 3 Familien, sprich 30 Personen zusammen, in einem Raum mit nur sechs Betten.  

Großes Bett mit kuscheligem Fell und großem Fenster | Drei Doppelstockbetten mit Wolldecken in einem niedrigen Raum
Außerdem konnte man in den Handelscomptoir reinspazieren und nicht nur die Felle bewundern, die zu tausenden über den  Ladentisch gewandert sind, sondern durfte Hasen-, Marder-, Wolfs-, Biber-, Hirsch- und Elchfelle auch mal anfassen. So ein Marder ist wirklich kuschlig... Im ersten, kleineren Raum wurden die Felle auf Größe und Güte geprüft und der Verkaufspreis festgelegt. Im zweiten, größeren Raum wurden die Felle dann verkauft bzw. eingetauscht. Der sich anschließende dritte Raum diente als Lagerraum. Unter dem Dachboden hingen ganze Wolfspäcker, Hirschsprünge und Hasenkolonien...

Verkaufs- bzw. Handelsraum | Dachboden | Wolfsfell
Dann, dann kam die Sinnflut. Untergeschlüpft bin ich beim Schmied, also bei der Schmiedin. Gefertigt wurde gerade ein Messer; der Griff wurde aus einer Elchschaufel geschnitzt und die Klinge wurde gerade aus einem Block Eisen zurechtgehämmert. Die Gruppe dudelnder Schotten, die plötzlich in voller Montur um die Ecke bog, sich im Innenhof des Fort aufstellte und wacker in die Dudelsäcke blies, trotzte dem Wetter aber auch nur ein paar Minuten. Dann verschwand sie wieder und der Scout alleine mochte gewusste haben, woher der Musiktrupp plötzlich aufgetaucht ist (später stellte sich heraus, dass gerade ein "Keltentreffen" im Fort stattfand). 

Dudelsäcke | Schmiede

Da keine Wetterbesserung abzusehen war, stülpte ich meine Regenplane über meinen Rucksack (ich war schließlich vorbereitet!), zog die Kaputze ins Gesicht und machte mich in Richtung "Stadt" auf, wo ich noch beim lokalen Printmedium vorbeischaute. Es stellte sich heraus, dass die Druckerei zu den Häusern gehörte, die wirklich in den 1870er erbaut wurden und in den Park umgesiedelt wurde. Auch bei den Druckplatten, Druckbuchstabenstifte und den Druckpressen handelt es sich um Originale. Hinter der Presse stand ein freundlicher Herr, der freudig alle pittschnassen Besucher über die lokale Zeitungslandschaft in Edmonton aufklärte. Die erste Zeitung erschien 1885 und umfasste vier Seiten. Die Auflage belief sich auf 200 Stück; sprich, wirklich jeder erwachsene Einwohner von Edmonton erstand sein eigenes Exemplar. Die Ausgaben der Zeitung sind heute noch erhalten, wurden digitalisiert und können on-line eingesehen werden. Ich wünschte, in Deutschland würde die Digitalisierung so schnell voranschreiten!

Druckerei des "Edmonton Bulletin", gegründet von Frank Oliver 1885 | Hobby-Frank Oliver

Da es weiterhin vor sich hin schiffte und die Gräue des Himmels vermuten ließ, dass das den gesamten restlichen Tag so weiter gehen würde, watete ich zurück zum Ausgang und zur Bushaltestelle. Jedenfalls so mein Plan...

Straßenverhältnisse damals und heute

 ... allein, ich fand keine Bushaltestelle, an der Busse Richtung "zurück" hielten. Zudem musste ich erfahren, dass Busfahrpläne - neben Stadtplänen - zu den Dingen gehören, die Kanadier nicht erfunden haben. Es liefen auch keine anderen Menschen herum, die man hätte fragen können. Ich war also etwas ratlos und schon bereit mich wieder zu Fuß Richtung Norden aufzumachen - spaßiges Vorhaben bei dem Wolkenbruch. Die Rettung nahte in Gestalt einer Mitarbeiterin des Forts, die gerade Feierabend hatte und fluchend feststellte, dass der Bus gerade ohne sie abgefahren sei. Welcher Bus? Wo? Ich fragte also, wo denn der Bus halten würde und wir gingen gemeinsam um zehn Ecken, überquerten die Autobahn und siehe da, eine Bushaltestelle! Wer sagt's denn. Sie war übrigens Polin; es gibt sie wirklich überall :)

Nun schreib' ich den Blog noch zu Ende und versuche noch herauszukriegen, wie ich morgen zielsicher zum Flughafen komme, zu welchem Schalter ich muss, zu welchem Gate ich in Ottawa rennen muss, zu welchem in Frankfurt und wann ein Zügele von Berlin zum anderen Frankfurt fährt. Dann habe ich fertisch für heute. Am Dienstag um 12:20 sollte ich dann in Berlin landen.

Diebe, Sklaven und Modenarren - Edmonton V (09.07.2016)

Auch am letzten Konferenztag wurde so einiges geboten. Die interessantesten drei Vorträge sollen hier kurz erwähnt werden.

Eine Doktorandin aus Baltimore stellte einen versierten Dieb im Philadelphia um die Jahrhundertwende (1800) vor, der seine (Misse)taten in einem Tagebuch aufgezeichnet hat. Ergänzt wurden ihre Quellen aus Gerichts- und Polizeiakten sowie Zeitungsartikeln verschiedener lokaler Zeitungen. Alle drei Quellengattungen belegen, dass mehr als die Hälfte der damals als gestohlen gemeldeten Dinge (im Falle des Diebes, der von ihm entwendeten Gegenstände) Textilien waren. Ein Indiz dafür, dass Kleidung, Bettzeug und Schnupftücher Wertgegenstände waren, die es wert waren, als vermisst gemeldet zu werden und über deren Verlust  man sich maßlos ärgerte. Für den Dieb boten sie jedoch eine Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit - neu ausstaffiert - als respektabler Gentleman zu zeigen und so sein Handwerk noch effektiver, weil legal, betreiben zu können. Beispielsweise eröffnete sich ihm mit den entwendeten Kleidungsstücken die Möglichkeit, im Pfandhaus den in einen vorrübergehenden finanziellen Engpass geratenen Gentlemen zu mimen, der dort seinen (gestohlenen) Sonntagsmantel gegen Bargelt würde abliefern können. Ein Vorgang, der im Allgemeinen nicht ungewöhnlich war, wie die Vortragende zu berichten wusste. In den Verleihnotizen kamen nämlich regelmäßig Verpfändungen von Sonntags(Kirchgang)kleidung vor. Das lustige dabei sei, dass viele Sonntagskittel zum Kirchgang ausgelöst wurden, um dann, nach dem Gottesdienst, gleich wieder ins Pfandhaus getragen zu werden. Was aus dem Dieb geworden ist, lässt sich nicht sagen; sicher ist nur, dass er elf Mal erwischt wurde und insgesamt wohl um die acht Jahre im Kittchen einsitzen musste. Der Gefängnisreform dieser Zeit sei Dank, wurde er immer wieder heil und unversehrt in die Freiheit entlassen und behielt daher alle nötige Fingerfertigkeiten, um seinen Beruf nach der Entlassung immer wieder aufs neue aufzunehmen zu können :)

Der zweite Vortragende versuchte zu ergründen, welchen textilen Besitz entlaufene Sklaven und Sklavinnen in Virginia (1740-55) auf ihrer Flucht bei sich trugen. Als Quelle dienten Anzeigen in Zeitungen, die von den Sklavenhaltern aufgegeben wurden und in denen beachtliche Belohnungen für alle in Aussicht gestellt wurden, die Hinweise lieferten, die zur Ergreifung des wertvollen Besitzes führten. Im Laufe des Vortrages wurde sehr deutlich, dass die Flüchtigen häufig nicht über charakteristische körperliche Merkmale ausfindig gemacht wurden, sondern an Hand dessen identifiziert werden konnten, was sie am Leib trugen. Die Anzeigen beschrieben nämlich sehr detaillreich die Anziehsachen, die der oder die Flüchtige zum Zeitpunkt seines/ ihres Verschwindens anhatte. Essentiell war daher, dass es den Flüchtigen so schnell wie möglich gelang, den Verbreitungsraum der lokalen Presse zu verlassen. Erst einmal weit genug entfernt, konnte man mit etwas Glück darauf hoffen, dass es innerhalb der neuen Gemeinschaft weit wichtiger war, was man handwerklich drauf hatte; wie sehr man also gebraucht wurde.

"The Old Plantation", John Rose (?), zwischhen 1785-95. Gut zu sehen, die verschiedenen Kleidungsstückmöglichkeiten, die Sklaven besitzen konnten: Hüte, Kopftücher, Hosen und Kleider in verschiedenen Farben und Schnittstilen (auch Materialien) usw.

Im dritten Beitrag wurde die Bezeichnung und die Verbreitung der als "Macaroni"-Mode bezeichneten Moderichtung diskutiert. Der Begriff "Macaroni" kam 1748 zum ersten Mal auf und fand seit den 1770er Jahren in England enorme Verbreitung. Übrigens: Der Begriff "Macaroni" rührt tatsächlich von den italienischen Nudeln her und bezeichnet den Kleidungsstil junger Engländer, den sie auf ihren Bildungsreisen, der sogenannten "Grand Tour", in Italien kennengelernt hatten und in dem sie gekleidet waren, als sie in ihre Heimat zurückkamen. Sagen wir, die Eltern der jungen Gentlemen waren not amused :)

Richard Bennett, 1774 | "What! Is this my son Tom?" (Was! Ist das mein Sohn Tom?), 1774
Zum Schluss der Konferenz wurden noch lobende Worte gesprochen und dann war sie auch schon vorbei. Ich muss sagen, ich habe mich nicht gelangweilt und das Essen war hervorragend! Ich hatte gar nicht erwähnt, dass an jedem Tag "Grundsatzreden" (keynote lectures) gehalten wurden. Der deutsche Begriff klingt so was von fehl am Platz... na ja; es waren Vorträge außer der (Konferenz)Reihe, die von Gästen zu bestimmten Themen gehalten wurden: Am ersten Tag zur Bekleidung im maoistischen China, am zweiten Tag zu Heiratsmoden in Zambia und am dritten zum Kleidungsstil junger mexikanischer adeligerr Frauen (16.-18. Jhd.). Entsprechend wurden die Häppchen am Buffett in den Pausen angepasst: Frühlingsrollen, afrikanisches Fingerfood (keine Heuschrecken) und schließlich Taccos. 

Nachdem wir uns also alle gegenseitig Beifall geklatscht hatten, war der offizielle Teil vorbei. Der Abend klang bei einem Essen der Doktoranden unter sich aus. Da es schon spät war, beschloss ich wieder einmal zu laufen und den Weg zum Muttart Conservatory (botanischer Garten) zu nehmen. Gegen Mitternacht war es schließlich wirklich dunkel :)

Edmonton by night vom südlichen Flussufer aus gesehen.

Das erleuchtete Muttart Conservatory am südlichen Flussufer gelegen. Der helle Fleck oben links ist übrigens der Schimmer von Blitz und noch mehr Blitzen. Der Regenguss kam glücklicherweise erst, als ich schon im Bettchen war.

Die Lowlevel Bridge. Die kleine Schwester der Highlevel Bridge.

Samstag, 9. Juli 2016

Afrika, Amerika, Asien und Europa treffen aufeinander - Edmonton (IV)

Der heutige Tag begann mit Ausführungen zu gemusterten Stoffen aus Afrika im 20. Jahrhundert. Der erste Vortrag konzentrierte sich auf die Zeit zwischen 1950 und 2010 und stellte die Brüche auf dem Ghanaischen Modemarkt in den Mittelpunkt. In den 50ern kamen vor allem - und vor dem Hintergrund der Unabhängigkeitsbestrebungen Ghanas nicht verwunderlich - wieder traditionelle afrikanische Muster auf. Bis zu den 1990er Jahren profitierte daher die einheimische Textilproduktion von der Abkehr von westlichen Schnittmustern und Stoffen bis sie durch die billigen chinesischen Importwaren unter Druck geriet. Daraufhin begannen junge ghanaische Designer in den 2000ern mit der Erschließung des höherwertigen Preissegments mit Bekleidungskollektionen, die sich wieder sehr stark auf traditionelle Ornamentiken und Designs besannen.

Vlisco, 2010
Der zweite Vortrag konzentrierte sich auf die (männlichen) Schneider im Senegal in den Jahren 1940-80. Zwei Aspekte wurden besonders hervorgehoben: Erstens, die eingeführte (europäische) Secondhand-Kleidung wurde von den Afrikanern in den seltesten Fällen so aufgetragen, wie sie auf den Markt gespült wurde und zweitens, bevor sich Schneider in kleinen Shops niederließen, gingen sie meistens auf "Wanderschhaft" und boten ihre Fertigkeiten auf Märkten verschiedener Städte an.
An Hand von geführten Interviews mit ehemaligen Schneidern, erfuhr die Vortragende, dass nicht selten aus zwei-drei aus Europa kommenden Hemden, Pullovern, Hosen oder Röcken, ein neues - dem Wunsch des afrikansichen Kunden entsprechendes - Kleidungsstück gefertigt wurde. Außerdem kamen sie zwangsläufig mit lokalen Vorlieben und modischen Vorstellungen in Kontakt, die wiederum auf ihre eigene Kreativität Einfluss nahmen.  

Nach der Kaffeepause nahmen mich Reiseberichte und "Modejournale" ins 16. und 17. Jahrhundert mit. Alle drei Vorträge nahmen Papageienfedern und Felle als modische Accessoires in den Blick. Einerseits ging es um deren Einflüsse auf die europäische Mode der Zeit, andererseits wurde gegenübergestellt, wie vor allem Pelz im "zivilen" Europa als teures Asseccoire galt, während Leder- und Fellkleidung außereuropäischer Völker gerade als Symbol für deren "Unzivilisiertheit" galt. 

Sophie von der Pfalz als Indianerin (um 1644) | Umhang aus Federn, Brasilien (Tupinambá)
Danach hatte ich Glück und konnte noch einen freien Platz bei der Führung durch die Mactaggart Kollektion ergattern, die im Museum der University of Alberta, verwahrt wird. Die Sammlung wurde 2005 an das Museum übergeben und umfasst mehr als 1000 Objekte (Gemälde, Textilien, Kleidung und Schnitzereien) aus dem alten China. Angelegt wurde die Sammlung von dem in Edmonton ansässigen Ehepaar Mactaggart, welches in den 1950ern im Baugewerbe zu Reichtum gelangte.

Kaiserliche Seidenrobe, um 1885-1908, Mactaggart Collection.
Lustig waren die "Tücher", die an der Außenseite der Bekleidung angebracht wurden und als Zeichen des hierarchischen Ranks des Trägers mit unterschiedlichen Tieren "bestickt" waren. Der Witz bestand darin, dass die Tücher nicht direkt mit den Tiersymbolen bestickt wurden, sondern die Tier-Stücke gekonnt auf die Tücher aufgenäht wurden, so dass man sie im günstigsten Falle einer Beförderung abtrennen und durch andere Tiersymbole ersetzen konnte.

Aufgenähter Löwe, Mactaggart Collestion

Am Abend drehte sich dann wieder alles um afrikanische Mode und Stoffe aus Zambia seit den 1950ern. Den kulinarischen Abschluss bildete ein Ausflug mit fünf JapanerInnen und zwei Chinesinnen, einer Australierin und mir zum Griechen :)

Freitag, 8. Juli 2016

Globalisierte Stoffe - Edmonton (III)

Pünktlich um 8:00 Uhr begann die Registrierung der Konferenzteilnehmer und das Aushändigen des Programms, der Konferenzmappen mit den nötigen Unterlagen und dem Schreibzeug. Das übliche Chaos vor dem Beginn einer jeden Konferenz also. Diese "Registrierungsaktionen" sind immer spaßig, weil völlig überforderte Helfer im Gewimmel und Gewusel auch die einfachsten Namen missverstehen und sich wundern, warum sie keine vorbereiteten Unterlegen unter dem verstandenen Namen finden. Richtig lustig wird es, wenn Chinesen, Inder oder auch Kenianer ihre Mappen abholen wollen...

Egal, ich hatte mein Mäppchen abgeholt und konnte mich nun dem Studium des Programms widmen und mir Gedanken machen, an welchen Panels ich an diesem und den kommenden Tagen gerne teilnehmen würde (was nie einfach ist, da viele Panels parallel stattfinden und man eigentlich zu zwei oder drei gehen wollen würde). Auf der Suche nach einer ruhigen Ecke, entdeckte ich auch das Frühstücksbuffet - hm, kein Vergleich zu meinem schnöden Cookie eine Stunde zuvor.
Nachdem um 9:00 Uhr die üblichen und obligatorischen Begrüßungs- und Dankensworte (Sponsoren) gesprochen worden waren und eine musikalische Einlage einer preisgekrönten Musikband mit traditionellen indianischen Gesängen verklungen war, begannen die ersten Vorträge.

Ich lauschte Ausführungen über eine speziell für die Kaiserinmutter zu ihrem 50. Geburtstag angefertigte Veste im späten Ming-China, zu deren Herstellung Federn, Fischschuppen und Edelsteine aus ganz Südostasien eingeführt worden waren. Außerdem wurde die kostümliche Repräsentation des chinesischen Admirals Zheng He (1371-1433) in der neuen chinesischen Oper analysiert. Zum Schluss, und das war das Interessanteste, stellte Jemand die Verschiffung von chinesischer Seide nach Mexiko im 17. Jahrhundert vor und erklärte, wie die neuen Stoffe die lokale Seidenproduktion beeinflusste. Ich hatte ja keinen Schimmer, dass man in Mexiko Seide hergestellt hat...

Im nächsten Zeitfenster von 11:30 bis 13:00 Uhr war unsere Gruppe dran. Ich war ehrlich überrascht, wie viele Leute sich für unsere "billigen Massenwaren" für Sklaven interessierten. Alles lief gut, nur Zuspruch von allen Seiten und viele neue Kontakte - mehr kann man nicht erwarten :)

Auch der anschließende Mittagsimbiss war nicht von schlechten Eltern, eh Enten. Dazu gab's Gemüschen und Öbstchen, also alles lecker. 

Danach folgte ein etwas mühsames Panel... Obwohl das, was gesagt wurde, wahrscheinlich sogar interessant war. Allerdings hab' ich und mindestens die Hälfte der Zuhörer auf den hinteren Plätzen nichts verstanden, weil vorne im Flüsterton vorgetragen wurde. Pech gehabt.

Der Empfang am Abend fand in einem der vielen (zur Universität gehörenden) Museen statt, wo gerade Fotos von John Thomson ausgestellt wurden, die er Ende des 19. Jahrhunderts in China und dort vor allem von Frauen aller sozialen Couleur und ihrer Kleidung gemacht hatte. Sieht man auch nicht alle Tage.

John Thomson: Manchu Braut, 1871 (Wikipedia)

Von A wie Adapter bis P wie Pyramiden - Edmonton (II) 06.07.2016


Die Wettervorhersage war grottig - Regen, Wind, durchgehend bewölkt, am Abend Gewitter bei Höchsttemperaturen von 20°. Supersache.
Eine längere Wanderung war (wie ich zunächst beschlossen hatte) ausgeschlossen; nicht nur weil es draußen ungemütlich sein könnte, sondern weil der Tagesmarsch gestern mit einigen Blasen an Fersen, kleinen Zehen und Fußsohlen (!) zu Buche geschlagen hatte und ich ein wenig eirig unterwegs war... Ein idealer Tag also, um ausgiebig das E-Mailpostfach zu sichten, Blog zu schreiben, meinen Vortrag nocheinmal durchzugehen...

Kaum hatte ich meinen Läppi aufgeklappt und angeschaltet, ertönte auch schon das leise Piepen, welches mich auf den niedrigen Ladezustand der Batterie hinwies (Auf dem Flug nach Kanada hatte ich schließlich fleißig gearbeitet und einen weiteren Band der "Schlesischen Provinzialblätter" nach "meinen" Kaufleuten durchforstet (Band 22, erschienen 1795)). Kein Problem, Adapter habe ich schließlich mit. Tja, der Adapter passt auch in die kanadischen Steckdosen, nur das Computerkabel leider nicht in den Adapter. Ich hätt'... na ja, ihr wisst schon. Damit war ein vorläufiges Tagesziel klar: ein Adapter musste her, einer der sowohl in die Steckdosen passt, als auch das Kabel vom Compi schluckt.

Kaum eine halbe Stunde später, hatte ich einen Elektronikladen ausfindig gemacht. Der Name der Ladenkette war allerdings nicht Programm: Von wegen "Best Buy" (Bester Einkauf(spreis)); mein neuer Adapter war ziemlich teuer. Allerdings kann ich mit dem Teil nun auch weltweit die Steckdosen bestücken und mein elektrisches Equipment laden.

Auf meinem Weg durch Downtown viel mir auf, dass arg wenig Wolken den Himmel verhingen. Im Gegenteil, die Sonne schien, die 20° waren eher 25° und der Wind ist wahrscheinlich in den Urlaub gefahren, jedenfalls war Prachtwetter angesagt. Zum Hotel zurück und auf dem Zimmer Mails lesen war daher keine Option mehr. Mir kamen die Pyramiden in den Sinn, die mir gestern auf der Fahrt mit dem "Hoch-Zug" aufgefallen sind. Die stehen direkt am anderen Flussufer, sprich, so weit entfernt können die gar nicht sein. Gedacht, gegangen.

Kanadische Entfernungen gepaart mit Baustellensperrungen sollten jedoch nicht unterschätzt werden - das werde ich mir merken! Meine Blasen an den Füßen jaulten förmlich, als ich anderthalb Stunden später vor den fünf Glaspyramiden stand.

Die Pyramiden von Edmonton
Ihr denkt, die Glasdächer sehen wie Gewächshäuser aus? Seht ihr, wir müssen verwandt sein, denn diesen Gedanken hatte ich nämlich auch. Das beste dabei ist, wir haben recht :)
Die vier Pyramiden gehören zum botanischen Garten und drei von ihnen beherbergen Pflanzenwelten unterschieldicher Klimazonen. In der vierten werden häufig wechselnde thematische oder saisonale Bepflanzungen vorgenommen. Die fünfte, kleine, mittige lässt einfach nur Licht ins Foyer des Eingangsbereiches.

Muttart Conservatory
Da ich nun schon einmal da war, stellte ich mich den Temperaturextremen: tropisch-warm-feucht, heiß-trocken und die frischen Allerweltstemperaturen unserer herkömmlichen Breitengrade machhten ihren Namen auch alle Ehre.
Wahrscheinlich rührt meine verstopfte Nase heute von den zwanzig Minuten Allerweltsklima her...

Ansonsten weiß jeder von euch, wie ein botanischer Garten auszusehen hat und so sahen auch die gestalteten Rabatten in den Pyramiden aus. Die vierte wurde leider gerade neu bepflanzt, weswegen der Zutritt verboten war (habe auch 25% weniger Eintritt bezahlt).
 
Der Bau des Gartens (1976) wurde zum größten Teil von der "Muttart Foundation" co-finanziert, die 1953 von Gladys und Merrill Muttart ins Leben gerufen wurde. Während Gladys Muttart beim Aufbau des Kanadischen Diabetes Verbandes aktiv beteiligt war, war Merrill Muttart in der Baubranche tätig und machte mit dem Bau von Sozialwohnungen nach dem zweiten Weltkrieg enorme Gewinne. Mit dem Verkauf ihrer zahlreichen Firmen legten sie den finaziellen Grundstock ihrer Stiftung, die noch heute nachhaltige Bildungsprojekte und -einrichtungen unterstützt. Es gibt schlechtere Möglichkeiten Geld anzulegen.

Auf meinem Weg zurück, natürlich zu Fuß, erklomm ich wieder den Hügel, auf dem mich am vorangegangenen Abend die Mücken zu fressen versuchten, und hatte nun die Skyline von Edmonton vor himmelblauem Hintergrund vor mir.

Sauwetter sieht wirklich anders aus...
Ich beschloss auf anderem Wege zurückzulaufen, um so die rieisge Baustelle zu umzugehen, die meinen Zeitplan am morgen so gründlich über den Haufen geworfen hatte. Allerdings wusste ich da ja auch noch nicht, welche Lastkräne und Baugruben mich auf der anderen Route erwarteten... Schließlich kam ich doch beim Hotel an, nahm die dringend benötigte Dusche und machte mich zum Treffen mit meinen Mitstreitern auf - diesmal mit der Metro.

Unsere illustre Runde setzt sich zusammen aus: Miki Sugiura (Hosei Universität, Tokio), die einige Jahre in Amsterdam gelebt und gelehrt hat und sich mit dem Import billiger Stoffe aus den Niederlanden nach Südafrika beschäftigt (18.-19. Jhd.). Jody Benjamin (University of California, Riverside), der sich mit der Wirtschaftsgeschichte Westafrikas vor der Kolonisierung befasst, und vor allem nicht-europäische (auch mündlich überlieferte) Quellen in den Blick nimmt und dafür in Mali die Bamanankan Sprache und das N'ko-Schriftsystem erlernt hat (sehr untypisch für einen Amerikaner). Gabi Schopf (Universität Bern, Bern), die den Import und die Zirkulation von indischen Baumwollstoffen in der Schweiz in der frühen Neuzeit untersucht. Klar, dass meine schlesischen Leinenstoffe und ihr Export nach Übersee im langen 18. Jahrhundert perfekt dazu passen.

Nachdem wir nach dem dann doch eintretenden Regenguss zunächst ins Lokal geflüchtet waren, Jody die Nachricht erhalten hat, dass sein Koffer nun auch in Endmonton angekommen sei und Gabi gejetlagt schon am Einnicken war, löste sich unsre Runde auf und ich fuhr mit der Metro wieder zurück zum Hotel.

Mittwoch, 6. Juli 2016

EEE - Erster Eindruck von Edmonton (05.07.2016)

Nach einem fast 30-stündigem Montag (04.07.2016) stieg ich kurz nach Mitternacht (05.07.2016) vor dem DaysInn-Hotel aus dem Taxi. Die einstündige Fahrt mit Bus und Zug vom Flughafen nach Downtown Edmonton habe ich mir dann doch erspart.
Auf der Fahrt durch die stockdunkle Nacht kam mir Edmonton als eine etwas zerfranste Stadt vor, in der an allen Ecken und Enden gebaut wird. Gehämmert und geschweißt wurde auch an einer halbfertigen Brücke, so dass der Weg etwas länger ausfiel und vom Taxifahrer lautstark mit den Worten "it takes them forever!" (Die brauchen schon ewig!) kommentiert wurde. Ob dieses "ewig" mit dem ewigen Bau eines Berliner Flugafens mithalten kann?

Spätestens bei meinem Gang zur nächsten Metrostation (Corona station) am nächsten morgen, wurde klar, Edmonton ist wirklich keine architektonische Perle. Bankgebäude, Bürokomplexe und Hotelblocks geben sich in betonischer Pracht die Klinken in die Hand. Was in New York und Tokyo nach "Mega-Metropole" aussieht, wirkt in Edmonton wie gewollt, aber nicht richtig gekonnt.

Als Hauptstadtt der Provinz Alberta und einer Einwohnerzahl von einer knappen Million Menschen zählt Edmonton zu den größten Städten Canadas. Den Boom der Wirtschhaft verdankt die Stadt der Ölförderung und der Ansiedlung von petrochemischen Betrieben, die auch in den letzten Jahren für ein Wachstum der Stadt sorgten. Die 1981 eröffnete West Edmonton Mall setzte sich damals an die Spitze der größten Shoppingzentren weltweit, seit 2004 ist sie "nur" noch die größte Nordamerikas.
Geld wurde also in größeren Mengen in die Stadt gespült, nur an der Umsetzung der Moneten in vernünftige Stadtplanung harperte es offensichtlich und - den riesigen Baugruben überall nach zu urteilen - geht es ungebremmst so weiter. Noch nie bin ich durch eine Stadt gelaufen, ohne dass ich irgendeine Ecke für fotografierwürdig hielt. Die Bilder dienen daher lediglich als Beweis, dass ich den Apparat brav mitgeschleppt habe.

Take a Risk. It's the Most Edmonton Thing You Can Do.

Chic in pink.

Zwischendrin stehen noch vereinzelt Gebäude aus der ersten Bauboomphase um 1900 herum. Vor allem Bankgebäude.

So sieht es an zahllosen Ecken aus.
Die Kamera habe ich daher kaum im Gebrauch gehabt, obwohl ich lange genug unterwegs war, um über etwas stolpern zu können, was ich hätte fotoraphieren wollen. Zwischen neun Uhr morgens und neun Uhr abends war ich pausenlos unterwegs. Die Reize der Stadt versteckten sich wahnsinnig gut!

Gegen 9:00 Uhr verließ ich das Hotel Richtung Metro-Station, um mich zum Campus der Universität (University of Alberta) aufzumachen. Erstens, ich musste herausfinden, wo ich am Donnerstag vortragen werde und zweitens, als Restaurant-Sichtungs-Verantwortliche für unser kleines Gruppentreffen am Mittwochabend vor Konferenzbeginn, wollte ich mich in der Umgebung etwas umsehen.

Der Campus ist eine Stadt für sich und genauso hässlich und nichtssagend wie die Stadt, in der er sich befindet. Aßerdem hatte ich langsam ordentlich Frühstücks-Hunger, fand aber nichts Essbares. Städte mit riesigen Einkaufszentren aber mit einem Minimalangebot an Supermärkten oder Cafeterias sind eben doch sch... . Irgendwann, wie sollte es auch anders sein, tauchte ein Starbucks auf. Nach ettlichem Herumgeirre eine halbe Stunde später - Stadtpläne haben Kanadier nämlich nicht erfunden - habe ich dann doch die studentische Fressmeile gefunden, wo auch ordentlich Betrieb war (schließlich war es dann auch schon gegen halb zwei). Mittwochabend kann kommen.

Wie der Zufall es wollte lief ich bei der historischen "High Level Street Car"-Eisenbahn vorbei. Gebaut 1947 in Melbourne wurde sie 2004 an Edmonton verschenkt, warum auch immer, keine Ahnung. Eisenbahnliebhaber bearbeiteten daraufhin die städtische Verwaltung so lange, bis 2006 ein Teilabbschnitt der 1881 eingeweihten, aber seit langem stillgelegten, Canadian Pacific Railway-Strecke für touritische Fahrten freigegegeben wurde. Nun tuckert ein Melbourner Zug - ich würde das Teil ja als Starßenbahn bezeichnen - über die Gleise, die um 1900 für den ersten Einwanderungsboom Edmontons verantwortlich waren und das in einer nicht zu unterschätzenden Höhe von 50 Metern  über Flusspegel. Auf diesem Wege gelangte ich wieder nach Downtown, wo ich noch durch die Jasper Avenue umherwanderte, die sich durch das gesamte Viertel zieht, aber auch nicht viel her gibt.

High Level Street Car, Baujahr 1947, Melourne - immer noch  in Betrieb in Edmonton.

Blick aus dem Waggon. Im Hintergrund ist die halbfertige Brücke zu sehen (weißer Bogen). Wer günstig wohnt, kann auf asphaltierten Wegen, aber immerhin größtenteils im Grünen, joggen oder radfahren.

Die Brücke sieht zwar mächtig aus, bietet aber nur Platz für ein Gleisbett. (Edmonton Sun, 28.08.2011.)
Ein letzter Versuch der Stadt ein hübsches Aussehen zu verpassen (Panorama by night), scheiterte an der nicht untergehenwollenden Sonne (erst gegen halb zwölf Uhr abends ist es dunkel). Da half auch eine anderthalbstündige Wanderung auf der Suche nach einem Sandwich oder Ähnlichem nich weiter. Als mich die dritte Mücke gestochen hat, gab ich auf, verließ meinen tollen Aussichhtsplatz am nördlichen Flussufer (von dem man auf das Stadtzentrum am tiefergelegenen südlichen Flussufer blicken kann) und krakselte zu Fuß die Höhenmeter wieder hinauf und die Jasper Avenue zum Hotel entlang. Nach 30 Kilometern Stadtgang und mehrmaligen Brückenüberquerungen habe ich dann die Füßchen hochgelegt. 10.000 Schritte habe ich bestimmt übertroffen :)

Vor dem drohenden Wolkenbruch bin ich auch geflüchtet. Es kam dann aber keiner.