Samstag, 26. Oktober 2019

Harvard II

Franz und ich haben ja schon mehrmals betont, dass sich auf dem Campus mehr Touristen als Studis herumdrücken. Ich habe mir mal den Spaß gemacht, die Rudel zu fotofieren, damit ihr euch eine Vorstellung machen könnt. Damit die Kultur nicht zu kurz kommt, vorweg noch einige Infos.

Die "Massachussetts Hall" (Bild 1) ist das älteste noch stehende Gebäude auf dem Campus und das zweitälteste (noch stehende) akademische Gebäude der USA. Errichtet wurde es zwischen 1718 und 1720 und beherbergte anfangs 64 kleine studentische Privatzimmer. Während der Belagerung von Boston zur Zeit des ersten Scharmützels des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (siehe Eintrag zu Charlestown) wurden hier 640 amerikanische Soldaten untergebracht. Während dieser Zeit "verschwanden" einige Möbelstücke und kupferne Türknaufe. Der desolate Zustand des Gebäudes war für die Universität Grund genug, den ersten Gerichtsprozess gegen die gerade neugegründeten Vereinigten Staaten und ihren ersten Präsidenten, dem "Kriegshelden" und Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen, George Washington, zu führen und Schadensersatz zu fordern. Mittlerweile haben der Unipräsident, sein Vize, der Rektor und der Schatzmeister dort ihre Büros.

Gruppe vor der "Massachussetts Hall"
Eine andere Gruppe vor der Statue von John Harvard, von der ihr ja bereits wisst, dass sie ihn gar nicht darstellt.
Noch andere Gruppe auf dem Weg zur Widener Library...
Jedenfalls gruppt es sich ganz mächtig auf dem gesamten Areal, so dass ich mittlerweile verstehe, warum die 3.-und-4.-Stock-Zimmer in den Wohnheimen heiß begehrt sind. Obwohl hier kaum einer gerne Treppen mit den eigenen zwei Füßen hochsteigt, sondern sich des Lifts in die erste Etage bedient, stellt die tägliche Stufenherausforderung in den Wohnheimen das kleinere Übel dar, wenn man bedenkt, dass einem sonst jeder ins Zimmer kuckt. 

Rückzugsorte wie der "Cambridge Common" sind daher sehr beliebt. Obwohl um die Ecke, steht der Park nicht im Reiseprogramm und läd daher zum ungestörten studentischen oder auch doktorandischen Mittags-Picknick ein.

"Eingangstor" zum Park. Das Tor "täuscht", denn der Park ist nicht ummauert. Das, was ihr an Mauer seht, ist alles an Mauer :) Ich glaube, die Cambridger wollten einfach ein schickes Gitter haben...
Heute (Sonnabend) fand auf der Freifläche ein Fussballturnier für Knirpse (5-6 Jahre) statt.
Sonst beherbergt der Park natürlich noch einige Denkmäler. Darunter drei Kanonen, die die Engländer bei ihrer Flucht vor den amerikanischen Truppen zurückließen als sie sich aus Boston im März 1776 zurückgezogen hatten. Man weiß sogar, unter welchem Baum George Washington stand, als er 1775 das Kommando über die amerikanischen Einheiten übernommen hatte. Den "Heroen zweier Kontinente", Thaddeus Kosciuszko und Casimir Pulaski, sind in unmittelbarer Nähe zwei Gedentafeln gewidmet. Ich glaube, deswegen lieben Polen Amerika. Hier kennt jeder "ihre" Helden, auch wenn keiner ihre Namen richtig aussprechen kann :) (Auch im Bostoner Stadtpark steht Kosciuszko herum)

[Tadeusz Kościuszko kämpfte erst im amerikanischen Unabhängigkeitskampf; der "Kościuszko-Aufstand" in Warschau 1794 gegen die Teilungsmächte Polens, Russland und Preußen, war dagegen glücklos. Kazimierz Pułaski gilt in den USA als Begründer ihrer Kavallerie. 2009 wurde ihm posthum die Ehrenbürgerschaft der Vereinigten Staaten verliehen; eine Auszeichnung, der sich nur acht Personen rühmen können.]

Drei Kanonen und der Baum.
Kościuszko und Pułaski
Ansonsten steht noch das Amerikanische-Bürgerkriegs-Denkmal mit einer Statue von Abraham Lincoln in der Landschaft und ein Denkmal eines  irischen Künstlers in Erinnerung an die Hungerkatastrophe in seinem Land (1845-1850) kam 1997 hinzu.

Bürgerkriegsdenkmal mit A. Lincoln (unten). Wer das da oben  sein soll, weiß ich nicht; wahrscheinlich ein Krieger...
Die Inschrift war wohl eher Wunsch des Künstlers als Irgendetwas anderes. ("Never Again Should a People Starve in a World of Plenty" - "Nie wieder soll ein Volk in einer Welt des Überflusses hungern")
Die frechen Hörnchen fehlen nirgends :)

Zurück zum Campus. Alle Zugänge zum Campus sind durch kleinere oder auch größere Eingangstore markiert. Eines der vielen Tore, zwischen der Widener und Lamont Bib (also mein Weg fast jeden Tag), ist das "Dexter Gate". Wer der Herr Dexter gewesen ist, hab' ich schon wieder vergessen, aber sein Sprüchlein am Tor ist ganz schön. Wenn es doch nur helfen würde! Also, nicht mir direkt, ich bin ja schon schlau :)

Oben: Wappen der Uni (Veritas - Wahrheit) | Unten: Tritt ein, "um an Weisheit zu wachsen" (ein besser Deutsch: um weiser zu werden) | Rückseite: "Depart. To Serve better Thy Country and Mankind" (Abschied. Für einen besseren Dienst an deinem Heimatland und Menschheit).

Meine bürolichen Räumlichkeiten, wenn ich nicht gerade doch in der Bib sitze, befinden sich im Knafel-Gebäude und in einem Häuschen drei Bäumchen weiter. Jepp, ich habe zwei Schreibtische. In der Planung ist etwas schief gegangen :) Das Knafel hatte ich schon mal vorgestellt, das Bürohäuschen drei Bäumchen weiter ist jetzt nicht soo interessant. Es ist ein einfaches Häuschen, dass zur Erweiterung des Büroraums umfunktioniert wurde.

Das Knafel (links) und die Design-School (rechts) und...
... drei Bäumchen weiter das, öhm, Haus. Es hat noch keinen Namen ;) "Mein" Fensterchen ist markiert.
Es steht in der Sumner Road. Da der Herr Sumner auch ein Denkmal auf dem Gelände hat - na klar - musste ich mich mal schlau machen, wer das eigentlich für einer gewesen ist. Es handelt sich um Charles Sumner (1811-1874), Student in Harvard, später Professor an der "Law School" (Rechtswissenschaften) und Senator von Massachhussetts. Er war Gegner der Sklaverei und nach dem Bürgerkrieg an der Gesetzgebung des Bundes beteiligt. So.

Charles Sumner
Ansonsten ist vielleicht noch ganz witzig, dass es nicht nur englische Inschriften zu entziffern gibt. Am "Center for European Studies" (Zentrum für Europastudien) ist es eine deutsche.

Center for European Studies. "Es ist der Geist, der sich den Koerper baut" (Friedrich Schiller, Wallenstein)