Dienstag, 4. Oktober 2016

Waisenhaus, Kunstgalerie und Georg Friedrich Händel (25.09.2016)


Nach dem ich meinen Aufenthalt voller Hoffnung auf neue nützliche Funde im Bestand der gekaperten Schiffe um eine Woche verlängert hatte, musste ich am Sonnabend (24.09.) in eine neue Bleibe umziehen. Mit Blick auf meine frühe Abflugzeit am Freitag (30.09.), wollte ich im Süd-Westen Londons verbleiben, möglichst nahe an der Picadilly-Line, die mich direkt zum Flughafen Heathrow bringen würde. Mit Sack, Pack und meinem Köfferchen ging es also nach Hounslow.

Der Stadtteil versprüht einen Charme ähnlich der Leipziger Eisenbahnstraße: Bangladeschi, einige arabisch aussehende Kuttenträger und viele, viele, viele Polen haben sich dort niedergelassen und die „Poundland“-Shops (Pardon zu unseren 1€-Läden) neben den vielen kleinen Gemischtkram-warenbuden machen es einem nicht schwer zu erraten, dass die Einkommensverhältnisse in Hounslow bei Weiten nicht so rosig aussehen, wie in Clapham oder Kew.

Jedenfalls, wollte ich meinen letzten Sonntag in London nicht in Hounslow verbringen und bin daher wieder in die altbekannte Gegend gefahren, um schließlich doch noch ins „Foundling Museum“ zu gehen. Das Museum wurde 2004 eröffnet und erzählt nicht nur die Geschichte des ersten Londoner Waisenhauses, sondern widmet sich auch dem Maler William Hogarth (1697-1764) und dem Komponisten Georg Friedrich Händel (1685-1759). Warum? Ganz einfach; neben dem Philantrophen Thomas Coram (1668-1751), der über 17 Jahre durch die Londoner High Society getingelt ist, um Unterstützungsunterschriften für sein Vorhaben ein Waisenhaus zu eröffnen zu sammeln, haben sich sowohl Hogarth als auch Händel immer wieder um das Waisenhaus verdient gemacht.

Thomas Coram. Bevor er das Waisenhaus gründete, verdiente er als Schiffskapitän und Kaufmann seine Brötchen. Rechts: Th. Coram gemalt von W. Hogarth (1740).
Hogarth hatte die brillante Idee seine Bilder erst im Hospital auszustellen, bevor sie an den Wänden in den Wohnungen der finanzkräftigen Käufer ihren Platz fanden. So wurde das Waisenhaus auch zur ersten öffentlichen Kunstgalerie Groß Britanniens. Einige Bilder überließ er gleich der Einrichtung, die vom anschließenden Verkauf kräftig profitierte.

Das Gebäude des heutigen Museums wurde exakt an dem Platz errichtet, an dem sich das 1740 erbaute Waisenhaus befand. Zum Glück hatten Architekten vor dem Abriss des ursprünglichen Gebäudes 1926 genaue Ausmessungen vorgenommen und auch viele Objekte der originalen Einrichtungen sicher verwahrt, so dass das Museum 1938 detailgetreu nachgebaut werden konnte. Der „Court Room“ des Hospitals, der Raum, der für offizielle Anlässe genutzt wurde, kann daher heute wieder als Beispiel des „feinsten Rococostils“ (Homepage) besichtigt werden (und für private Festivitäten gemietet werden).   

Foundling Museum
In den 250 Jahren des Bestehens des Waisenhauses wurden ungefähr 27,000 Kinder aufgenommen. In dr Anfangszeit wurde über ein Losverfahren über die Aufnahme oder auch Nichtaufnahme eines Kindes entschieden. Zu diesem Zweck mussten die Mütter, die sich nicht in der Lage sahen, ihr Kind zu versorgen, in ein Säckchen greifen, um einen kleinen Ball zu ziehen. War der Ball weiß, wurde ihr das Kind abgenommen, war er schwarz, durfte das Kind nicht bleiben.

Ballziehung. Im Hintergrund: Damen der High Society, die das Schauspiel beobachten.
Um zu garantieren, dass Mütter/ Eltern ihre Kinder im Fall der Verbesserung ihrer Lage wieder abholen konnten, wurde jedem Kind ein „Identifizierungsobjekt“ mitgegeben, dass zusammen mit den Aufnahmepapieren ausbewahrt wurde. Zu solchen Objekten konnten Stoffstücke, Münzen oder auch Schnitzereien gehören. Allein die Nennung des Kindsnamens reichte nicht aus, zumal jedem Kind bei der Aufnahme einen anderen Namen erhielt – so gab es beispielsweise zwei James Cooks und auch einen William Shakespeare unter den ersten 300 aufgenommen Kindern.

Links: Festsaal, Rechts: Papiere mit Stoffmuster (1758)
Jo, das war er, mein letzter Sonntag in London. Ich bin natürlich noch ein bisschen durch die Stadt spaziert. Vom British Museum bis zum Leister Square, die Regent's Street entlang zum Covent Garden und so weiter :)

Die letzte Archivwoche war dann leider nicht so ergiebig wie erhofft. Allerdings kann ich nun mit Sicherheit sagen, dass Mann und Frau einfach nicht viel finden kann, leider.