Bevor uns der Regen im Griff haben sollte und weil wir
uns Boston ja schon im vergangenen Jahr (Bei Sommer, Sonne, Hitze) erwandert
hatten (Link zum entsprechenden Eintrag hier), sollte es gleich am nächsten Tag nach Plymouth zur „Plimoth
Plantation“ gehen.
Im Land der Landrover, Drive-Ins und Drive-Throughs a
la McDonald & Co. (Schalteressenbestellungen aus dem Auto heraus, ohne zum
Essenfassen auszusteigen) auf die Öffis, wie Franz sie nennt, zu verlassen, ist
eine Herausforderung, die Planung erfordert, möchte man sie erfolgreich
meistern. Planung hin und her, schließlich hatten wir einen Plan, der planungstechnisch
praktikabel erschien: Mit der Metro zum Südbahnhof, vom Südbahnhof mit dem
Plymouth-Brockton-Bus nach Plymouth, Ausfahrt Nr. 5, einem Autoparkplatz mit,
wie könnte es anders sein, einem McDoof. Von dort mit dem Museum-Shuttel (noch
mal 3 Dollar für zwei Nasen) zum Eingangstor des „Museums“. Alles nach Plan.
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Unter dem Motto „Have a great time in another time“
(habe eine gute Zeit in einer anderen Zeit) begrüßt das Freilichtmuseum seine
Besucher. Es steht an dem Ort, an dem sich 1620 die ersten Siedler von der
Mayflower niederließen. Die Puritaner, wie sie genannt werden, kamen ursprünglich
aus England, bevor sie sich kurzzeitig aus religiösen Gründen nach Holland
flüchteten, bis sie schließlich nach Neu England auswanderten. Die Kolonisten
trafen auf ihrer Suche nach einem geeigneten Siedlungsort auf eine „freie“
Fläche in Flussnähe. Wie sich später herausstellte, war der Platz mitnichten
„frei“, sondern eine von Wampanoag-Indianern zeitweilig verlassene Lagerstätte.
Das Museum besteht daher auch aus einem Wampanoag-Lager und einem englischen
Siedlungsdorf aus dem 17. Jhd.
Der Clou ist die „Zeitlichkeit“, mit der museal
gearbeitet wird. Während im „Indianerlager“ „ethnisch-echte“ Indianer Fragen
aller Art zu ihrer Vergangenheit und Gegenwart beantworten, nehmen im
englischen Siedlungsdorf bleichgesichtige Freiwillige bestimmte Rollen ein. Gemäß
ihren Rollen interagieren sie mit den Besuchern, erzählen Geschichten und
stellen die Dinge aus „ihrer“ 17. Jahrhundert (An)Sicht dar – was natürlich
problematisch ist. Eine kritische Einordnung des Erlebten und Gehörten sollen
echte Museumsmitarbeiter leisten. Sie waren ebenfalls auf dem Gelände anzutreffen und hätten das pädagogische Konzept vielleicht abgerundet, mit ihnen haben wir aber nicht gesprochen. Für alle bereits aufgeklärten Besucher haben die
Geschichtchen und die "Authentizität" der „weißen Kolonisten“ aber etwas
für sich.
Bei den Wampanoag (oder Mitgliedern anderer Stämme,
aber immer ausschließlich wirkliche Indianer) kann man erleben, wie Boote aus
Holzstämmen auf traditionelle Art ausgebrannt werden. Eine Frau versuchte sich
an der Löffelherstellung, weil ihr beim Backen zu langweilig war und "Kochen eh
nicht so ihr Ding ist" (Zitat). Die Löffelerstellung entpuppte sich ebenfalls als keine
Schnitzkunst, sondern als Kunst, Holz in Form zu kokeln. In dem man das
angerußte Holz abschabt und so in Form bringt, entsteht langsam und mühsam ein
Schöpfutensil.
| Bootherstellung |
Mit welcher Verachtung die "Natives" oder
"Indigenous People" (Einheimische) selbst in dem Museum manchmal konfrontiert
werden, erlebten wir zum Glück nicht, erfuhren wir aber im Gespräch mit einem
Hersteller von traditionellem Kopfschmuck aus Kanada. Er erzählte uns auch,
dass auf kanadischer Seite das rituelle Fasten, um Visionen zu erhalten, noch
immer gelebt wird, während es in den USA schon nicht mehr praktiziert wird. Außerdem erklärte er uns, wie die Dinger am Kopf festgemacht wurden/ werden :)
Neu auch für uns war die Erfahrung, wie warm es in
einem Langhaus (Nush wetu) im Winter werden konnte. Auf bis zu 95°
Fahrenheit, also 35°C (!), konnte so ein großes Holzrindenhaus im Winter
aufgeheizt werden. Die englischen Siedler in ihren eckigen Holzhäuschen
dagegen, hatten deutlich mehr Mühe Wärme in ihre Buden zu kriegen und zu
halten. Die ovale Form der indianischen Behausungen erzeugt eine optimale
Luftzirkulation, bei der wenig Wärme aus dem Kreislauf entweicht und vor allem in
keine Ecken zieht, um nie wieder im Zimmerinneren gespürt zu werden. Interessant auch, dass die Familienplanung bei den
indigenen bei zwei-drei Kindern aufgehört hatte. In Ermangelung von Krankheiten
(außer dem allgemein-gemeinen Rotz) erreichten nämlich fast alle das
Erwachsenenalter (nun ja, bis die Europäer alles Mögliche einschleppten). Ein Langhaus für bis zu 16 Personen reichte daher für eine
Großfamilie aus; bei den Cherokee wurde die Familienverwandtschaft immer über
die Mutter vorgegeben.
| Nush wetu |
Bevor der chinesisch-koreanische Massenandrang das
Flair etwas kulturkonterkarierte, huschten wir selbst durch die Holzhäuschen
der englischen Siedler und hörten uns die Sorgen und Nöte eines Schreiners,
einer Bäuerin und eines Schießpulverausgebers an. Nebenher probten Besucher
unter „professioneller“ Anleitung eines „Wachmanns“ die Verteidigung (im Falle
eines Indianerangriffs?).
| Plimoth im 17. Jhd. Das Museum hat die phonetische Originalschreibweise beibehalten; die Stadt heißt heute Plymouth. |
| Die "Gelbwesten" kommen! |
Hurtig ging es zurück zum Eingang/ Ausgang, um den
Shuttle zur Ausfahrt Nr. 5 nicht zu verpassen, der fährt nämlich nicht oft,
schon gar nicht nachmittags. Wieder am Parkplatz angelangt brachten wir die
Wartezeit bis zur Ankunft des Plymouth-Brockton-Busses mit einem McDoof-Tee und
der Lektüre von Infoflyern rum. Tag eins sinnvoll genutzt und nicht nass
geworden!