Das s.g. „First
Thanksgiving“ fand 1621 statt. Ein Jahr nach ihrer Ankunft in der „neuen
Welt“ luden die weißen Siedler die Wampanoag-Indianer ein, mit ihnen gemeinsam
ihre erste erfolgreiche Ernte zu feiern und ihnen für ihre Überlebenshilfe im
ersten Winter 1620 zu danken – so der Mythos. Eine Geschichte, die auf der
Plymoth Plantation (Link zum entsprechenden Eintrag im Blog) weiter
gehegt und gepflegt wird. Eine Legende, die nur noch wenigen (weißen) Amerikanern
bekannt ist, weshalb der Tag auch nichts mehr (in der breiten Öffentlichkeit) mit
den Uhreinwohnern Amerikas zu tun hat.
„Thanksgiving“ hat seinen Ursprung in Feierlichkeiten zum
Dank für eine gelungene Ernte, so weit stimmt's. In den von Spaniern und Franzosen okkupierten
amerikanischen Gebieten sind diese jedoch schon für das 16. Jahrhundert belegt. In Virginia,
der ersten englischen Siedlungskolonie, ist das erste dieser Art von Fest für
1607 nachgewiesen. Nach einigem Hin und Her über den „wahren“ Grund der Feier erhob
George Washington am 03. Oktober 1789 „Thanksgiving“ zum staatlichen Feiertag
und er erklärte, dieser Tag sei dazu da, Gott dem Allmächtigen für die
Möglichkeit zu danken, dem amerikanischen Volk eine Regierung gegeben zu haben,
die die Sicherheit und das Glück der Nation garantiere. Erst ein Bundesgesetz
von 1941 legte das bis heute gültige Datum des Feiertages auf den vierten
Donnerstag im November fest. Von amerikanischen Uhreinwohnern war in den
legislativen Akten nie die Rede.
Truthahn, Süßkartoffeln und Mais gehören allerdings zum
traditionellen Speisekanon und der wiederum hat tatsächlich einen eindeutigen
Bezug zu den Lebensmitteln, die die Wampanoag-Indianer den Siedlern nach ihrer
Ankunft überließen, um ihnen beim Überleben während ihres ersten Winters
(Winter fallen in Massachusetts häufig mit 20° unter Null streng aus) in der
ihnen unbekannten Gegend zu helfen. Dieser Mischmasch aus Dichtung, Wahrheit und
„nationaler Geschichtsverdrängung“ haftet diesem Festtag bis heute an. Seit
1970 „feiern“ einige Native Peoples an diesem Datum den „Nationalen Trauertag“,
um an den Genozid zu erinnern, der an ihnen verübt worden ist. Seit 1975 ist
auch der Begriff des „Unthanksgiving Day“ (Nicht-Dank-Gebe-Tag) gebräuchlich,
an dem einige Indianerstämme ihrer Toten gedenken. Erst 2008 wurde der Freitag nach
Thanksgiving zum „Native American Heritage Day“ erklärt, zum „Tag des
Uhreinwohnererbes“. Für das Schicksal und Erbe der Indianer interessiert sich
allerdings Niemand an diesem Tag. Der „schwarze Freitag“ ist traditionell ein
freier Arbeitstag, an dem die vorweihnachtliche Shoppingsaison eröffnet wird (auch in Deutschland immer rigoroser propagiert). Um
dem Shopper-Ansturm Herr zu werden, öffnen in den USA einige Großkaufhäuser bereits 0:00
Uhr ihre breiten Tore für die zum Teil vor jenen campierenden Kaufwütigen.
Jedenfalls, um es kurz zu machen, zusammen mit meiner
mittlerweile deutschen Mitbewohnerin Freya entschied ich mich für den Unthanksgiving Day: indisches Hühnchen Masala statt
amerikanischem Truthahn. Statt endloser Völlerei, begaben wir uns auf einen
ausgedehnten Spaziergang durch das historische Cambridge, für das ich auf
meinen täglichen Unigängen nicht so den Blick habe.
| Typische Ansicht der Brattle Street in Cambridge, MA. |
Das Vassal-Craigie-Longfellow-House hatte leider – wintersaisonbedingt
– geschlossen. Die Vassalls hatten das „Häuschen“ 1759 errichtet. 1775-76 diente
es als Hauptquartier Washingtons, als der amerikanische Unabhängigkeitskampf
begann. Andrew Craigie, der erste „Apothecary General“ (so etwas wie der
Oberste Militärarzt, der für die Organisation der medizinische Versorgung und
Ausrüstung verantwortlich war), erwarb es 1791, bevor seine erst verschwänderische, dann verarmte Witwe es
verkaufen musste. Henry Wadsworth Longfellow, ein junger Harvard-Professor, Dichter
und Übersetzer von Dantes „Göttlicher Komödie“, mietete 1837 erst zwei Räume,
fünf Jahre später bezog seine Familie das ganze Haus. Seine Nachkommen
gründeten 1913 eine Stiftung und die erhaltenen historischen Räume – von denen wir leider
keinen gesehen haben – wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der
Komplex aus Wohnhaus, Kutschhaus und Garten zählt zu den besterhaltensten
Residenzen der ehemaligen „Tory Row“, einer Wohngegend vieler „Loyalisten“,
also Gegnern der kolonialen Unabhängigkeitsbestrebungen.
| Vassal-Craigie-Longfellow-House. In meiner Wohngegend gibt es auch die Vassal Lane, die Craigie Street und den Longfellow Park. |
Auch das Ruggles-Fayerweather House gehört zu dieser
Illustren Geraden erhaltener historischer Gebäude an der häutigen Brattle
Street. Die Straße führt unmittelbar zum Harvard-Square und ist bis heute eine schnieke
Gegend. Errichtet wurde das Haus von George Ruggles, einem Plantagenbesitzer in
Jamaika. In den 1770er geriet er in finanzielle Schwierigkeiten und musste das
Haus an Thomas Fayerweather verkaufen, den ich schon mal als Namensgeber meiner
gegenwärtigen Wohnadresse erwähnt habe. Im Gegensatz zum Longfellow-Museum, werden
alle anderen der historischen Gebäude heute noch bewohnt.
| Ruggles-Fayerweather House |
Bevor wir jedoch dort
anlangten, mussten wir an einer Gruppe von um die zwölf bis fünfzehn TRUTHÄHNEN
vorbei, die zwar nicht kopflos, aber doch planlos durch Cambridge flüchteten
(?). Vor welchem Backofen erschloss sich uns nicht. Komisch wäre
dieser Anblick an jedem anderem Tag auch gewesen, aber an diesem war er schon
bizarr.
![]() |
| Truthähne |
Im Geiste des Un-Dankes wird auch auch das „anti-colonial
dinner“ bei Israel am Freitag stehen. Mein mexikanischer Kollege, Leser von Friedrich Engels
„Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats“ (1884) aus dem
er gerne zitiert, läd zum gemeinsamen mexikanischen Abendbrot aller „Global Fellows“, von dem
ich ja eine bin.





