Dienstag, 15. Oktober 2019

Boston/ Plymouth (08.10.2019)


Bevor uns der Regen im Griff haben sollte und weil wir uns Boston ja schon im vergangenen Jahr (Bei Sommer, Sonne, Hitze) erwandert hatten (Link zum entsprechenden Eintrag hier), sollte es gleich am nächsten Tag nach Plymouth zur „Plimoth Plantation“ gehen. 

Im Land der Landrover, Drive-Ins und Drive-Throughs a la McDonald & Co. (Schalteressenbestellungen aus dem Auto heraus, ohne zum Essenfassen auszusteigen) auf die Öffis, wie Franz sie nennt, zu verlassen, ist eine Herausforderung, die Planung erfordert, möchte man sie erfolgreich meistern. Planung hin und her, schließlich hatten wir einen Plan, der planungstechnisch praktikabel erschien: Mit der Metro zum Südbahnhof, vom Südbahnhof mit dem Plymouth-Brockton-Bus nach Plymouth, Ausfahrt Nr. 5, einem Autoparkplatz mit, wie könnte es anders sein, einem McDoof. Von dort mit dem Museum-Shuttel (noch mal 3 Dollar für zwei Nasen) zum Eingangstor des „Museums“. Alles nach Plan. 

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Unter dem Motto „Have a great time in another time“ (habe eine gute Zeit in einer anderen Zeit) begrüßt das Freilichtmuseum seine Besucher. Es steht an dem Ort, an dem sich 1620 die ersten Siedler von der Mayflower niederließen. Die Puritaner, wie sie genannt werden, kamen ursprünglich aus England, bevor sie sich kurzzeitig aus religiösen Gründen nach Holland flüchteten, bis sie schließlich nach Neu England auswanderten. Die Kolonisten trafen auf ihrer Suche nach einem geeigneten Siedlungsort auf eine „freie“ Fläche in Flussnähe. Wie sich später herausstellte, war der Platz mitnichten „frei“, sondern eine von Wampanoag-Indianern zeitweilig verlassene Lagerstätte. Das Museum besteht daher auch aus einem Wampanoag-Lager und einem englischen Siedlungsdorf aus dem 17. Jhd. 

Der Clou ist die „Zeitlichkeit“, mit der museal gearbeitet wird. Während im „Indianerlager“ „ethnisch-echte“ Indianer Fragen aller Art zu ihrer Vergangenheit und Gegenwart beantworten, nehmen im englischen Siedlungsdorf bleichgesichtige Freiwillige bestimmte Rollen ein. Gemäß ihren Rollen interagieren sie mit den Besuchern, erzählen Geschichten und stellen die Dinge aus „ihrer“ 17. Jahrhundert (An)Sicht dar – was natürlich problematisch ist. Eine kritische Einordnung des Erlebten und Gehörten sollen echte Museumsmitarbeiter leisten. Sie waren ebenfalls auf dem Gelände anzutreffen und hätten das pädagogische Konzept vielleicht abgerundet, mit ihnen haben wir aber nicht gesprochen. Für alle bereits aufgeklärten Besucher haben die Geschichtchen und die "Authentizität" der „weißen Kolonisten“ aber etwas für sich.   

Bei den Wampanoag (oder Mitgliedern anderer Stämme, aber immer ausschließlich wirkliche Indianer) kann man erleben, wie Boote aus Holzstämmen auf traditionelle Art ausgebrannt werden. Eine Frau versuchte sich an der Löffelherstellung, weil ihr beim Backen zu langweilig war und "Kochen eh nicht so ihr Ding ist" (Zitat). Die Löffelerstellung entpuppte sich ebenfalls als keine Schnitzkunst, sondern als Kunst, Holz in Form zu kokeln. In dem man das angerußte Holz abschabt und so in Form bringt, entsteht langsam und mühsam ein Schöpfutensil.

Bootherstellung
Mit welcher Verachtung die "Natives" oder "Indigenous People" (Einheimische) selbst in dem Museum manchmal konfrontiert werden, erlebten wir zum Glück nicht, erfuhren wir aber im Gespräch mit einem Hersteller von traditionellem Kopfschmuck aus Kanada. Er erzählte uns auch, dass auf kanadischer Seite das rituelle Fasten, um Visionen zu erhalten, noch immer gelebt wird, während es in den USA schon nicht mehr praktiziert wird.  Außerdem erklärte er uns, wie die Dinger am Kopf festgemacht wurden/ werden :)

Traditioneller Kopfschmuck. Die Farbe "Grün" war ein Wunsch der Familie, da der betreffende in seiner Vision eben jene Farbe gesehen hatte. Der Holzstab in der Mitte fungiert als eine Art "Haarspange" um die die natürlichen Haarzöpfe drumgewickelt werden, damit der Federschmuck nicht verrutscht.
Neu auch für uns war die Erfahrung, wie warm es in einem Langhaus (Nush wetu) im Winter werden konnte. Auf bis zu 95° Fahrenheit, also 35°C (!), konnte so ein großes Holzrindenhaus im Winter aufgeheizt werden. Die englischen Siedler in ihren eckigen Holzhäuschen dagegen, hatten deutlich mehr Mühe Wärme in ihre Buden zu kriegen und zu halten. Die ovale Form der indianischen Behausungen erzeugt eine optimale Luftzirkulation, bei der wenig Wärme aus dem Kreislauf entweicht und vor allem in keine Ecken zieht, um nie wieder im Zimmerinneren gespürt zu werden. Interessant auch, dass die Familienplanung bei den indigenen bei zwei-drei Kindern aufgehört hatte. In Ermangelung von Krankheiten (außer dem allgemein-gemeinen Rotz) erreichten nämlich fast alle das Erwachsenenalter (nun ja, bis die Europäer alles Mögliche einschleppten). Ein Langhaus für bis zu 16 Personen reichte daher für eine Großfamilie aus; bei den Cherokee wurde die Familienverwandtschaft immer über die Mutter vorgegeben. 

Nush wetu
Bevor der chinesisch-koreanische Massenandrang das Flair etwas kulturkonterkarierte, huschten wir selbst durch die Holzhäuschen der englischen Siedler und hörten uns die Sorgen und Nöte eines Schreiners, einer Bäuerin und eines Schießpulverausgebers an. Nebenher probten Besucher unter „professioneller“ Anleitung eines „Wachmanns“ die Verteidigung (im Falle eines Indianerangriffs?). 

Plimoth im  17. Jhd. Das Museum hat die phonetische Originalschreibweise beibehalten; die Stadt heißt heute Plymouth.
Die "Gelbwesten" kommen!
Bäuerin beklagt, dass sie in Leiden Glasfenster gehabt habe, hier dafür mehr Holz zum Heizen. Außerdem sei es nicht mehr lange hin, bis sie und ihr Mann endlich ihren "Arbeitsvertrag" bei der Überseekompagnie abgearbeitet hätten und sie endlich ihr eigenes Land erhalten und bebauen würden.
Hurtig ging es zurück zum Eingang/ Ausgang, um den Shuttle zur Ausfahrt Nr. 5 nicht zu verpassen, der fährt nämlich nicht oft, schon gar nicht nachmittags. Wieder am Parkplatz angelangt brachten wir die Wartezeit bis zur Ankunft des Plymouth-Brockton-Busses mit einem McDoof-Tee und der Lektüre von Infoflyern rum. Tag eins sinnvoll genutzt und nicht nass geworden!