Am Donnerstag hatte ich mir einen vorzeitigen Feierabend redlich erfroren und habe mich mit Kathrin vor der "Tate Modern" getroffen. Die Gallerie umfasst Kunstwerke moderner und gegenwärtiger "Kunst". Was Kunst ist und was sie nicht ist, darüber lässt sich bekanntlich sehr gut streiten oder eben doch den Kopf schütteln. So blieben mir Sinn, Aussage und/ oder Zweck einiger Bilder, Skulpturen und Objekte auch dann noch verborgen, nach dem ich Rat beim Begleittext eingeholt hatte.
Allerdings gab es natürlich die ein oder andere Sache, mit der sogar ich Kunstbanause etwas anfangen konnte und die ich als "sinnvoll" oder auch als "aussagekräftig" einstufen würde. So zum Beispiel "Babel 2001" - ein Turm, der aus lauter Radios zusammengebastelt wurde. Da kann man der Interpretation freien Lauf lassen und so zu einigen Schlüssen kommen. Auch die "Plakate" der feministischen Gruppe "Guerrilla Girls", die in den 1980er (und bis heute) auf die Diskriminierung von Frauen in der Kunstszene aufmerksam machte, transportieren eingängige und eindeutige Botschaften (eigentlich eine Schande, dass sie immer noch aktuell sind).
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| Tate Modern | Babel 2001 | "Müssen Frauen nackt sein, um ins Met. Museum [New York] zu können? Weniger als 5% der Künstler sind Frauen, aber 85% der Nackten sind weiblich." (1989, Collection Tate). Die Gorillamaske ist das Markenzeichen der Truppe (also wer da noch nicht selbst drauf gekommen ist, der weiss es jetzt.) |
Das Gebäude der "Tate", ein ehemaliges Kraftwerk, böte noch viel mehr Raum zur Entfaltung von viel mehr, aber es ist erstaunlich wenig oder auch beliebig drin oder... Na ja, wer's mag. Später schlenderten wir gemütlich zur Tower Bridge und dann am Tower vorbei wieder zurück und genossen einen Burger zum Abendbrot. Ein gelungener Tag!
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| Bei angenehmen Temperaturen genießen einige Londoner die einträchtige Ruhe am Flussufer, bevor sie sich in die U-Bahn stürzen, um nach Hause zu fahren. Im Hintergrund: The Shart. |
Am Freitag und Sonnabend dann mein übliches Programm: Fahrt nach Kew zum Nationalarchiv und bei Bibbertemperaturen NIX finden :( SUPER. Auf dem Nachhauseweg dann auch noch Prasselregen (Hey, es regnet!). Ich also Unterschlupf auf der U-Bahn-Station gesucht und mir die Werbung angesehen. Was soll ich sagen, Werbung funktioniert doch! Salisbury sieht aber auch wirklich zu schnuckelig aus... Ich also Zugtickets von der Waterloo Station nach Salisbury für Sonntag erstanden. Hm, Stonehenge ist da gar nicht mehr weit? Warum nicht, Eintrittskarte für den wohl berühmtesten prähistorischen Steinhaufen wurden also auch noch gekauft. Plan war fertig geschmiedet :) Der Gedanke, dass es auch am morgigen Tag regnen könnte, kam mir erst zu Hause... Clever, echt clever.
Der Sonnatg begann dann tatsächlich auch grau in gräuer, aber als ich bei der Liverpool Station ankam, luckte schon mal die Sonne durch. "Liverpool Station" fragt ihr euch? Wo doch der Zug von der "Waterloo Station" abfährt? Ja, diese Frage habe ich mir wohl 100 Mal gestellt, als ich zähneknirschend mit der U-Bahn wieder durch halb London gefahren bin und natürlich den Zug 09:15 verpasst habe. So fangen Sonntage an!
Ziemlich angefressen wartete ich auf den nächsten Zug, nun am richtigen Bahnhof, und konnte sogar mein Ticket benutzen. Es war wieder alles gut. Meine Eintrittskarte für einmal Steinkreis galt für 12:30 Uhr; nun, das würde zwar knapp werden, aber auf alle machbar. Fast pünktlich fuhr der Zug am Bahnhof in Salisbury ein, ich fand gleich den Bus, stellte mich brav an und WUMMS! Türen zu und ab der Bus. HÄ??? Wie jetzt? Jo, der nächste komme gleich. Eine halbe Stunde später wusste ich, dass ich ein anderes Verständnis von "gleich" habe. Eine Stunde später war ich wieder, nun ja, nicht gerade "amused".
Es war 13:15 Uhr als ich endlich im Bus saß und mich schon mal auf eine Diskussion wegen eines "ungültigen" Tickets am Eingang einstellte. Zumindest letzeres hätt' ich nicht gebraucht. Ohne auch nur zu murren oder mit der Wimper zu zucken, wurde ich sofort eingelassen und zum nächsten Shuttel, direkt "to the stones" (zu den Steinen), gelotst. Schade, ich wäre eigentlich gerne gelaufen, aber aus Zeitgründen habe ich es doch bleiben lassen, schließlich wollte ich auch noch Salisbury erkunden.
Und das ist er nun: Der Steinkreis, zu dessen Zweck viele Hypothesen in noch mehr Büchern formuliert wurden, dessen Funktion letztlich aber immer noch nicht geklärt ist. Tempelanlage, Sonnenobservatorium oder doch "nur" Grabanlage? Wahrscheinlich wird man es nicht herausfinden...
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| Stonehenge, Steinkreis |
Und sonst gibt es auch nicht viel zu sehen. Also, es gibt natürlich noch mehr Steine und Hügel und Hügel und Steine, neben und auf noch mehr, ja richtig, Hügeln und Steinen. Da sich der Himmel dann aber doch zuzog, habe ich beschlossen die Hügel und Steine hinter mir zu lassen und mit dem Shuttel und dem Bus zurück in die Stadt zu fahren. mich beschlich nämlich auch der Gedanke, dass die weltberühmt Kathedrale schon 17:00 Uhr schließen könnte, wie so vieles sonntags in England um diese Uhrzeit schließt (der Feierabend sei den Leuten gegönnt).
Die Kathedrale von Salisbury wurde im 13. Jahrhundert erbaut (Baubeginn 1220) und das auch noch recht schnell (Weihung erfolgte 1258, Bauende wird um 1310 datiert) - Heinrich III. (1207-1272) ließ den Geldhahn nie versiegen und so konnte ohne Unterbrechungen gewärkelt werden. Zum Glück hatte der Mann ein laaanges Leben. Der Turm, der höchste Kirchturm in Groß Britannien, wurde etwas später errichtet. Damit ersetzte dieser Sakralbau im Stil der englischen Gothik den romanischen Vorgängerbau.
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| Kathedrale von außen und innen | ausgestellte Glaskunst; Leitthema war "Reflexion" | Kreuzgang |
Leider, leider verpasste ich die Öffnungszeit der "Magna Carta". Als eine der noch vier erhaltenen Originalabschriften ist sie in einem separaten Raum ausgestellt und kommt man zu spät, hat man Pech gehabt, denn dann bleiben die Türen verschlossen. In der so genannten "Urkunde der Freiheit" sind alle Privilegien festgeschrieben, die der Adel dem König, Johann Ohneland, 1215 abgetrotz hatte. Ich würde zwar nicht so weit gehen, wie viele Engländer, die in ihr die ersten verbrieften "Menschenrechte" sehen, aber immerhin wurde in ihr u.a. geregelt, dass jeder "freie Mann" nicht ohne einen Gerichtsprozess "von seines Gleichen" inhaftiert, enteignet oder verbannt werden dürfe. Sprich, der König büßte seine Gerichtshoheit ein; aber eben nur über die "freien Männer". Die Mehrheit stand damit also immer noch unter der Knute, was dem Adel eigentlich auch nur Recht sein konnte :)
Ungefähr ein Jahr nach Baubeginn des Gotteshauses erhielt die Siedlung "nebenan" Stadtrechte und Salisbury (New Sarum) erschien auf der Landkarte. Da die Industrialiserung fast völlig spurlos an dem Örtchen vorbeiging, verschandelt eigentlich kaum etwas den alten Stadtkern. Auch wenn hier und da natürlich Baulücken ausgemauert wurden, so sind es doch zumindest keine Betonklötzer die das Bild trüben.
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| Salisbury; Stadtmitte mit Marktkreuz und vielen kleinen schief-schrägen Häuschen. |
Das Marktkreuz kennzeichnet den Marktplatz als solchen. Was in Wismar also die Wasserkunst ist, ist in Salisbury so eine Art Pavillon aus dem 15. Jahrhundert (Bild oben, mitte). Hat es geregnet, konnten die Händler ihre Waren flux unterstellen. Als ich dort vorbei spazierte, wurden nicht etwa Obst, Gemüse oder Flatterviech ins Trockene gebracht, wohl aber die Mopeds und andere zweirädrige Miefschleudern, deren Herrchen nicht nass werden wollten. Der Regen hatte mich eingeholt.
Die sonnigste Zeit des Tages habe ich also auf den Bus wartend verbracht. Die Rückfahrt dauerte laut Handyuhr genauso lange wie die Hinfahrt, fühlte sich stehend aber länger an, komisch. Erst in der U-Bahn nach King's Cross wurden meine schreienden Lymphen ruhig gestellt... Rückblickend viel Fahrerei und Warterei für einen kurzen Sonntagsausflug, aber immerhin, Salisbury lohnt sich für eine Stippvisite und wenn die Sonne scheint, kann man sehr schön Käffchen trinken; überall.