Dienstag, 4. Oktober 2016

Waisenhaus, Kunstgalerie und Georg Friedrich Händel (25.09.2016)


Nach dem ich meinen Aufenthalt voller Hoffnung auf neue nützliche Funde im Bestand der gekaperten Schiffe um eine Woche verlängert hatte, musste ich am Sonnabend (24.09.) in eine neue Bleibe umziehen. Mit Blick auf meine frühe Abflugzeit am Freitag (30.09.), wollte ich im Süd-Westen Londons verbleiben, möglichst nahe an der Picadilly-Line, die mich direkt zum Flughafen Heathrow bringen würde. Mit Sack, Pack und meinem Köfferchen ging es also nach Hounslow.

Der Stadtteil versprüht einen Charme ähnlich der Leipziger Eisenbahnstraße: Bangladeschi, einige arabisch aussehende Kuttenträger und viele, viele, viele Polen haben sich dort niedergelassen und die „Poundland“-Shops (Pardon zu unseren 1€-Läden) neben den vielen kleinen Gemischtkram-warenbuden machen es einem nicht schwer zu erraten, dass die Einkommensverhältnisse in Hounslow bei Weiten nicht so rosig aussehen, wie in Clapham oder Kew.

Jedenfalls, wollte ich meinen letzten Sonntag in London nicht in Hounslow verbringen und bin daher wieder in die altbekannte Gegend gefahren, um schließlich doch noch ins „Foundling Museum“ zu gehen. Das Museum wurde 2004 eröffnet und erzählt nicht nur die Geschichte des ersten Londoner Waisenhauses, sondern widmet sich auch dem Maler William Hogarth (1697-1764) und dem Komponisten Georg Friedrich Händel (1685-1759). Warum? Ganz einfach; neben dem Philantrophen Thomas Coram (1668-1751), der über 17 Jahre durch die Londoner High Society getingelt ist, um Unterstützungsunterschriften für sein Vorhaben ein Waisenhaus zu eröffnen zu sammeln, haben sich sowohl Hogarth als auch Händel immer wieder um das Waisenhaus verdient gemacht.

Thomas Coram. Bevor er das Waisenhaus gründete, verdiente er als Schiffskapitän und Kaufmann seine Brötchen. Rechts: Th. Coram gemalt von W. Hogarth (1740).
Hogarth hatte die brillante Idee seine Bilder erst im Hospital auszustellen, bevor sie an den Wänden in den Wohnungen der finanzkräftigen Käufer ihren Platz fanden. So wurde das Waisenhaus auch zur ersten öffentlichen Kunstgalerie Groß Britanniens. Einige Bilder überließ er gleich der Einrichtung, die vom anschließenden Verkauf kräftig profitierte.

Das Gebäude des heutigen Museums wurde exakt an dem Platz errichtet, an dem sich das 1740 erbaute Waisenhaus befand. Zum Glück hatten Architekten vor dem Abriss des ursprünglichen Gebäudes 1926 genaue Ausmessungen vorgenommen und auch viele Objekte der originalen Einrichtungen sicher verwahrt, so dass das Museum 1938 detailgetreu nachgebaut werden konnte. Der „Court Room“ des Hospitals, der Raum, der für offizielle Anlässe genutzt wurde, kann daher heute wieder als Beispiel des „feinsten Rococostils“ (Homepage) besichtigt werden (und für private Festivitäten gemietet werden).   

Foundling Museum
In den 250 Jahren des Bestehens des Waisenhauses wurden ungefähr 27,000 Kinder aufgenommen. In dr Anfangszeit wurde über ein Losverfahren über die Aufnahme oder auch Nichtaufnahme eines Kindes entschieden. Zu diesem Zweck mussten die Mütter, die sich nicht in der Lage sahen, ihr Kind zu versorgen, in ein Säckchen greifen, um einen kleinen Ball zu ziehen. War der Ball weiß, wurde ihr das Kind abgenommen, war er schwarz, durfte das Kind nicht bleiben.

Ballziehung. Im Hintergrund: Damen der High Society, die das Schauspiel beobachten.
Um zu garantieren, dass Mütter/ Eltern ihre Kinder im Fall der Verbesserung ihrer Lage wieder abholen konnten, wurde jedem Kind ein „Identifizierungsobjekt“ mitgegeben, dass zusammen mit den Aufnahmepapieren ausbewahrt wurde. Zu solchen Objekten konnten Stoffstücke, Münzen oder auch Schnitzereien gehören. Allein die Nennung des Kindsnamens reichte nicht aus, zumal jedem Kind bei der Aufnahme einen anderen Namen erhielt – so gab es beispielsweise zwei James Cooks und auch einen William Shakespeare unter den ersten 300 aufgenommen Kindern.

Links: Festsaal, Rechts: Papiere mit Stoffmuster (1758)
Jo, das war er, mein letzter Sonntag in London. Ich bin natürlich noch ein bisschen durch die Stadt spaziert. Vom British Museum bis zum Leister Square, die Regent's Street entlang zum Covent Garden und so weiter :)

Die letzte Archivwoche war dann leider nicht so ergiebig wie erhofft. Allerdings kann ich nun mit Sicherheit sagen, dass Mann und Frau einfach nicht viel finden kann, leider.

Sonntag, 18. September 2016

Sky Garden (14.09.2016)

Da der Baumkronenpfad im botanischen Garten dem Franz schon einigen Mut abgerungen hatte, verzichtete ich es, den Gang zum Sky Garden, dem "Himmelsgarten" vorzuschlagen. Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, da ich eines der - zwar kostenlosen, aber doch begrenzten - Tickets ergattert hatte, das mich zum Betreten des "Gartens" berechtigte. Also bin ich flux rein, hab' ne Runde gedreht und bin flux zur Bib weiter, um noch was wegzulesen, bevor ich abends bei Caroline und Christopher zum Abendessen aufschlug.

Der "Garten" befindet sich im letzten Stock eines Wolkenkratzers im Bankenviertel. Und, wer sich rechtzeitig informiert und Tickets ergattert, hat wohl den besten Blick auf London, den es für kein Geld zu haben gibt. Natürlich könnte man auch Käffchen trinken...

oben und unten links: Blick von oben | unten rechts: Blick aus dem "Garten"
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Am Freitag habe ich einen "Glücksgriff" getan und endlich, wenn doch keine Briefe, so doch zumindest Spuren Schlesischer Kaufleute entdeckt. Daher nun auch mein Entschluss eine Woche länger zu bleiben, um die unzähligen Unterlagen zu gekaperten Handelsschiffen und den darauf befindlichen Waren durchzuackern. Neues Abflugdatum ist daher Freitag, 20. September; Ankunftszeit in Berlin ist schon 10:05 Uhr, ihr könnt euch also vorstellen, wie früh ich in Heathrow abfliege und wann ich los muss, um diesen Flieger zu kriegen (inkl. Check-in eine Stunde vorher!).

"Klezmer in the Park: The Big Mix" (11.09.2016)

Was tun an einem Bilderbuchsonntag? Genau! Raus in irgendeinen Park, Sonnetanken, für die kommende Archivwoche vorschwitzen und Augenpflege betreiben, indem der Läppi in der Tausche verstaut bleibt. Also nix wie hin, in den Regent's Park!

Der "Regentenpark" ist einer der, na klar, königlichen Parks Londons. Neben einem "inneren Zirkel", zu dem der gehegte Teil des Queen Mary's Rosengartens gehört, schließt sich ein "äußerer" an, wo auch Unkaraut mal sprießen darf, Enten lustig auf dem Teich schnattern dürfen und großzügig angelegte Rasenflächen zum Lümmeln, Ballspielen uuuuund Konzerten einladen. Der nahegelegene Zoo macht sich nicht durch "Düfte" der tierischen Art bemerkbar, so dass der Park, kein Wunder, zum beliebten Spazier- und Flaniergrund genutzt wird.

Regent's Park. Die noch blühenden Rosen haben unglaublich stark geduftet. Im Sommer: Hummelparadies!
Ich wollte schon abdrehen und mich zum "Foundling Museum" aufmachen. Das "Foundling Hospital" wurde 1741 errichtet und war damit das erste Findelkindhaus Englands. Die Ausstellung wurde von dem mich nach London einladenden Prof. kuratiert und zeigt unter anderem auch die Stoffe, die im 18. Jahrhundert dort Verwendung fanden - Leinwand! Wahrscheinlich doch die englischer Produktion, aber egal ;)

Allerdings dreht ich dann doch noch nicht ab, weil mir ungewöhnlich viel Ordnungs- und Sicherheitspersonal aufgefallen ist, das ungewöhnlich leger und entspannt daherkam und Parkbesuchern den Weg zu weisen schien. Wohin? Ich hab' nicht lange gebraucht, um es herauszufinden: JAM fand statt!

JAM = Jewish Arts & Music Festival, organisiert vom JMI.
JMI = Jewish Music Institute.

Unter dem Motto "Klezmer im Park: Der große Mix" fand also ein jüdisches Musikfestival statt. Mitten im Park, mitten in der Stadt, mitten in der Menschenmenge und das ganz OHNE Zäune, Taschenkontrollen und Polizei mit MG. Das "Sicherheitspersonal" entpuppte sich mehrheitlich als freiwillige Helfer - schön, dass es auch noch Veranstaltungen gibt, die nicht von einem Großaufgebot gesichert werden müssen, wo es friedlich blieb und die Juden mit den Kopftuchträgerinnen primsten auskamen :)


Angefangen hat wohl die Schulgruppe und Eltern klatschten brav Beifall. Die Wiese füllte sich so langsam, die koscheren Pfannkuchen fanden Absatz (habe meine Bestellung auf Polnisch abgegeben), das kleinere Fußvolk wurde vom großen Stelzenquartett unterhalten. Je weiter die Sonne am Himmel entlangwanderte, desto besser wurde die Musik. UND von wegen steife, humorlose Briten. Es wurde getanzt, was das Zeug hielt!

Klezmer in the Park hat "gerockt" :) (Pardiesvögel, unten-links, gibt es überall)
Zum Schluss trat eine Band auf, deren Sängerin schon fast arabischanmutend gesungen hat - der absolute Höhepunkt des Tages! Was besonders (ungewöhnlich) war, dass jede der jüdischen Musikgruppen zum Ende ihres Auftrittes Musiker und Musikstile anderer Coleur integrieren mussten, um das menschliche Miteinander zumindest schon mal musikalisch vorzumachen. Daher waren auch die "Sabbey Drummers" (aus Kenia?) mit von der Partie. Eine andere Grupppe hatte Giuliano Modarelli eingeladen, der das Spielen der Sitar (indisches Dreisaiteninstrument) gelernt hat.

Don Kipper mit den Sabbey Drummers.



Zum Abspielen der Musik, einfach drauf klicken und es müsste funktionieren. Lautsprecher anmachen nicht vergessen!

Joah, zum Museum bin ich nicht mehr gegangen :) Mein Heimweg mit der U-Bahn begann allerdings an der Baker Street Station, der ältesten U-Bahn-Station Londons - ach, der Welt! - und gleich um die Ecke. Die Station wurde im Januar 1863 eröffnet und war Teil der Bahnstrecke zwischen Paddington und Farringdon. Damit ist auch klar, dass die Namensgebung NICHTS mit der Adresse von Sherlock Holmes zu tun hat, dessen literarische Geburt erst auf das Jahr 1887 zu datieren ist.

Übrigens, damals gab es auch noch gar keine Baker Street 221b. Die Nummer wurde erst vergeben, als die Straße in den 1930er verlängert wurde. Heute befindet sich genau an diesem Ort natürlich das Sherlock-Museum, in dem verwirrten Chinesen und auch einigen Europäern erklärt wird, dass Holmes eine FIKTIVE ROMANFIGUR ist und mitnichten wirklich gelebt hat... Unser "Bild" von Sherlock Holmes mit Hut (!) wurde durch die Federstriche Sidney Pagets geprägt, der die Geschichten illustrierte und seinen Bruder als Modell heranzog.

Baker Street Station.

Sonntag, 11. September 2016

Londons "Harajuku" - Camden (03.09.2016)

Franz muss nachmittags zum Flieger, also lieber etwas früher als zu spät den Bus zum Flughafen besteigen und vorher noch den Koffer zum Bus ranschaffen - was also machen, mit einem halben Tag?

Ich hatte schon viel von dem "Camden Market" gehört und da dieser nördlich von Islington liegt, also gut und schnell mit dem Bus zu erreichen ist, war der Plan schnell gefasst. Zum Glück viel mir am Abend zuvor noch auf, dass ich eigentlich den "Neal's Yard" vor Augen hatte, als ich an Camden dachte. Plan wurde also flux geändert und wir sind mal eben schnell wieder zum Covent Garden gefahren, um uns diesen kleinen Winkel Londons anzusehen, den ich beim ersten Mal, und wir während der nächsten Male immer wieder übersehen hatten.

Der Hinterhof wurde nach Thomas Neale (1641–1699) benannt, der ein ziemlich umtriebiger Mensch gewesen ist: Mitglied des Parlaments, Münzmeister, Bräutigam der Kammer - hä??? "Groom of the chamber" und Googletranslator werden keine Freunde ;) - also, er war Kammerherr des Königs, er unterstütze Trockenlegungsarbeiten, Eisenwerke, Papierfabriken und setzte sich für die Erschließung von Bergwerken in Virginia ein, außerdem beteiligte er sich an der Bergung von Schiffswracks. Er unterstütze die Einrichtung einer Bank, die zum Vorgänger der "Bank of England" werden sollte und war im Bereich der Stadtentwicklung Londons aktiv, u.a. im Areal rund um Covent Garden. Heute ist der "Neal's Yard" einfach ein schnuckeliger Hinterhof mit Bioläden für Backwerk und Haare sowie umweltbewusste Einzelhändler.

Neal's Yard
Nach Camden fuhren wir dann trotzdem noch, da dort das hippe Herz Londons schlagen soll. Allerdings fuhren wir nicht Bus, da diese gerade nicht fuhren ("Marsch für Europa" war nämlich angesagt, um gegen Brexit Flagge zu zeigen), sondern mit der U-Bahn. Und schwuppdiwupps waren wir in Camden.

Oben: "Camden Lock", "Hauptgebäude" des Marktes, der aber mittlerweile ausgeufert ist und sich auf die umliegenden Straßen ausgebreitet hat | rechts: "Der Hutmacher", bekannt aus "Alice im Wunderland". Einziger Zweck: Fotokulisse sein. | Unten: Markthalle im "Camden Lock" | rechts: witzige Fassaden, von denen es viele gibt.
Tja, wir schlenderten einfach drauf los: Franz ergatterte Ohrringe, ich eine superwarme Poncho-Veste (dem Archiv-Kühlschrank wird der Kampf angesagt!) und außerdem noch Dies und Das :)
Im Innenhof des Marktes, auf so einer Art Gallerie, bestellten wir ein Häppchen zu essen, schauten dem bunten Treiben unten zu und schlängelten uns anschließend noch in andere Ecken und Winkel des Marktes. Bedauerlicherweise fing es leicht zu nieseln an...

Geschäftiges Treiben
Joah, mit dem Bus ging es nach Islington. Mit dem Bus ging es zum Bahnhof "King's Cross St. Pancras". Mit dem Bus ging es für Franz zum Flughafen. Ich lief zu Fuß nach Islington zurück und packte meinen Kram auch zusammen.

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Letzte Woche (05.-10.09.2016) bin ich in Clapham untergekommen. Leider war ich nur zum Schlafen dort und habe gar keine Fotos. Aber im Grunde ist Clapham eine Mischung aus Islington und Kew: Reihenhäuschen, vielleicht etwas nobler, mit vielen kleineren Geschäften und Kneipen am Wegesrand UND einem großen Park mittig im Viertel, wo alles joggt, was Beine hat (nur ich nicht...).
Seit gestern bin ich in Kew in einem kleinen "Studio", so eine Art Gartenhäuschen. Zwar nicht günstiger aber doch besser als zwei Wochen Hotel. Und wenn der Bewegungsmelder anspringt, das Licht angeht, dann weiß ich, ein Eichhörnchen, die Katz oder doch der Fuchs ist vorbeigehoppst, geschlichen, gehuscht...

Meine Bleibe für die kommenden Tage

Canterbury (02.09.2016)

Endlich Mittelalterfeeling in Good Old England!
Salisbury war schon kein schlechter Anfang, Cambridge und Oxford dagegen verspühten wenig Charme aus der Gründungszeit ihrer Universitäten (13. Jhd.) und werden bei mir wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, als eben den, nicht richtig mittelalterlich gewesen zu sein.

Canterbury ist da schon gaaanz anders. Schon das mächtige Stadttor und die ordentliche Stadtmauer verleihen dem Örtchen einen Hauch Alterwürdigkeitet vergangener Tage. Der Eindruck verflüchtigt sich keineswegs, sobald man im Stadtinneren ist, obwohl dort alle Geschäfte ihren Platz haben, die jede morderne Stadt heutzutage eben hat. Die erhaltenen und liebevoll restauriereten - und vor allem mit neuem Leben erfüllten! - Gemäuer schafften es sogar, die Touristen weniger touristisch auffallen zu lassen.

Oben: Kleine Sträßchen, Gässchen und Kanälchen in Canterbury | Unten: ein nach allen Seiten schief-nach-schräg stehendes Häuschen mit einem gemütlichen Antiquariat drinnen.
Bevor wir uns jedoch zum ältesten noch erhaltenen Stadtteil - der Krypta der Kathedrale - begaben (und natürlich Eintritt löhnten), erschlenderten wir gemütlich das Örtchen. Unter anderem viel mir natürlich sofort das "Weberhaus" von 1500 auf (Bild oben mittig). Die Weberei wurde in Canterbury, im Grunde genommen, fast überall in Europa; außer in Schlesien, dort sind irgendwie nicht viele angekommen, im 16. Jahrhundert durch aus Frankreich geflüchtete Hugenotten wieder auf Hochtouren und vor allem auf neue Qualitätsstufen gebracht. Das schmucke und für die damalige Zeit große Fachwerkhaus lässt auf eine starke Gilde im Ort schließen.

Links: Stadttor | rechts: Weberhaus
Weiter ging es in Richtung der St. Augustinus Abtei, deren dazugehörige Klosterreste wir hätten besichtigen können, es aber nach dem Blick auf die Preistafel nicht taten. Ein Großteil des Geländes wird eh von der Kent-Universität eingenommen, so dass wir nicht alles hätten sehen können. Auf unserem Weg zurück zur Innenstadt, fielen zwei lebensgroße Standbilder sichtlich ins Auge. Die christliche Frankenkönigstochter Bertha und der heidnische Königssohn von Kent, Aethelbert, heirateten in der Wendezeit vom 6. zum 7. Jahrhundert und das Christentum hielt auch endlich in Kent Einzug, so die "etwas" verkürzte Version einer "etwas" längeren Geschichte.

Oben: Klosterreste | Unten links: St. Augustinus Abtei; heute Eingang zur Universität | mitte: Aethelberth empfängt Bertha; im Hintergrund: die Katedrale | rechts: Stadtmauer von Canterbury
Nach Pizza und Spaghetti schlossen wir einen kurzen Abstecher zum "Fudge"-Geschäft an, da ich ja zu gerne wissen wollte, was das nun eigentlich ist und ein Reklameschild verhieß "Probehäppchen". Nun ja, "Fudge" ist ein englisches Karamell-Konfekt der übelstsüßen Sorte, das in etwa seifengroßen Stücken verkauft und verspeist wird. Franz und mir reichte das klitzewinzige Probierstück. Der Verkäufer lachte blos...

Da in Canterbury alles dicht beisammen steht, war es also auch nur ein Katzensprung zur Kathedrale. Wieder schritten wir unter einem mächtiglichen Tor hindurch und hatten sie majestätisch vor uns. So majestätisch, dass mein Objektiv bei dem Versuch sie auf ein Foto zu bannen, scheiterte. Im Mittelalter haben sie wirklich nicht an Objektivbrennweiten gedacht... Dafür haben die Baumeister sehr präzise mit ihren Zirkeln zirkuliert und die Steinmetze gearbeitet, auch wenn viele von ihnen bis zur Fertigstellung 800 Jahre brauchten (1067-Mitte 19. Jhd.). Zwischendurch ist sie ein paar mal abgebrannt, eingestürtzt, umgebaut worden, aber immerhin, nun ist sie Weltkulturerbe. Der älteste Teil der Kirche ist die Krypta, deren Mauern noch von der Vorgängerkirche herrühren (1077). Dort darf man natürlich nicht fotographieren... Sonst, hat sie schon was: Pracht durch reine Eleganz, ohne Protz. Ein Kunststück, dass heute nicht viele vollbringen.

Kathedrale von Canterbury; Kreuzgang
Unter den Dächern des Kreuzganges suchten wir dann Regendeckung, als es kurzzeitig zu schütten anfing. In einer Regenpause schafften wir es in die Schokolaterie und in der nachfolgenden besichtigten wir noch die Ruinen der königlichen Burg (11. Jhd.), bevor es mit dem Zügele wieder nach London ging.

Canterbury, Burgruine

Mittwoch, 7. September 2016

Oxford und London "in Flammen" (01.09.2016)

Am nächsten Tag hatten wir wieder genug von London und fuhren ins altehrwürrrrdige Oxford, wo bekanntlich DAS (very British) English erfunden wurde. Ein Ort der Bildung, Glanz und Gloria, Inspector Barnaby und englischem Rasen.

Das Prinzip der Stadt gleicht dem von Cambridge – es ist eine Ansammlung von Colleges, die irgendwo carréeförmig in den Straßen lungern, meistens durch eine imposante Fassade und dem Schild „Eintritt kostet“ versteckt. Das Herzstück ist diesmal aber keins der Colleges, sondern die Bodleian Bibliothek, die schon früh zu einer Pflichexemplarbibliothek wurde, sprich mit 9 Mio. Einheiten auf 176 Regalkilometern die Ausmaße einer Nationalbibliothek hat. Süß, dass sie mal mit einer Schenkung von 2000 Papierrollen im Jahr 1601 angefangen hatte. Den Trick hatten die Bibliothekare jedoch schnell heraus und schon 1610 trat wohl die Regelung in Kraft, dass „the Bod“ ein Exemplar jeder Veröffentlichung haben sollte. Interessanter ist natürlich, dass in den Räumlichkeiten auch Harry Potter gedreht wurde. ;)

Bodleian Library von außen und innen | Als das ursprüngliche Gebäude weder in die Breite noch in die Höhe erweitert werden konnte, wurde "Anbauten" anderer Art ersonnen.
Die Bibliothek musste natürlich anbauen und erweitern, so dass heute etliche interessante Häuser, Z.B. der Rundbau der Radcliffe Camera, bewundert werden können.

Lesesaal. Bücherklau wurde die Ankettung der Bücher verhindert :)  (Foto aus dem Netz, da wieder Fotographierverbot herrschte.)
Nach der lehrreichen Tour durch die Glanzsäle der Bibliothek, streiften wir durch die Straßen auf der Suche nach dem Marktplatz. Schließlich weiß man erst, wie man seinen Stadtgang so richtig planen soll, wenn man in der Mitte angekommen ist. Nur, in ganz Oxford war einfach kein Marktplatz zu finden. Es gab einen überdachten Markt, der wohl aus mehreren Straßenzügen und Hinterhöfen zusammengeschweißt worden war, aber einfach keinen Platz. So mit Blümchen und Bänkchen und Springbrunnen…. Nö. Keine Springbrunnen für Oxford.

Oxford ohne zentralen Platz.
Es gab einfach nur Straßenzüge und Sehenswürdigkeiten und einen botanischen Garten und einen Boulevard, wo Autos nicht fahren durften, immerhin. Komische Stadt. Also suchten wir uns einen Kuchen drinnen, in einem nur von außen schick aussehendem Café, um auf dem Rückweg festzustellen, dass man an der alten Oxforder Burg eine sehr schöne Passage mit Café und Terrassen angelegt hatte. Die Burgreste interessierten in Oxford lustigerweise keinen – wahrscheinlich stehen in Britannien einfach zu viele davon herum.
 
Am Abend fuhren wir dann noch nicht gleich nach Hause. Es war nämlich der 1. September und London hat für den Monat das „Take me to the River“ (Nimm mich mit zum Fluß) Festival ausgerufen. Warum das Flussfest mit „London‘s Burning“ (London brennt) beginnt, erschließt sich zwar nicht so, aber egal. Es wurde an den 350. Jahrestag des Großen Brands von London anno 1666 erinnert, der große Teile (große Teile? Fast die gesamte Stadt!) Zentral-Londons zu einem Haufen Asche reduziert hatte. Wir mussten das zum Glück nicht nachstellen, aber es gab Installationen mit Feuer zu sehen, das überraschend offen brannte und fröhlich im Themsen-Wind flackerte. Wenn man sich durch die Installationen schlich, spürte man ansatzweise, wie das so ist, wenn es um einen zu allen Seiten brennt. Aber wir konnten das Ganze gemütlich bei Live-Musik genießen und fielen danach doch eher müdiglich ins Bett.

"Feuer-Garten" vor der Tate Modern | erleuchtete Tower Bridge.

Greenwich und "araaabische Naaaaaacht" (31.08.2016)


Am Mittwoch waren wir wetterbedingt genötigt, uns gegen den Besuch bei der asiatischen Kunst und den Dinos in den sicherlich wunderbaren Nationalmuseen von London zu entscheiden. Schließlich war Wetter und wenn Wetter ist, dann wird die Nase in den Wind gehalten. Und zwar in Greenwich, am Punkt 0 der Erde.

Aus der Metro steigt man fast direkt am Hafen aus, um die Cutty Sark zu bewundern, was ihres Zeichens der letzte für den Seehandel gebaute Tee- und Wollklipper ist. Wikipedia weiß zu berichten, dass der Name dem Werk Tam O'Shanter (1791) von Robert Burns entstammt und in der Mundart Lowland Scots so viel wie ein „kurzes (Unter)hemd“ bedeutet, welches der fiktiven schönen Hexe Nannie gehört. Das Schiff hat dementsprechend als Galionsfigur die Nannie – mit einem kurzen Hemdchen bekleidet und einem Strick in der ausgestreckten linken Hand (anstelle des Schweifes von Tams Pferd, den sie bei dessen Verfolgung nur ergreifen konnte).
 
Cutty Stark, 1869, mit das schnellste Segelschiff seiner Zeit.

Aber das Museum dazu haben wir ausgelassen, denn wir haben lieber die Geschichte Greenwichs erkundet. Ich jedenfalls hatte den Ort nur mit dem Meridian in Verbindung gebracht und war doch verwundert, dass es dort königierte und palastierte. Wir schlossen uns einer kostenlosen Führung an, denn man hat ja Zeit und kriegt am Ende doch mehr mit. 

Old Royal Naval College, ehem. königlicher Palast, später zum Marinehospital für verwundete und invalide Seeleute um- und ausgebaut (1682) | unten: Führung und ich mit Ritterhelm.
Die Stadt war demnach nach dem Bau des Palace of Placentia im frühen 15. Jahrhundert Residenzort mehrerer englischer Könige, u.a. Geburtsort von Henry VIII und seinen Töchtern, den späteren Königinnen Maria I. und Elisabeth I.. Aber der Palast verfiel und wurde später als königliches Seefahrerkrankenhaus erweitert, das sich wiederum 1873 zum Royal Naval College wandelte. Seit 1997 gehört der Stadtteil zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Führung machte jedenfalls deutlich, dass früher auch nicht alles besser war, denn ein beträchtlicher Teil der Aufgaben des Bauherren und der Restauratoren bestand darin, Einsparungen durch Trickserei hinzubekommen (so ist nicht alles Marmor, was wie Marmor aussieht). Glanzstück des College ist jedenfalls die im King William Court gelegene „Bemalte Halle“ (Painted Hall), die ursprünglich als Speisesaal für die Pensionäre geplant war. 

"Speisesaal" und "Ehefrau unter'm Teppich".
Der Saal gilt mit seiner Wand- und Deckenbemalung als Höhepunkt der englischen Barockmalerei. Die Malereien stammen von James Thornhill, der allein an dem Deckengemälde Der Triumph der protestantischen Thronfolge 20 Jahre lang gearbeitet hat. Dafür mogelte er sich in voller Gestalt selbst ist das zentrale Gemälde. Das verbirgt außerdem noch eine andere Anekdote. Es zeigt die Entourage des Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg (Kur-Hannover), Georg Ludwig, als dieser nach England kommt, um König zu werden. Prominent mit abgebildet ist sein zahlreiches Gefolge sowie Mätresse(n). Die eigene Ehefrau (Sophie Dorothea von Celle) musste natürlich wegen Ehebetrugs zu Hause bleiben (Verbannung nach Ahlden) und weil sie so unbeliebt war, soll Thornhill sie malerisch als Quasi-Leiche unter den Teppich gekehrt haben. Nur die Hand sei noch zu sehen! In Wahrheit ist dies lediglich ein durchscheinendes Stück einer früheren Version des Gemäldes und die Hand gehörte zu einer Figur im Gemälde. 

Danach schlenderten wir den grünen Hügel hinauf zum Meridian, der natürlich Geld kostete, weswegen wir ihn nur durch den Zaun fotografierten. Alsdann ging es durch den Markt von Greenwich, auf dem wir unser Mittagessen ergattern konnten. 

Observatorium; 0-Meridian verläuft dort, wo die Leute mit Kameras stehen ;)
Handwerkskünstler und Schmuck- und Klamottendesigner haben dort ihre Stände | Fressbuden aller Art - auch der süßen Zunft - sind vertreten | Picnic!
Wir lagen gut in der Zeit und machten uns auf zurück ins Herz von London, zur Westminster Abbey. Auch dort haben wir den Eintritt aus preistechnischen Gründen (25 €!!!) abgelehnt, aber so von außen muss man ja doch mal vorbeischauen. Und feststellen, dass der Big Ben ja doch am Parlamentsgebäude dranhängt und alles zusammen doch recht malerisch in der Landschaft steht.  

Dann Schlug unsere Stunde 16.00 Uhr und wir tingelten mit dem Bus zum Covent Garden. Der Stadtteil ist das hippe Viertel und wartet mit vielen netten Läden, aber auch den üblichen Verdächtigen (H&M etc.) auf. Der Covent Garden Market selbst ist jedoch eine schöne Halle voller Klimmbimm, Cafés, Livemusik und Straßenkünstlern, so dass uns die Zeit zum Höhepunkt des Tages nicht lang wurde. 

Und der Höhepunkt? Wir hatten Karten für das Musical "Aladdin" gekauft. Ein Hoch auf das Internet, in dem man einfach nach Karten schauen kann, diese bezahlt und die Bestätigung an der Kasse mit dem Handy vorzeigt. So saßen wir in dem typisch nach Theater aussehendem Prince Edward Theater und lauschten den Klängen von „Die arabische Naaaacht“ und sahen Aladdin mit Prinzessin Jasmin auf dem fliegenden Teppich unter der verdunkelten und doch sterne-glitzernden Theaterhalle schweben. 

Fotographieren war natürlich strengstens verboten, daher hier ein paar Bilder aus dem Netz. (Genie, untenn links, stahl allen und jedem die Show...)
Somit kann ich nur sagen, dass der Tag auch meinen Füßen sehr entgegen kam. Auch wenn wir SELBSTVERSTÄNDLICH am Tag zuvor in den Kew Gardens 20.810 Schritte und an besagtem Mittwoch 21.292 Schritte gelaufen sind. 

Sonntag, 4. September 2016

Sonne satt in Kew (30.08.2016)

Es geht auch warm und gemütlich zu in Kew. Die "Ermattungserscheinungen" (Blogeintrag vom 26.08.) zur Kenntnis nehmend, nahm ich Franz mit in den äusersten Südwesten Londons, wir bogen allerdings nicht nach links in Richtung Nationalarchiv ab, sondern hielten uns rechterhand und steuerten die Royal Botanic Gardens an. Unser Gedanke: Bei 120 Hektar wird es genügend Platz zum "in-der-Sonne-Lümmeln" geben und Dank moderner Batterieleistung von Laptops kann auch der ein oder andere Blogeintrag nachgeholt werden. Platz war da, gelümmelt haben wir auch, aber da jede von uns davon ausgegangen ist, dass die jeweils andere den Schlaptop eingepackt hat... Blogeinträge wurden daher nicht verfasst und müssen nun wieder kleckerweise eingestellt werden.

Der botanische Garten in seiner heutigen Form und Bestimmung wurde 1840 gegründet, hatte aber mit dem 1759 angelegten "Exoten-Garten" bereits einen Vorgänger; seit 2003 darf er sich zu den Weltkulturerbestätten zählen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Gewächshäuser errichtet, die heute als Wahrzeichen des Gartens gelten können. Leider war das Temperate House, das größte der viktorianischen Glashäuser (eröffnet 1863), auf Grund von Restaurierungsrabeiten vollkommen verhüllt, so dass wir mit dem Palmenhaus und den Wasserlilienhaus Vorlieb nehmen mussten.

Palmenhaus (erbaut 1844-1848). Die inzelnen Glasscheiben wurden nach Maß handgefertigt.
Entlang von viel Grünzeug rechts und links des Weges, schlenderten wir zur neusten Attraktion des Gartens: dem Baumkronenweg. In 18 Metern Höhe drehten wir eine Runde und konnten das grüne Blätterwerk nun auch in luftiger Höhe bestaunen. Na ja, Franz hielt sich am Geländer fest und lief schnurstracks ohne sich viel umzusehen zielsicher dem Abstieg entgegen.

Treetop walkway | *.*
Ich und Bärchen
An der chinesischen Pagode, unweit des japanischen Pavillions, breiteten wir dann das - von mir über der Schulter mitgeschleppte - Handtuch hinter einem Busch aus und schnasselten frisches Baguette mit Käse :) Franz legte das erste kurze Schäferhalbstündchen ein. Dort wurde auch das Fehlen des Läppis offensichtlich...

Vor der Orangerie genehmigten wir uns ein Schokoeischen und setzten uns nur einige Schritte weiter wieder auf unser Handtüchelchen und blickten auf den Kew Palace, dem kleinesten der britischen Paläste. Errichtet wurde das Häuschen von einem holländischen Kaufmann Anfang des 17. Jahrhunderts, erst im 18. Jhd. kaufte es König George III. Im "Königinnen Garten" hinter dem Palästchen werden nach wie vor nur Blümchen und Kräuter angepflanzt, die in Groß Britannien heimisch sind und bereits im 17. Jahrhundert bekannt waren.

The Hive
Danach führte uns unser Weg zum "Bienenstock". Der "Pavillion" zählte zum Britischen Beitrag zur Expo in Mailand 2015 und soll auf das weltweite Bienensterben aufmerksam machen bzw. Wege aufzeigen, diesem Einhalt zu gebieten. Über eine Treppe gelangte man auch in das Innere des größentechnisch dem Menschen angepassten "Bienenstocks" (17 Meter hoch). Die alle paar Sekunden aufleuchtenden gelben, orangen und roten Lämpchen innerhalb der Wabenähnlichen Konstruktion sollen Blütenfarben simulieren; über Lautsprecher erschallen musikalische Klänge, die mal leiser, mal lauter zu vernehmen sind. Ein netter älterer Herr wusste zu erklären, dass die Lautsprecher über Sensoren das Innenleben eines richtigen Bienenstöcks wahrnehmen: ist es dort drinnen geschäftig, so schwillt die Musik an, neigt sich der Tag der Nacht entgegen, kommt auch die Musik zur Ruhe.

Im Anschluss legten wir die dritte Lümmel- und Leserunde ein und machten uns dann so langsam aber sicher auf den Heimweg. Ein herrlicher Tag bei Sonnenschein und wenig Rumgelatsche! Wir sind bestimmt unter 20,000 Schritt' geblieben ;)

Samstag, 3. September 2016

Notting Hill Carnival ohne Karneval (29.08.2016)

Immer am letzten Augustwochenende findet im Londoner Stadtteil Notting Hill eine der größten Partyveranstaltungen Europas statt: drei Tage Karneval. Am Montag, dem letzten Tag des Straßenfestes und in England "Bank Holiday", also ein Feiertag, zieht die Hauptparade durch Notting Hill. Das will ich sehen, also sind Franz und ich nix wie hin.

Wir waren etwas verspätet, aber unsere Verspätung war nix im Vergleich zum verspäteten Umzugsbeginn. Jedenfalls sahen wir auch gegen 11:00 Uhr noch nicht viel von karnevalfreudiger Erregung, obwohl diese bereits seit einer Stunde hätte verbreitet werden sollen. Macht nichts, denkt sich der vernuftbegabte Mensch, ändert seine Pläne, um später zurück zu kehren.

Von Notting Hill schlenderten wir also gemächlich durch die Kensington Gardens zum Hyde Park und von dort weiter Richtung Picadilly Circus und Covent Garden, so dass auch dieser Teil Londons nun von der "Das will ich gesehen haben"-Liste von Franz gestrichen werden konnte.

Am späten Nachmittag fuhren wir wieder nach Notting Hill und nach dem Füllungsgrad der U-Bahn zu schließen, musste der Karneval mittlerweile im vollen Gange sein. Nun, das war er; der Geräuschpegel verriet es und der Bass wummerte im Magen, nur gesehen haben wir nicht viel. Zum einen drängten sich wohl wirklich um die eine Million Menschen auf den fünf Quadratkilometern Notting Hills durch die Straßen, zum anderen stapelte sich der Müll in allen Ecken, so dass man auch immer damit beschäftigt war, zu schauen, wohin man trat oder wohin man geschubst wurde. Spaß an der Sache sieht anders aus und so beschlossen wir recht schnell dem Geschehen zu entfliehen.

Notting Hill Carnival 2016
Unsere Flucht war alles andere als einfach: Die nächste U-Bahn-Station war nur für Besucher geöffnet, die dem Karneval zustrebten (sicherlich sinnvoll, um Chaos zu vermeiden), Wegstreber mussten auf andere Stationen ausweichen und sich erst durch die Massen durchschlawentzeln.

Vorbei ging es an Alkoholleichen, um die sich etwa ein Drittel der diensthabenden Polizisten und Ordnungshüter kümmern musste - und es waren seeehr viiieeele im Dienst. Ein weiteres Drittel erteielte Auskünfte zur Umzugstrasse, zum nächstbesten Weg zur nächstbesten U-Bahn-Station oder auch zu den offiziellen Erleichterungsstellen...- und das auf bewundernswert freundliche Art und Weise, obwohl einige bestimmt - genauso wie wir - einfach nur dort weg wollten. Neben Dixie-Plastikhütten und ganzen WC-Containern, gab es auch Privatklos, die den Besuchern von Anwohnern gegen 2 Pfund pro Klogang zur Verfügung gestellt wurden. Einige haben an den drei Tagen sicherlich richtig Schmott gemacht. Andererseits gab es Anwohner, die ihre Grundstücke hermetisch Mittels Spanplatten-arrangements abgeriegelt hatten. Sie haben wohl trauriger Weise aus Erfahrung gehandelt ... Auch einige Geschäfte haben ihre Schaufenster demonstrativ verrammelt. Das dritte Drittel bewachte Zufahrtswege, kontrollierte sporadisch Taschen oder führte auch den ein oder anderen Trunkenbold von dannen, der über die Strenge des Gesetzes schlug; laut BBC gab es über 450 Festnahmen und 5 Verletze... Jedenfalls hatte dieser Karneval herzlich wenig mit Karneval zu tun.

Ursprünglich wurde der Karnevall 1959 von der Aktivistin Claudia Jones initiiert, nach dem im Jahr zuvor ein junger Einwanderer ermordert worden war, um auf die Rassendiskriminierung in Groß Britannien aufmerksam zu machen. In den 70er Jahren beteiligten sich immer mehr Menschen aus dem Kreis der aus Afrika und der Karibik Zugewanderten. Heute ist er, zum Leidwesen des ursprünglichen Gedankens, kulturelle Vielfalt zu befördern, zum willkommenen Anlass verkommen, sich voll laufen zu lassen. Jedenfalls so der Eindruck, der sich mir an jenem Montag aufgedrängt hat. Schade um den Karneval :(

Dienstag, 30. August 2016

Bath (28.08.2016)

Irgendwen oder irgendeinen Ort verbindet jeder mit "Stolz und Vorurteil" (1813). Für Engländer ist es u.a. Bath, die Stadt, in der Jane Austen sechs Jahre lang gelebt, aber - zum Leidwesen aller Bather - nie gemocht hat. Werben lässt es sich mit ihr dennoch ganz gut :)

Zwar wusste ich um die Verbindung des Ortes zu dem Klassiker englischer Literatur, allerdings war Austens Liebesgeschichte nicht Grund genug, um einen Besuch zu rechtfertigen, da muss ein Städtchen schon mehr zu bieten haben. Ein altes römisches Bad zum Beispiel.

Paddington in Paddington.
Mit der Erfahrung des allmorgendlichen Berufsverkehrs hatte ich die Fahrtzeit am ersten Wochenendtag etwas zu hoch angesetzt und wir kamen viel zu früh am Bahnhof Paddington an. Zeit genug also, um nach "Paddington" zu suchen. Ein Denkmal des Kinderbuchhelden, ein Plüschbär, der 1958 das Glück hat am Bahnhof nach dem er benannt ist gefunden zu werden, darf schließlich nicht fehlen...

Als 10 Minuten vor Abfahrt auch klar war, dass unser Zug vom Gleis 10 abfahren würde, marschierten wir zügigen Schrittes los, weil unser Waggon natürlich gaaanz am Ende des Zuges zu finden war. Zum Glück hatte Franz Sitze reserviert, so dass wir nicht stehen mussten.

Der Wetterbericht hatte "leicht bewölkt mit sonnigen Augenblicken und Regenschauern gegen 11:00 Uhr" vorhergesagt. Danach sah es während der Fahrt allerdings NICHT aus. Die Schlafmütze neben mir konnten die tiefhängenden, grauen Wolkentürme nicht beunruhigen, ich fragte mich natürlich, ob das ein gelungener Ausflug werden würde.

Aussicht während der gesamten Zugfahrt.
In Bath angekommen, folgten wir einfach dem Menschenstrom und gelangten so zur Hauptflaniermeile des Städtchens. Cambridge war schon nicht groß und Bath ist wahrscheinlich auch nicht größer. Jedenfalls waren wir kaum auf dem Platz vor der Pfarrkirche angekommen, fing es an zu tröpfeln und wir suchten Unterschlupf in einem Cafe und ließen uns ein Küchelchen und zwei heiße Schokolädchen munden. Im Tagesverlauf klarte es einmählig auf und die Sonne hatte tatsächlich ihre Kurzauftritte. In dieser Zeit wanderten wir kreuz und quer durch die Stadt; an einigen Ecken waren wir bestimmt fünf Mal. Während der nieseligen Phasen kehrten wir irgendwo ein und ließen es uns schmecken.

Typischer Straßenzug in Bath | Bath Abbey und rechts davor der Eingang zum römischen Bad.
Das Städtchen wird heute durch die Architektur der georgianischen Epoche (ca. ab 1720er bis ca. 1820er) geprägt, als die Stadt, endgültig zum Kurort aufgestiegen, deutlich ausgebaut wurde ohne zur Großstadt zu werden. Zum Bau wurde Kalkstein aus den naheliegenden Steinbrüchen verwendet, was der Stadt ein (fast schon penetrantes) gleichförmiges Aussehen verleiht. Nur der Liebe zum Detail einiger Laden-, Cafe- oder Restaurantbesitzer und nicht zu letzt der Hanglage ist es zu verdanken, dass der Kurort einen gewissen Charme verbreitet. Allerdings scheint Bath ein gewaltiges Problem mit dem Abzug seiner Einwohner zu haben; viele der alten Wohnhäuser in den großzügig angelegten Wohnanlagen wirkten sehr verlassen...

Kleine Sträßchen mit noch kleineren Lädchen | Flusslage
So ziemlich zum Schluss stellten wir uns in die Warteschlange vor dem römischen Bad an. Kein Wunder das die sonnenverwöhnten Römer sich gerade an dem Ort niederließen und ein Bad errichteten (47 n. Chr.), an dem die einzige heiße Quelle des sonst wegen des Klimas ungeliebten Britanniens sprudelt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Bäder wieder entdeckt und ausgegraben. Aus der Zeit stammen auch die Terrasse und die sie säumenden Figuren, damit Besucher die Bäder von oben betrachten konnten. Mittlerweile sind auch die unterirdischen Teile der Badanlage über einen Rundgang zugänglich.

Das römische Bad: unterer Teil ist "original" römisch, oberer Teil (erstes Stockwerk, wenn man so will) wurde im 19. Jahrhundert "stilecht" hinzugebaut. Im Hintergrund: Bath Abbey | Ganz rechts: heiße Quelle.
Mit gerade Mal 21,973 Schritten an jenem Tag, blieben wir deutlich unter dem Pensum vom Freitag mit 31,618 Schritten. Allerdings lag das nicht an der Laufbereitschaft, sondern an der Kleinheit des UNESCO-Weltkulturerbe-Ortes.Trotzdem, der Besuch der Bäder, auch wenn man nicht darin baden darf, sei Jedem empfohlen.

Ach ja, ein kleines Detail ist noch erwähnenswert. Der Baumeister der Kirche hat das "Erklimmen der Himmelsleitern" wohl wörtlich verstanden und die Steinmetze entsprechend instruiert:

Bath, Abbey mit kletternden Engeln.

Cambridge (27.08.2016)


Cambridge – die Universität wollten wir uns anschauen. Also, ich meine natürlich die Stadt. Oder äh… nee, eigentlich nur die Universität. Denn das 120.000 Seelen-Dorf ist im Prinzip eine Ansammlung echt britischer Reihenhausstraßen, die alle dieselbe Farbe haben (bis auf die Türen, die dafür exzentrisch bunt ausfallen) und die v.a. alle dieselben weißen Rollos vor den Fenstern haben, so dass es aussieht, als sei die Hälfte der Häuser unbewohnt.

Alsdann trabt der Tourist zusammen mit allen anderen Touristen garantiert in eines der Colleges – diesen historisch wertvollen, eckigen Höfen, in denen samt und sonders Einlass von 2 Pounds bis zu 9 Pounds verlangt wird, damit man eine Runde um den very britishen Rasen (nicht betreten!) drehen und die Fassaden bestaunen darf, um sich wieder zu schleichen. Geschlichen zu haben schienen sich auch die Cambridger selbst, denn außer den Guides in Hülle und Fülle sahen eigentlich alle in den Straßen nach Touris aus.

In eines der Colleges muss man natürlich doch rein, auch wenn man im King’s College genauso wenig von der Uni selbst sieht, wie in allen anderen. Das King’s College wurde von König Heinrich VI. im Jahr 1441 gegründet und war ursprünglich als College für Schüler des Eton College gedacht, welches ebenfalls von ihm gegründet wurde. In den letzten Jahrhunderten hat sich das College allmählich geöffnet und gehört nun wohl zu den fortschrittlichsten in Cambridge. Dort befindet sich die imposante King’s College Chapel, deren Fächerstuckdach man doch nicht alle Tage sieht.   

King's College | Kapellen
Wir drehten ein-zwei Runden durch die Altstadt, deren Colleges in einer Handvoll Straßen liegen, die in einem Halbkreis vom Fluss Cam begrenzt werden. Auf diesem tummeln sich die Punts (Gondeln), deren Profi-Punteure nicht immer einen Zusammenstoß mit Amateur-Punteuren verhindern können. Im Park dahinter gab’s auch echte Kühe, die bei manchen Touristen ebenfalls als Attraktion durchgingen. Alles in Allem ist Cambridge also überschaubar und irgendwie in der Zeit stehen geblieben, so dass es heute ein bisschen als Spielzeugstadt daherkommt.

Cambridge | Cam mit den vielen, vielen, vielen Punts darauf.

Spaziergang an der Themse (26.08.2016)

An einem schönen Donnerstagabend Mitte-Ende August sollte endlich ein lang erwartetes Ereignis eintreffen, dass unser aller chronisch tiefgefrorenes Studentenwesen für eine Woche aus dem Archiv eisen würde: Offiziell als Stadtführer für das immerhin nur ein Stündchen verspätet angekommene Schwesterchen engagiert, war ab 2.00 Uhr Freitag endlich wieder Sonne angesagt! 

Zunächst mussten wir am King’s Cross Bahnhof Muscheln kaufen gehen - in Form der Oyster-Card (also Muschel-Karte), die hierzulande für das öffentliche Verkehrsnetz genutzt wird. Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen, Bahnsteig 9 ¾ zu suchen, der, wie alle eingeweihten Harry-Potter-Leser wissen dürften, zum magischen Zug in die Schule für Hexerei und Zauberei Hogwarts führt.

King's Cross, Bahngleis Neundreiviertel.
Aaaalso…. Ich weiß ja nicht, warum 9 ¾ irgendwo abseits der Gleise an einer schnöden Wand sein sollte, aber mit den blöden Touris kann man es ja machen. Jedenfalls stellten sich ordentlich viele Menschen in die Schlange, um am eigens angebrachten 9 ¾ Bahnsteig-Schild mit Zauberstab und Schal zu posieren, wobei die nette falsche Schaffnerin noch den Schal hoch hält, damit es aussieht, als würde man in Richtung Wand gezogen werden. Magisch daran ist wohl nur die Tatsache, dass die Leute die Bilder davon tatsächlich für teuer Geld kaufen. 

Danach sind wir in die British National Library, um beeindruckende Originalwerke der Druckkunst aus aller Welt zu bestaunen. Erwähnte ich schon, dass Museen und Bibliotheken im Gegensatz zu den Bahnstationen hervorragende öffentliche Toiletten haben? ;) 
Pferdegarde

Alsdann ging es dank Muschel und der etwas klaustrophobisch anmutenden Londoner Metro zum Picadilly Circus. Der Plan war, bei schönstem Sonnenschein die Themse abzuspazieren. Von Picadilly ging es über St. James's Park zum Haus der Pferdegarde, wo tatsächlich zwei Bobbys auf Pferden dekorativ innerhalb der für sie vorgesehenen Einbuchtung der Mauer standen und versuchten, die Pferde trotz unerschrockener Touristen-Kinder unbeweglich und bei Laune zu halten. Damit dabei nichts schief geht, muss die berittene Streife dabei von einem Uniformierten mit Gewehr bewacht werden, ist ja logisch. 

Danach ging es über die Brücke, und wir erblickten das geschäftige Londoner Fahrwasser - Touristenschiffe, Museumsschiffe, Essensschiffe, Müllsammlerschiffe und Frachtkähne mühten sich durch die leicht fragwürdig gefärbte Brühe und verbreiteten geschäftiges Treiben. 

"Bankenviertel" | Tower of London | London Bridge
An den Ufern der Themse gibt es sehr schöne Promenaden, die natürlich ziemlich erhöht liegen und mit (von Umbaumaßnahmen gefährdeten) Bäumen bepflanzt sind. Das Volk tummelt sich in den Restaurants, Cafés, Läden und den Galerien und nutzte jede (echte und unechte) Rasenfläche, die sich bot. Findige Verkäufer hatten Liegestühle gegen Gebühr herbeigeschafft. 

Wir bestellten Spaghetti, streiften nur kurz durch das Tate Modern Art Museum und kauften lecker kandierte Paranüsse auf dem Borough Markt in der Nähe der London Bridge. Bei alldem präsentierte sich London so schön bunt, wie es sich für eine Metropole gehört. 
Viele kleine Läden sind von aufstrebenden Künstlern und Designern, die Preise ordentlich aber bezahlbar, die angebotene Ware ist mal rustikal British (Fish&Chips an allen Ecken), aber auch bedacht Bio-, Öko- und garantiert alles-frei (Laktose, Gluten, Konservierungsmittel?) und die Inder, Chinesen, Thailänder, Syrer und Nepalesen stecken auch in allen Ecken.
Die Leute auf den Straßen sind vor allem bunt und zu 80% vollkommen stillos, aber mit einer Selbstverständlichkeit, dass es nach dem ersten Schock schon nicht mehr auffiel. Dabei ist natürlich fragwürdig, wie viele Engländer sich tatsächlich im Gewimmel versteckten, denn so viel Englisch hörten man auch nicht, dafür sehr viel Deutsch und Polnisch.   

Cookies!
Wir waren uns für den ersten Tag meines Aufenthalts einig: Wir wollten zwar die britische Atmosphäre genießen, nicht jedoch das britische Essen und so waren ein echt-britischer Cookie und ein Brownie eine gute Lösung zur Akklimatisierung. So eine Zucker-trifft-Fett-Bombe, wenn sie einzeln auftritt, kann dann abends immerhin mit selbstgemachtem Salat wieder neutralisiert werden.

Meine Füßchen schlichen schon sehr schleichig über die London Bridge hin zum Tower, denn meine Alle-10.000-Schritte-eine-Pause-Regel wird hier ständig missachtet und meine Ermattungserscheinungen nur müde belächelt. Wahrscheinlich tankt Schwesterherz momentan Sonnenlicht oder so. Den Tower schauten wir uns angesichts der Eintrittspreise nur von außen an. Außerdem sieht der Tower an einem strahlenden Sommertag irgendwie nicht sehr towerig-schaurig aus und so fehlte der fein geputzten Spielzeugburg doch irgendwie der Flair.

Tower of London
Dann brachten mich meine Knochen nur noch bis zur St-Pauls-Kirche, wo wir dann endlich in einen Bus heimwärts stiegen. Dabei war ich schon so geschafft, dass ich ganz vergaß, mich im Doppeldeckerbus oben hin zu setzen. Das muss noch nachgeholt werden. 

St. Paul | Geschafft...