Sonntag, 27. Oktober 2019

Harvard III

Des Campus dritter und letzter Teil. Des Campus andere Flussseite.
1927 war wohl der Startschuss für das zweite "Standbein" der wachsenden Universität. In diesem Jahr zog nämlich die HBS, die Harvard Business School (mit vollem Namen: Harvard University Graduate School of Business Administration: George F. Baker Foundation - aber das ist mir zu lang), auf die andere Seite des Charles River, nach Allston, einem Stadtteil von Boston. Über die Weeks-Bridge, einer Fußgängerbrücke, kommt man trockenen Fußes dorthin. Praktischerweise wurde die nämlich 1927 gleich miterbaut.

Weeks Bridge
Die Business School ist mittlerweile zu einer kleinen Stadt für sich ausgewachsen. Sie besteht aus mehreren Gebäuden, Wohnheimen, Fitness Centern, Mensen, Cafes und Bibliotheken. Andere Institute sind mit der Zeit hinzugekommen. Das Sportareal der Universität befindet sich ebenfalls auf der Bostoner Seite.

Erwähnt hatte ich bereits das Chao-Center, das ebenfalls einen sehr viel längeren Namen trägt: Ruth Mulan Chu Chao Center. Unschwer zu erraten, dass die Namensgeberin chinesischer Herkunft ist. Es ist das erste Gebäude des gesamten Business-Ensambles, dass nach einer Frau und nach einer Amerikanerin asiatischer Abstammung benannt ist. (Und ja, die Frau ist nach der Mulan benannt worden...) Geholfen haben dürfte, dass die Familie 40 Millionen US-Dollar an die HBS gespendet hat... Jedenfalls finden dort die "Business History Seminare" (Wirtschaftshistorische Seminare) statt, zu denen (fast) jeden Montag geladen wird. Diese "Seminare" haben eher den Charakter deutscher Kolloquien (Gäste werden eingeladen, sie halten einen Vortrag und anschließend wird das Vorgetragene diskutiert). Davor gibt es ein Mittagessen und einen Empfang im Anschluss. An solchen Montagen bin ich also (kostenfrei) versorgt ;)
[Ebenfalls der Art versorgt bin ich an den meisten Donnerstagen, wenn das Global History Seminar im Knafel stattfindet. Nächste Woche kriegen die Menschers was  zur Plantagensklaverei und osteuropäischer Leibeigenschaft im 18. Jahrhundert zu hören - von mir.]

Chao Center. Bild unten rechts: In der "Glasausbuchtung" über dem Eingang in der Mitte befindet sich der Seminarraum.
Der Grund, warum ich außerdem manchmal auf der anderen Flussseite zu finden bin, ist die Baker Library. Die Bib wurde auch 1927 fertig gestellt und ist nach George Fisher Baker (1840-1931) benannt. Letzterer war dick im Banken- und Eisenbahngeschäft drin und hat im amerikanischen Bürgerkrieg ein Vermögen verdient, dass ihn zum drittreichsten Mann der USA gemacht hat (hinter Henry Ford und John D. Rockefeller). Er war einer der Mitgründer der HBS, weswegen sein Name im Volltitel des Wirtschaftsinstitut auftaucht. Die Unterlagen der Bostoner/ Charlestowner Kaufmannschaft liegen dort in den Archivtresoren... Auch die meisten Publikationen zur deutschen, überhaupt europäischen Wirtschaftsgeschichte, erschienen vor 1800, liegen dort.

Baker Library
Und weil schönes Wetter war - hatte ich schon erwähnt, dass nach Franzens Abflug hier der Spätsommer ausgebrochen ist? Also so richtig, meine ich - bin ich noch zum Sportkomplex spaziert. Generell gilt, dass Studis und Mitarbeiter mit ihren Ausweisen kostenlos zu den Spielen bzw. Wettkämpfen "ihrer" Manschaften (in allen Ballsportarten, inkl. Golfen und Tennis, aber auch American Football usw., Schwimmen, Eishokey und und und) gehen können. Alle anderen zahlen Eintritt, wie bei jeder "professionellen" Sportveranstaltung auch. Aber was red' ich: College-Sport ist in den USA Profisport. Obwohl Harvard keine Sportstipendien vergibt, hat die Uni das volle Programm an Angeboten und zählt zu den erfolgreichsten "Sportunis" der USA. Was an Stipendiengeldern "eingespart" wird, wird für Trainer, Coaches, Ärzte, Fitness-Einrichtungen etc. pp. ausgegeben. (An anderen Universitäten - sogar schon an Highschools! - ist es Gang und Gebe vielversprechende Sportler "einzukaufen", damit diese die Gewinnchancen der Uniteams verbessern. Aus dem Grund gibt es an vielen Unis "Trottel" (Zitat von CT), die mit Nachhilfe und Sonderunterricht mit Hängen und Würgen durchgeboxt werden, weil sie im sportlichen Bereich (Prestige und Geld!) für die Unis wertvoll sind.) Auf den Sportprestige ist Harvard nicht angewiesen... Mit den ca. 40 MILLIARDEN (!) Univermögen können Eishockeyhallen, Tennisplätze und Stadien verschiedenster Art aber wohl problemlos unterhalten werden.

Für beide Opas: Fussballabteilung.
Eingang zum Rugby- und American Football-Feld
Rugby- und American Football-Feld. Ich bin nach dem Abpfiff der ersten Hälfte oder des ersten Viertels (keine Ahnung, hab' die Regeln von beiden Sportarten nie richtig verstanden) angekommen. Die Gäste haben geführt...
Zum Abschied der Campus-Triologie einfach noch ein sommerliches Herbstfoto. Linke Uferseite - Boston, rechte Uferseite - Cambridge, Mitte - Charles Fluss. Wer weiß, wie lange es noch so schön bleibt.

Charles River

Samstag, 26. Oktober 2019

Harvard II

Franz und ich haben ja schon mehrmals betont, dass sich auf dem Campus mehr Touristen als Studis herumdrücken. Ich habe mir mal den Spaß gemacht, die Rudel zu fotofieren, damit ihr euch eine Vorstellung machen könnt. Damit die Kultur nicht zu kurz kommt, vorweg noch einige Infos.

Die "Massachussetts Hall" (Bild 1) ist das älteste noch stehende Gebäude auf dem Campus und das zweitälteste (noch stehende) akademische Gebäude der USA. Errichtet wurde es zwischen 1718 und 1720 und beherbergte anfangs 64 kleine studentische Privatzimmer. Während der Belagerung von Boston zur Zeit des ersten Scharmützels des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (siehe Eintrag zu Charlestown) wurden hier 640 amerikanische Soldaten untergebracht. Während dieser Zeit "verschwanden" einige Möbelstücke und kupferne Türknaufe. Der desolate Zustand des Gebäudes war für die Universität Grund genug, den ersten Gerichtsprozess gegen die gerade neugegründeten Vereinigten Staaten und ihren ersten Präsidenten, dem "Kriegshelden" und Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen, George Washington, zu führen und Schadensersatz zu fordern. Mittlerweile haben der Unipräsident, sein Vize, der Rektor und der Schatzmeister dort ihre Büros.

Gruppe vor der "Massachussetts Hall"
Eine andere Gruppe vor der Statue von John Harvard, von der ihr ja bereits wisst, dass sie ihn gar nicht darstellt.
Noch andere Gruppe auf dem Weg zur Widener Library...
Jedenfalls gruppt es sich ganz mächtig auf dem gesamten Areal, so dass ich mittlerweile verstehe, warum die 3.-und-4.-Stock-Zimmer in den Wohnheimen heiß begehrt sind. Obwohl hier kaum einer gerne Treppen mit den eigenen zwei Füßen hochsteigt, sondern sich des Lifts in die erste Etage bedient, stellt die tägliche Stufenherausforderung in den Wohnheimen das kleinere Übel dar, wenn man bedenkt, dass einem sonst jeder ins Zimmer kuckt. 

Rückzugsorte wie der "Cambridge Common" sind daher sehr beliebt. Obwohl um die Ecke, steht der Park nicht im Reiseprogramm und läd daher zum ungestörten studentischen oder auch doktorandischen Mittags-Picknick ein.

"Eingangstor" zum Park. Das Tor "täuscht", denn der Park ist nicht ummauert. Das, was ihr an Mauer seht, ist alles an Mauer :) Ich glaube, die Cambridger wollten einfach ein schickes Gitter haben...
Heute (Sonnabend) fand auf der Freifläche ein Fussballturnier für Knirpse (5-6 Jahre) statt.
Sonst beherbergt der Park natürlich noch einige Denkmäler. Darunter drei Kanonen, die die Engländer bei ihrer Flucht vor den amerikanischen Truppen zurückließen als sie sich aus Boston im März 1776 zurückgezogen hatten. Man weiß sogar, unter welchem Baum George Washington stand, als er 1775 das Kommando über die amerikanischen Einheiten übernommen hatte. Den "Heroen zweier Kontinente", Thaddeus Kosciuszko und Casimir Pulaski, sind in unmittelbarer Nähe zwei Gedentafeln gewidmet. Ich glaube, deswegen lieben Polen Amerika. Hier kennt jeder "ihre" Helden, auch wenn keiner ihre Namen richtig aussprechen kann :) (Auch im Bostoner Stadtpark steht Kosciuszko herum)

[Tadeusz Kościuszko kämpfte erst im amerikanischen Unabhängigkeitskampf; der "Kościuszko-Aufstand" in Warschau 1794 gegen die Teilungsmächte Polens, Russland und Preußen, war dagegen glücklos. Kazimierz Pułaski gilt in den USA als Begründer ihrer Kavallerie. 2009 wurde ihm posthum die Ehrenbürgerschaft der Vereinigten Staaten verliehen; eine Auszeichnung, der sich nur acht Personen rühmen können.]

Drei Kanonen und der Baum.
Kościuszko und Pułaski
Ansonsten steht noch das Amerikanische-Bürgerkriegs-Denkmal mit einer Statue von Abraham Lincoln in der Landschaft und ein Denkmal eines  irischen Künstlers in Erinnerung an die Hungerkatastrophe in seinem Land (1845-1850) kam 1997 hinzu.

Bürgerkriegsdenkmal mit A. Lincoln (unten). Wer das da oben  sein soll, weiß ich nicht; wahrscheinlich ein Krieger...
Die Inschrift war wohl eher Wunsch des Künstlers als Irgendetwas anderes. ("Never Again Should a People Starve in a World of Plenty" - "Nie wieder soll ein Volk in einer Welt des Überflusses hungern")
Die frechen Hörnchen fehlen nirgends :)

Zurück zum Campus. Alle Zugänge zum Campus sind durch kleinere oder auch größere Eingangstore markiert. Eines der vielen Tore, zwischen der Widener und Lamont Bib (also mein Weg fast jeden Tag), ist das "Dexter Gate". Wer der Herr Dexter gewesen ist, hab' ich schon wieder vergessen, aber sein Sprüchlein am Tor ist ganz schön. Wenn es doch nur helfen würde! Also, nicht mir direkt, ich bin ja schon schlau :)

Oben: Wappen der Uni (Veritas - Wahrheit) | Unten: Tritt ein, "um an Weisheit zu wachsen" (ein besser Deutsch: um weiser zu werden) | Rückseite: "Depart. To Serve better Thy Country and Mankind" (Abschied. Für einen besseren Dienst an deinem Heimatland und Menschheit).

Meine bürolichen Räumlichkeiten, wenn ich nicht gerade doch in der Bib sitze, befinden sich im Knafel-Gebäude und in einem Häuschen drei Bäumchen weiter. Jepp, ich habe zwei Schreibtische. In der Planung ist etwas schief gegangen :) Das Knafel hatte ich schon mal vorgestellt, das Bürohäuschen drei Bäumchen weiter ist jetzt nicht soo interessant. Es ist ein einfaches Häuschen, dass zur Erweiterung des Büroraums umfunktioniert wurde.

Das Knafel (links) und die Design-School (rechts) und...
... drei Bäumchen weiter das, öhm, Haus. Es hat noch keinen Namen ;) "Mein" Fensterchen ist markiert.
Es steht in der Sumner Road. Da der Herr Sumner auch ein Denkmal auf dem Gelände hat - na klar - musste ich mich mal schlau machen, wer das eigentlich für einer gewesen ist. Es handelt sich um Charles Sumner (1811-1874), Student in Harvard, später Professor an der "Law School" (Rechtswissenschaften) und Senator von Massachhussetts. Er war Gegner der Sklaverei und nach dem Bürgerkrieg an der Gesetzgebung des Bundes beteiligt. So.

Charles Sumner
Ansonsten ist vielleicht noch ganz witzig, dass es nicht nur englische Inschriften zu entziffern gibt. Am "Center for European Studies" (Zentrum für Europastudien) ist es eine deutsche.

Center for European Studies. "Es ist der Geist, der sich den Koerper baut" (Friedrich Schiller, Wallenstein)

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Harvard I


Der erste Tag „in Harvard“ war erst einmal ein Feiertag – „Columbus Day“. Die US-Amerikaner feiern ihr Ankommen in Nordamerika ja mit Thanksgiving ("Danktag", in diesem Jahr am 28. November). Das ist aber offensichtlich nicht genug und deshalb ehren sie die „Entdeckung“ der Karibik (Haiti) durch Kolumbus (und die folgende Kolonisation Südamerikas durch die Spanier und Portugiesen) gleich auch noch. Man kann schließlich nie genug an die "Weiße Präsenz" auf den beiden Kontinenten erinnern... Einige der Uni-Bibliotheken hatten aber offen.

Die ersten drei Tage habe ich in der Widener Library verbracht, von der im Blog schon die Rede war. Da ich an jenem Feiertagsmontag (14.10.2019) zeitig da und außer mir sonst noch Niemand da war, hab‘ ich schnell zwei Fotos von innen gemacht, was sonst strengsten untersagt ist. Psst, nicht weitersagen! 

Widener Library (Hauptbibliothek) bei deutlich besserem Wetter als am Freitag zuvor. Auch die Menschen"massen" halten sich um 8:00 in Grenzen.
Widener Library. Um 9:00 ist man (noch) alleine. Die Bibs machen hier generell erst um 9:00 auf. Dafür haben einige bis 02:00 Uhr nachts geöffnet. Bei den  Ökonomen und Juristen gibt es auch 24-h-Bibos.

Widener Library. In jeder Bib gibt es neben Arbeitsschreibtischen auch immer Sesselgruppen. Bequem und gemütlich, für manche auch Mittagsschlafplätzchen.
Mittlerweile bin ich in eine kleinere Bib auf dem Campus umgezogen (Lamont Library). Wie der Rilke’sche Panter im Zoo kan ich mir nämlich schon ein bissl vor. Ständig läuft einem eine chinesisch-koreanisch-indische Touristengruppe voorweg. Zwischendrin versprengte Deutsche, Franzosen, Italiener, Polen oder Russen, die einem entweder den Weg versperren, weil sie auf das perfekte Photo von sich, der Freundin oder der Family hoffen und einem wie wild vorm Gesicht herumfuchteln, um die Aufstellung zu dirigieren, damit die Bildkomposition stimmt oder aber sie haben schon Stellung bezogen und werden ewig nicht fertig. In der Bibliothek selbst wird man von einigen Reisegruppen mit Sondergenehmigung begafft. Nix wie weg! Wer nicht unbedingt ein Buch von dort braucht, weicht auf andere aus, das habe ich sehr schnell gelernt. Gemütliche Sessel für den Lunch (Mittag) gibt’s überall :). Außerdem: große Hallen - großes Frierpotential; kleinere Hallen - warme Hände!

Lamont Library (Handy)

Lamont Library. Hier gibt es neben "einfachen" Schreibtischen auch so 'ne Art offene "Schreibboxen" (links im Bild), um "abgeschirmt" noch tiefer in die Materie versinken zu können. (Handy)
Das Weatherhead Center for Global Studies (Weatherhead Zentrum für Globalgeschichte) mit seinem „Research Cluster on Global Transformations“ (Forschungsbereich zu globalen Transformationsprozessen, an dem ich angedockt bin) hat seinen Hauptsitz in Spuckweite abseits des Hauptcampus. Die Kolloquien finden allerdings entweder im historischen Seminar auf dem Campus oder in der Business-School (andere Flussseite, also schon Boston, 20 Fußgehminuten vom Center entfernt) statt. Fast alle Gebäude, Zimmer, Bibliotheken oder Grünanlagen haben hier Namen. Namen von verdienten Profs, Absolventen, Geldgebern, usw. Deswegen gehe ich jetzt häufiger zu „Robinson“ (Robinson Hall) oder "Chao" (Ruth Mulan Chu Chao Center). 

Weatherhead Center im "Knafel Building" (Knafel-Gebäude). Die "Türreihe" zu ebener Erde gehören zu einer Cafete. Das Essen kann auch nach draußen genommen werden, wo man es sich auf Stühlchen im Grünen gemütlich machen kann (also, wenn Wetter ist). Rechts im Bild ist ein Teil der Mensa von der Design-Schule zu sehen.

Formschön. Design-Center eben (von vorne; Knafel rechts daneben).

Sonntag, 20. Oktober 2019

Mein „zu Hause“


Ich hatte versprochen etwas über mein Heim zu erzählen. Jetzt ist Platz dafür; es folgt also Dies und Das und Jenes.
Am „Wochenende danach“ (also nach Franzens Abflug) stand eines ganz oben auf der Liste: meine Bude sauber machen und zwar wohlfühlgründlich (12.10.2019). In dem Traum von Rosa mit Blümchentapete – wer mich kennt, der weiß, dass das voll mein Ding ist – hatte schon lange keiner mehr richtig in die Ecken geschaut. Was da unterm Bett hervorkam, iehhh. Nach einem ruinierten Putzlappen später sah es am Abend schon ganz wohnlich aus. Klein aber fein und alles verstaut, in den ebenfalls grundgereinigten Schubkästen. Mannomann, was da so alles drin kleben kann... Die überflüssigen Deckchen und Läufer (so viele Blumen!) wurden weggeräumt und der Plastelavendel (noch mehr Blumen!) ebenfalls in eine Schublade verbannt. 

Mit einem Wisch, war da noch lange nicht Alles weg...
Chic in Pink
Chic in Pink II. Kristalllampenständer sollten verboten werden! Ich hab' ewig die Rillen geputzt!
Das Bad hatte ich noch nicht geschafft, aber die Dusche war eh erst einmal kaputt. US-amerikanische Handwerks(un)kunst ist ja bekannt, aber so was Dilettantisches? Zwar ist der Spalt hinten zwischen Duschtür und Fließe nun mehr oder weniger dicht, dafür geht die Tür nun vorne nicht mehr ganz zu, weil hinten der Gummi dazwischen klemmt. Es fließt also genauso viel Wasser wie zuvor beim Duschen heraus, nur an einer anderen Stelle. Außerdem, wer weiß warum, tropft nun auch das Wasser aus dem Duschkopf permanent. Weiß der Geier, wie ein Gummischlauch unten, den Duschkopf oben... Außerdem hab‘ ich zwei Schrauben gefunden. Egal, Wasser läuft und duschen kann ich mich auch. 

Jack (so um die 60), „Hausmanager“ ist eigentlich Maler, wohnt aber schon seit ewig in einem der Zimmer. Der größte Recyclingfan Amerikas ("Recyceln ist soooo wichtig!“ Zitat Ende) störte sich an dem tropfenden Wasser nicht. Überhaupt ist Jack Stereotyp-Amerikaner: Auf Mülltrennung fährt er voll ab, genau wie auf Mercedes. Abgas-Skandal? Nie gehört. Jack isst Pizza - morgens wie abends. Das mit dem Grünzeug hätte er versucht, bekommen wäre es ihm nicht. Außerdem wohnen in dem Haus: Tara (Anthropologin), Libanesin, aber in England aufgewachsen, Bob (ja, wirklich alle ur-amerikanischen Namen sind dabei) aus Texas, der am Krankenhaus seinen „praktischen Monat“ Fußchirurgie absolviert, ein Japaner, der selten gesichtet wird, Alberto aus Peru, der am Design-Institut studiert und „Häuser für Reiche bauen“ will und ich. Manchmal geistert noch eine Frau durch's Haus, aber ob die wirklich zu "uns" gehört, oder nur... na ja, was eigentlich? Die Truppe ist jedenfalls gut gemischt; in jeder Hinsicht, würde ich sagen. Über den Weg laufen wir uns alle gegenseitig kaum. Die eine Küche muss zwar von allen genutzt werden, der eine Topf war bis jetzt aber immer frei, wenn ich ihn haben wollte. Die Waschmaschine war auch noch nie belegt, wenn mir sponatn der Sinn nach Wäschemachen war. Schon ulkig, wie das geht. Der Killer-Trockner trocknet wie verrückt, zerreist und zerzerrt aber mein Klamott :( Dumm, dass ich hier nirgends Wäsche aufhängen kann. So etwas wie einen Stehtrockner zum drauf dranbammeln hab' ich noch nicht gefunden (noch nicht einmal in den Geschäften!).


Küche. Wahrscheinlich hält der Klebs auch noch das ein oder andere Schranktürchen und Schublädchen beisammen ;)
Wenn ich annehme, dass alle so ungefähr das Gleiche für ihre Zimmerlein bezahlen wie ich, dann lohnt es sich abwesender Hausbesitzer in Cambridge zu sein. Das Haus fällt nämlich ganz bestimmt bald zusammen, aber bis so weit ist, dient es noch als Unterkunft für alle Verzweifelten, die in Cambridge nach einem bezahlbaren Dach über dem Kopf suchen. Die Türklinken habe ich schon  jetzt immer in der Hand. Also jetzt schon nicht mehr immer, weil ich mittlerweile weiß, bei welcher Tür es sich lohnt, selbige zu betätigen. Bei einigen muss ich pusten, damit sie sich öffnet oder aber einfach dagegen treten, wenn wetterbedingt Klemmalarm herrscht :) Alles Holz, alles nicht isoliert.
Apropos Tür. Die Eingangstür ist immer offen, es gibt nämlich keinen Schlüssel für sie. Das heißt, sie "ist" nicht nur immer offen, sie "steht" auch immer einen  Spalt breit offen, damit jeder rein kann, der von außen rein muss. Wenn sie ins Schloss fällt, hat man Pech gehabt. Dann muss man hoffen, dass Jemand da ist und muss so lange hämmern, bis derjenige einen hört. "Make America great again!"  hapert an soo Vielem... ("Lass uns Amerika wieder großartig machen!" War der letzte Wahlkampfslogan von Trump) Aber warm ist's. Entgegen aller Befürchtung ist das abenteuerliche Heizungssystem bis jetzt ganz wärmend. Meine "Heizung" ist das "schwarze Rechteck" in der Wand im Bild 3 oben, vor der Tür. Das ist ein schmiedeeisernes Gitter durch das warme Luft ins Zimmer kommt. Die Luft wird im Keller produziert. Ich hatte bei unserer Ankunft schon gedacht, wir müssen den Kohleofen (hinter dem Waschmaschinen-Trocknerturm und Kühlschrank danaben in der Ecke, kaum zu sehen, ich geb's zu) in der Küche in Betrieb nehmen...

Ansonsten ist Cambridge aber eine tolle Wohngegend. So bisschen wie das amerikanische Pendant zu Leipzig-Gohlis. Es ist ganz beschaulich mit villenähnlichen Einfamilienhäusern bebaut, in denen gut und gerne zwei oder auch drei Familien Platz hätten. Klauen tut also keiner, weswegen die Tür auch problemlos schon seit Jahren offen steht. Zu jedem Häuschen gehört ein Garten, zwischendrin stehen alte, hohe Bäume, an den Straßen stehen Blumenkübel.
(In der Nacht vom 14. zum 15. Oktober hat es einen Orkan gegeben. Seitdem liegt viel Klein- und Großholz auf den Straßen.)

Zugeparkt ist alles, wie bei uns :)
Cambridge, Fayerweather Street
Cambridge, Huron Avenue. Radwege gibt's hier viele. Autos müssen übrigens den Rädern den Vortritt lassen! Außerdem fahren in Cambridge alle Busse des ÖPNV kalektrisch.

Kleine, aber feine (!), Boutiquen haben ab 11:00 ihre Türen für die Damen von Welt geöffnet. In den extra-breiten Parklücken haben auch die SUV’s Platz mit denen die Herren von Welt zur Bank fahren, dann zur Post drei Ecken weiter und schließlich wieder zurück bis vor die Haustür (wahrscheinlich 5 Ecken weiter), wo auf dem eigenen Parkplatz abgestellt wird. Ab und zu gibt es einen Feinkostladen; der Allerwelt-Supermarkt hat vor Kurzen geschlossen. Die nächste normale Einkaufsmöglichkeit ist 14 Gehminuten von mir entfernt; wahrscheinlich erst im Schneematsch ein Problem. Nach 19:00, vor 11:00 rührt sich kaum Jemand. Ein Paradis für Eichhörnchen auf Wintervorbereitung!

1 - Boutique, 2 - "Full Moon" (Vollmond), Restaurant, 3-6 - Boutiquen. A und B - "meine" Bushaltestelle stadtaus- und einwärts. Übrigens, die Buslinie, die hier am häufigtsen vorbeifährt ist die "Not in Service"-Linie :) (Außer Betrieb). Die reguläre "72" kommt, wenn sie sich durch den Bostoner Verkehr gekämpft hat, Fahrpläne kann man deswegen auch in Cambridge in die Tonne kloppen. Alle 20 Minuten schafft sie selten.
Die zwei Bushaltestelle stehen praktisch vor meiner Haustür um's Eck. Das Häuschen, in dem ich ein Dachzimmerchen bezogen habe, ist eigentlich so auch ganz chic anzusehen - von Weitem sieht man ja auch nicht, dass es nicht mehr lange so stehen bleiben wird...
 
Eingangstür rechts.
Cambridge, 101 Fayerweather Street. Mein Zimmer ist unterm Dach und durch's Fenster blicke ich rechts aus dem Dach.
Auch nachts eine Augenweide ;) Die Lichterkette brennt aber auch tagsüber die ganze Zeit -_-* (Mülltrennung ja, Wasser- und Energiesparen sind aber immer noch Fremdwörter hier)

Übrigens, die Straßen hier sind fast alle nach Kaufleuten oder zumindest deren Familien benannt. Ein Blick hier ins Archiv und schon weiß ich das. Wie passend. Alle sind sie vertreten, so auch Thomas Fayerweather (1724-1805), Namensgeber „meines“ Sträßchens. Der Herr hat von Boston aus zwischen Europa, der Karibik und Nova Scotia (heute fast-Insel und eine Provinz Kanadas) hin und her gehandelt. Von Zucker bis Walflosse war alles dabei. Einen Leibsklaven – Cato – hatte er auch. Mittlerweile ist die Stadt aber liberale Demokratenhochburg, weswegen sie auch als "The People's Republic of Cambridge" bezeichnet wird (Volksrepublik Cambridge). An allen Ecke wird sich zu Multi-Kulti bekannt. Von den 105.000 überwiegend wohlhabenden Einwohnern der Stadt sind über 3/4 allerdings auch "rein-weiß", was perfekt die Reichstumsverhältnisse in Amerika wiederspiegelt. Von den Problemen der "buntgemischten" und bei Weiten nicht so begüterten Viertel hat man in dem weltoffenem Vorort von Boston nicht wirklich eine Ahnung.

"Egal, wo du herkommst, wir sind froh, dich zum Nachbarn zu haben"-Schilder stecken in vielen Blumenbeeten.              (Auf Spanisch, Englisch und Arabisch)
Ebenfalls häufig zu finden "Black Lives Matter"-Tafeln für "Rassengleichheit" (Schwarze Leben zählen). Das es "Menschenrassen" nicht gibt, hat sich in Amerika noch nicht herumgesprochen. Jeder hat einen "Rassevermerk" im Pass: Kaukasier, Hispanoamerikaner, Schwarz oder auch Ureinwohner... Übrigens hat ein Brasilianischer Gastwissenschaftler bei seiner Einreise "ohne Angabe" angekreuzt. In seiner Aufenthaltsgenehmigung steht jetzt "Latino".
Was richtig toll ist, ist der Teich ums Eck. Das "Cambridge Water Reservoir" ist an die Trinkwasserversorgung der Stadt angeschlossen, weswegen Niemand darin baden darf, auch Köter nicht. Drumherum gibt es aber eine Laufstrecke! Da sich zwei Tage nach Franzens Abflug das Wetter einstellte, welches dem Mutzel die ganze Zeit vorgeschwebt ist - Blauer Himmel, strahlende Sonne, angenehme 25°C - hab ich auch schon drei Mal meine Laufsemmeln angeschmückt und bin joggln gegangen. So kann der Herbst gerne bleiben! Dumm nur, das meine Halbschuhe bei Franzen im Koffer stecken. Bei dem sch... Wetter zuvor konnte ja KEINE ahnen, dass hier auch Herbstsonne gekonnt wird. Nun ja, jetzt bin ich eben mit meinen Alljahresschuhen unterwegs.

4 Kilometer Laufstrecke. Sie hätte gerne 2-3 Kilometer länger sein können, aber sei's drum. Zum Joggln vor'm In-die-Bib-gehen ist sie eigentlich optimunal.
Fresh Pond (Frischer Teich oder auch Frischteich ^^)



Fresh Pond
Um die Laufstrecke ringsum gibt es Fahrradständer, für alle die mit Fahrrad anradeln, um zu laufen und auch 3-4 Trinkwasserstationen, für jeden ausgetrockneten Läufer. Dort, wo ich die Strecke anfangen, haben Cambridger auch "Gärten" angelegt. Einige haben wohl Kürbis- und Zucchiniähnliche Gewächse angepflanzt, viele haben aber einfach Hummel- und Metterlingsparadise geschaffen.

Läuferfreundlich

Cambridge Community Gardeners ("Cambridger Gärtner")

Joah, hier bin ich nun erst einmal bis Mitte Dezember wohnhaft.