Das
Gedächtnis arbeitet auf Erinnerungshochtouren; und das am Wochenende (heute abend, 12.10.2019)!
Natürlich
stand auch an diesem Tag - erneut also - die GESAMTE Stadt auf dem Programm:
allerdings in verschärfter Form. Mitgenommen wurden nämlich Notre Dame, nicht
nur von außen, sondern auch von innen, der Kanalspaziergang dehnte sich nach
einem „Umweg“ etwas aus, auf der ersten „Berg“-Wanderung gab’s noch nicht
einmal einen Café-Latte und auf der zweiten war es dann schon ziemlich finster.
Ein Fußhorror schlecht hin also ;)
Gut gelaunt
ging es mit einem Frühstückchen in einem kleinen, gemütlichen Etablissement
los. Die Inneneinrichtung des "Le Petit Dep" war zwar viel schöner,
als das Essen gut, aber schlecht hat es nun auch wieder nicht geschmeckt. Das
Ambiente des Süßwaren-Zuckerparadieses-Zahnarztalbtraums hatte aber etwas.
Überhaupt, Montréal kann mit sehr viel mehr individuellen Kneipchen und Kaffees
aufwarten, als Toronto und Ottawa zusammen.
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| Le Petit Dep und *.* |
Fußtechnisch
optimal war die Lage dieses Essenberatertraumas: gegenüber von Notre-Dame
de Montréal, einer römisch-katholischen Basilika in der Altstadt.
Das neugotische Gebäude entstand innerhalb von nur FÜNF Jahren zwischen 1824
und 1829. Erdacht und den Bau geleitet hat bis zu seinem Tod ein gewisser James
O’Donnel, ein Protestant irischer Abstammung. Richtig, ein Ire und Protestant
war der einzige, der die Gotik aus eigener Anschauung kannte und deshalb zum
Bauleiter bestimmt wurde, obwohl er aus New York eingeflo... äh, eingereist
werden musste. Um in der Krypta begraben werden zu können, entschloss er sich
auf dem Totenbett (1830) noch schnell zum Katholizismus überzutreten. Bis heute
ist er der einzige, der innerhalb der Kirchenmauern begraben liegt. Zugegeben,
die Kirchtürme kamen später hinzu (1843 fertig). Aus Geldmangel musste 1829
einfach irgendwann erst einmal Schluss gemacht werden. Immerhin, eine
funktionsfähige und benutzbare Kirche stand aber schon mal. Die elf Tonnen
schwere Kirchenglocke (Jean-Baptiste, installiert 1848) erzeugt so viel Schall
und Erschütterung, dass sie heute nur noch zwei Mal im Jahr läutet, zu Neujahr
und ... hab's vergessen, war aber bestimmt Kanadas "Unabhängigkeitstag",
der Tag der Kanadischen Konföderation (01. Juli 1868) oder so was ähnlich bedeutsames.
Außer 1994, da erläutete sie drei Mal, nämlich zusätzlich noch zu Céline Dions
Hochzeit, wie mehrere Reiseleiter betonten.
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| Notre-Dame
de Montréal |
Weil durch
das größte Fenster der Kirche das Sonnenlicht so ungünstig einfiel, dass jeder
Messebesucher geblendet wurde, entschloss man sich, besagtem Fenster die
Funktion zu entziehen. Ein prächtiger Altar verdeckt mittlerweile den
Lichteinfall und ist zum leuchtenden Reklameschild der Kirche geworden. Abends,
seit März 2017, wird nämlich "Aura" veranstaltet, eine Art
Lichtershow mit Musik. Früh erstrahlt nichts und der Eintritt kostet nur ein Drittel des Abendeintrittspreises, also
starteten wir unsere Stadttour morgens. Unsere Hoffnung, der Besucherandrang
würde auch geringer ausfallen, war angesichts des fortgeschrittenen
Morgens nach dem Frühstück dahin. Zum Glück hängen Altäre und Orgeln immer oben
:).
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| Altar |
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| Orgel |
Die Orgel
der Gebrüder Casavant ist nach deren Tour durch Europas Orgelkultstätten
zwischen 1881 und 1891 entstanden. Genaue Zahlen hab‘ ich nicht mehr parat,
aber es waren um die 7,000 Pfeifen, deren Bedienung auf vier Manualen und
zwei-drei Pedalebenen bewerkstelligt werden musste und immer noch muss (!) –
eine koordinative Herausforderung also.
Mit der
Metro ging es zum Atwater Markt, von wo aus wir unseren Spaziergang am
de-Lachine-Kanal begannen.
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| Kürbis ? |
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| oder Blümlies? |
Der Kanal,
in den 1820er Jahren zum Gütertransport zwischen den verschiedenen
Wasserreservoiren (Flüsschen, Seen) der Stadt erbaut, ist 14 Kilometer lang. Nebenher wurden hervorragende
Fahrradstrecken angelegt, Bänke aufgestellt, Picknickflächen ausgewiesen,
Bäumchen gepflanzt. Alles in Allem erinnert das Viertel stark an
Leipzig-Plagwitz. Alte Fabrikgelände wurden und werden umgebaut und als
Wohnungen sicherlich teuer vermietet/ verkauft. Entlang der Wasserstraße
entsteht aber auch ein komplett neues Wohnviertel. Die Bevölkerungszahl Kanadas
muss unglaublich wachsen. Es wird gebaut, gewerkelt und gehämmert und das im
gesamten Land!
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| Lachine-Kanal (Turm gehört zur Atwater Markthalle) |
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| *.* (Von wegen kalt, der Pullover steckt im Beutel!) |
Irgendwie
durch Zufall fanden wir uns dann bei der Cathédrale Marie-Reine-Du-Monde
(Maria Königin der Welt von Montreal-Kirche), einer verkleinerten Nachbildung
des Petersdomes, wieder (erbaut zw. 1875 und 1894), von wo aus eine
Metrofahrt Richtung „Mont Royal“ nicht mehr lohnte. Wir trabten also Richtung
des Uni Campus los, verhedderten uns aber im Bauzaundschungel und kamen
irgendwie an keiner Kafete heraus, sondern waren froh, als uns eine Hauptstraße
das Angebot von Buslinien lieferte, das wir nutzten, um zum „königlichen Berg“
zu fahren.
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| Student an einer Bushaltestelle, Eichhörnchen klaut Keks |
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| Teil des McGill-Universitätscampus (nicht im Bild, links beginnt der Bauzaunwirrwarr) |
Nur aus
patriotischen Gründen kann der "Berg" als Berg gelten. Das Hügelchen
ragt nämlich gerade einmal 230 Meter über dem Meeresspiegel in die
"Höhe". Trotzdem, als Jogger müsst‘ ich da nicht unbedingt hoch. Zum
Spaziergehen ist er aber ein kleines Stadtwanderparadies.
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| Mont Royal (*.* von hinten, Pullover zugegebenermaßen wieder an) |
Unser
Fußmarsch wurde ernsthaft behindert, als uns wieder einmal Bauzäune den Weg
versperrten und wir (zusammen mit hunderten anderen) anderen Biegungen folgend,
die Aussichtsplattform erreichten. Zum Glück war das Wetter ein Träumchen.
Vielleicht etwas kühl im Schatten, aber die Sonne schien und die Sicht war
klar. Der Blick über Montreal störten deshalb nur notorische
Instagram-Begeisterte Selfie-Poser.
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| Blick auf Montréal vom Mont Royal in Richtung des Sankt-Lorenz-Stroms |
Natürlich
reichte dieser einseitige Blick auf die Stadt nicht aus :) Von einem
anderen „Berg“ aus hat man nämlich auch den Blick auf die andere Hälfte der
Stadt. Also wurde wieder das Busnetz ausgekundschaftet und zum St.-Josephs-Oratorium
im Südwesten des ersteren "Berges" gefahren. Locker hinaufgehüpft und
tadahh: Blick auf Montreal, der zweite. Na ja, der Sonnenuntergang war schön,
die Stadt darunter nicht so sehr. Der Baukran versinnbildlicht sehr treffend
unseren Eindruck von Kanada als Baustelle. Die Kirche an sich ist jetzt nicht
so das Highlight, es sei denn man steht auf sakrale Betonarchitektur.
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| St.-Josephs-Oratorium | | |
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| St.-Josephs-Oratorium, Altarbereich |
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| So sieht's in Kanadas (Groß-)Städten aus |