Sonntag, 15. Dezember 2019

Bye, bye Cambridge (13.12.2019)

In der letzten Woche war nicht mehr viel los. Der Streik ging weiter. Ich habe die Vorteile der Harvard'schen Bibliothek für mich ausgenutzt und viele E-Books, also online verfügbare Publikationen, heruntergeladen und mehrere tausend Euronen damit gespart. Bücher mit einer geringen Auflage zu wissenschaftlichen Themen sind wahnsinnig teuer...und jetzt habe ich eine noch viel ansehnlichere digitale Wissenschaftsbibliothek zu meinen Themenfeldern, weil Harvard - Geld sei Dank - Lizenzen für einen uneingeschränkten Zugang zu verschiedenen Verlagen gekauft hat. Franzens Buch gab's nicht. Die Bibliothekarin war von den Socken ("Not possible!" - "Das gibt's nicht!"). Ein Buch, das es in Harvard nicht gibt, kann es nicht geben. Sofort wurde ein Anschaffungsauftrag in die Wege geleitet. Wahrscheinlich ist das Buch schon einetroffen, für mich bzw. eigentlich Franzen nun aber doch zu spät. Außerdem wurden Abschiedspartys gefeiert - fast jeden Abend wo anders. 

Numero 1. Köpfe von links nach rechts: Kaicheng (China), Mandy (Iran/Frankreich/USA), Marcello (Brasilien), Josh (USA; mit Streik-T-Shirt), *.*, Israel (Mexiko); sitzend auf der linken Seite: Thomas. (Handy)
Numero 2: Wieder von links nach rechts: Marcello, Sophus (Norwegen/Italien), Israel, Sven (Deutschland/USA; mein Zweit"betreuer"), Mandy, Andre (Brasilien/Argentinien), Norberto (Argentinien/Brasilien), *.*. (Handy)
Numero 3: Wie gehabt: Israel, *.*, Thomas, Kaicheng, Mandy. (Handy)
Der Rückflug war unspektakulär - nachdem ich erst einmal an Board war. Vorher war's knifflig. In den USA werden Flüge regelmäßig überbucht, um nicht, sollten Jemande den Flug nicht antreten, nicht "halb leer" zu fliegen. Allerdings wird damit übertrieben. Beim Check-in wurde ich daher gefragt, ob ich nicht am nächsten Tag fliegen wolle, es gäbe nämlich eigentlich keinen Platz mehr im Flieger; es gäbe auch 800$ Kompensation. Pfff, 800$ lohnt sich nicht für mich. Hotelkosten, Anschlussflug von Frankfurt nach Leipzig und die Ungewissheit, ob nicht auch "morgen" überbucht sein würde; nö, nö. Für andere lohnte sich das Angebot jedoch offensichtlich. Keine 20 Minuten später schubsten und drängelten sich Leute nach vorne, um noch "verzichten" und das Geld einstreichen zu können... Egal, ich saß im Flieger und flog... und flog... und flog nach Frankfurt. Ich schaute "Der Name der Rose", eine deutsch-italienische TV-Produktion - 8 Teile, sprich 8 Stunden; ich hab's gerade so geschafft. Halb sechs (morgens) ist sogar dort noch nicht viel los, so dass diesmal der Weg von Terminal 1, Gate Z 102 zum anderen Ende, nämlich Gate A 68, recht entspannt war. Pünktlichst kam ich in Leipzig an (wo nie viel los ist). Mit ein paar "Durchhängern" schaffte ich es bis Mitternacht aufzubleiben und erst dann ins Bett zu fallen :)

Der Blog ist damit erst einmal wieder zu Ende.

Freitag, 6. Dezember 2019

Schulen geschlossen, der Streik beginnt... (03.12.2019)

Am ersten Adventabend begann es zu schneien. Seit dem hat es nicht aufgehört. Cambridge ist nun weiß gemützt.

101 Fayerweather St, Cambridge, MA (1. Advent, ca. 18:00)
Rund um Fresh Pond (1. Advent, ca. 18:10)
Maleerisch :) (1. Advent, ca 18:25)
Nicht mehr maleeerisch, sondern kniestapftief lag der Schnee, der bis zum Dienstag hinzugekommen ist. Die Schulbusse stellten ihren Dienst ein, die Schulen blieben geschlossen und es schneite munter weiter. 


Es war also ungemütlich kalt, nass und windiglich als der erste große Streik der "studentischen" Beschäftigten (grad-student workers), also eigentlich der Doktorandinnen und Doktoranden mit Lehrverpflichtung, begann. Der zweite große Streik in den USA an einer Universität wie Harvard überhaupt (nach der Columbia University in New York City 2018).

Offizielles Streikplakat
Seit über einem Jahr verhandelte die "Harvard Graduate Student Union" (UAW) mit der Hochschulleitung über drei wesentliche Forderungen:
1. Eine angemessene Bezahlung, um ein Leben in Boston und Umgebung finanzieren zu können; schließlich seien die Löhnen nur um 1,5% gestiegen (in den letzten drei Jahren), die Mieten im WEITEN Umkreis der Stadt um 5% (und das alleine im letzten Jahr). Dazu muss man auch wissen, dass es kein Tarifrecht gibt; alle Gehälter werden individuell bei Einstellung verhandelt, auch die des akademischen Mittelbaus.
2. Eine bessere Zahn- und allgemeine Gesundheitsversorgung. Eine allgemeine Pflichtkrankenversicherung gibt es in den USA ja nicht. Außerdem soll die Kinderbetreuung von Harvardangestellten möglich werden. Bei einem Monatsbeitrag von 2,000 $ pro Kind können sich nämlich viele der jungen Wissenschaftler*innen einen Kindergartenplatz schlicht nicht leisten.
3. Eine außeruniversitäre Anlaufstelle für Opfer sexueller Belästigung soll als legale Möglichkeit der Beschwerde und Anzeige eingerichtet und als solche von der Universität anerkannt werden. Bis jetzt gilt nämlich, dass nur die interne Beratungsstelle rechtliche Schritte einleiten kann, wenn Harvardangestellte als Täter identifiziert werden. Irgendwie scheint Harvard in dieser Frage so eine Art eigenen Rechtsraum darzustellen... Aktuell wurde das Anliegen im letzten Jahr, als öffentlich bekannt wurde, dass die Unileitung einen Professor jahrelang gedeckt hatte, um die Reputation der Einrichtung nicht zu gefährden, obwohl gegen ihn Anzeige bei dem internen Gremium gestellt worden ist - und zwar von insgesamt 14 Frauen. (Mann-o-Mann)

Der Campus in seiner weißen Pracht bot also die Kulisse und ich war mit dabei, ist ja klar. Den Räumfahrzeugen, die den Schnee nicht auf Haufen kippten, sondern tatsächlich abtransportierten, um ihn irgendwo in der Pampa abzuladen, sei Dank, dass der Harvard-Yard, also der Haupt-Innenhof, mehr oder weniger begehbar war.  

Durch den Neumatsch... Die 10 cm Schnee, die da liegen, sind zwischen 8:00 Uhr und 9:20 morgens gefallen. Das geräumte Zweitageschneevolumen liegt mittlerweile außerhalb Bostons.
Widener Library. Die freigeräumte Treppe ist eine Holzkonstruktion, die mittig auf der Marmortreppe aufliegt, um die Rutschgefahr etwas zu bannen. Die Treppenhälften links und rechts sind wegen Vereisung gesperrt und werden es wohl bis März auch bleiben. Ja, bis März.
9:30 ging's los.
Vorbrüller mit Mikrophon: "What do we want?" (was wollen wir?)
Alle im Chor: "Contract" (Vertrag)
Vorbrüller mit Mikrophon: "When do we want it?" (wann wollen wir ihn?)
Alle im Chor: "Now!" (Jetzt)
Vorbrüller mit Mikrophon: "If we don't get it?" (Wenn wir ihn nicht bekommen?)
Alle im Chor: "Shut it down!" (Schließt es! - also Harvard)
Vorbrüller mit Mikrophon: "What's up?" (Was ist um?)
Alle im Chor: "Time's up!" (Zeit ist abgelaufen)
usw. usf.

Um nicht völlig zu erfrieren, bewegte sich die Truppe über drei Stunden lang im Parolenrhythmus im Dreieck (freigelatschte Route im Hof). Der Schnee wurde zu wadentiefen Pfützen zertreten, so dass ich wirklich froh war, mir doch Winterschuhe a la Ostküste Neuenglands zugelegt zu haben. Erst gegen 12:30 Uhr begannen die Redner ihre Reden zu schwingen und das Gefrieren im Stillstand ging los. Irgendwann konnten auch die besten Winterschuhe nicht mehr verhindern, dass Zehen nicht mehr zu spüren waren.

(@Harvard Graduate Students Union - UAW, Facebook-Seite)
Harvard Yard. Was ihr hier seht ist übrigens eine überwältigende Menge an Teilnehmenden. In einem Land, in dem kaum Jemand in Gewerkschaften organisiert ist, sind wohl um die 300 Menschers zusammen gekommen. Alle kühnsten Erwartungen der Organisatoren wurden übertroffen, wurde mir jubelnd berichtet. Die Presse, das Fernsehn und Videodrehende Touristen waren mit dabei. Im TV und den Zeitungen wurde von einem wahren Debakel für die Unileitung gesprochen.
Harvard Graduate Student Union streikt...
(@Harvard Graduate Students Union - UAW, Facebook-Seite)
...mit Pauken und Trompeten.

 Sophie (rechts), Marcello (mittig)

John Harvard streikte mit :) Einige Chinesen fanden das gar nicht lustig und zerrten immer wieder das Pappschild von ihm herunter, um ihr Erinnerungsfoto schießen zu können. Daraufhin wurden Pappschildverteidiger postiert.
Bevor um 14:00 Uhr endgültig der Frostafrischehaltezustand einzusetzten drohte, machten wir uns ans Schneemannbauen. Natürlich mit einem not-happy Gesicht, passend zum Anlass. Dann war aber auch endgültig gut. Ab ins Warme!

Am Nachmittag war das umgehängte Streikschild schon wieder verschwunden. (rechts: Handy)
Übrigens, wer sich fragt, ob ein Streik NACH Semesterende (der 03. Dezember war letzter Unitag) Sinn macht, dem sei versichert, ja, das tut er. Ich habe mich das nämlich auch gefragt und natürlich nachgefragt. Da bis Weihnachten die Note vergeben werden MÜSSEN, die Noten aber eben von jenen Graduierten vergeben werden, die ihre Arbeit eingestellt haben, bleibt die Benotung natürlich liegen. Da Zensuren auf Leistungen, nicht wie in Deutschland üblich, auch noch drei Jahre später angefordert werden können, sondern bis Weihnachten feststehen MÜSSEN, hat die Uni schon ein enormes Interesse daran, die Leute wieder zum Arbeiten zu bewegen. Niemand von den hohen Herren (und Damen?) möchte den Eltern schließlich erklären müssen, warum das sauteure Semester ihrer lieben Kleinen für die Katz war (weil keine Leistungen eingebracht werden können, wenn keine Noten vorliegen). Außerdem herrscht unter den Studis Konkurrenzdruck und der Notenschnitt am Ende eines Semesters ist für einige das "Ziel" eines jeden Semesters...
 
Hier sollte jetzt auch ein Video zu sehen sein :) 
Wer erkennt mich?

04. Dezember 2019

Ein weiterer Schneemann wurde errichtet. Die Sonnenbrille hätte der Mann nicht gebraucht...

05. Dezember 2019

Da am Mittwoch kein neues Angebot der Hochschule vorgelegen hat, ging der Streik im Hof weiter. So auch heute, als ich wieder mit dabei war (diesmal mit einem Extrapaar Socken!). Ob das Ambiente wirklich für einen Heiratsantrag geeignet ist, bleibt wohl Geschmacksache. Die Dame hat jedenfalls "Ja" gesagt :)  

"Ja"
Mal sehen, ob's morgen weiter geht...

Freitag, 29. November 2019

Un/Thanksgiving (28.11.2019)


Das s.g. „First Thanksgiving“ fand 1621 statt. Ein Jahr nach ihrer Ankunft in der „neuen Welt“ luden die weißen Siedler die Wampanoag-Indianer ein, mit ihnen gemeinsam ihre erste erfolgreiche Ernte zu feiern und ihnen für ihre Überlebenshilfe im ersten Winter 1620 zu danken – so der Mythos. Eine Geschichte, die auf der Plymoth Plantation (Link zum entsprechenden Eintrag im Blog) weiter gehegt und gepflegt wird. Eine Legende, die nur noch wenigen (weißen) Amerikanern bekannt ist, weshalb der Tag auch nichts mehr (in der breiten Öffentlichkeit) mit den Uhreinwohnern Amerikas zu tun hat. 

„Thanksgiving“ hat seinen Ursprung in Feierlichkeiten zum Dank für eine gelungene Ernte, so weit stimmt's. In den von Spaniern und Franzosen okkupierten amerikanischen Gebieten sind diese jedoch schon für das 16. Jahrhundert belegt. In Virginia, der ersten englischen Siedlungskolonie, ist das erste dieser Art von Fest für 1607 nachgewiesen. Nach einigem Hin und Her über den „wahren“ Grund der Feier erhob George Washington am 03. Oktober 1789 „Thanksgiving“ zum staatlichen Feiertag und er erklärte, dieser Tag sei dazu da, Gott dem Allmächtigen für die Möglichkeit zu danken, dem amerikanischen Volk eine Regierung gegeben zu haben, die die Sicherheit und das Glück der Nation garantiere. Erst ein Bundesgesetz von 1941 legte das bis heute gültige Datum des Feiertages auf den vierten Donnerstag im November fest. Von amerikanischen Uhreinwohnern war in den legislativen Akten nie die Rede. 

Truthahn, Süßkartoffeln und Mais gehören allerdings zum traditionellen Speisekanon und der wiederum hat tatsächlich einen eindeutigen Bezug zu den Lebensmitteln, die die Wampanoag-Indianer den Siedlern nach ihrer Ankunft überließen, um ihnen beim Überleben während ihres ersten Winters (Winter fallen in Massachusetts häufig mit 20° unter Null streng aus) in der ihnen unbekannten Gegend zu helfen. Dieser Mischmasch aus Dichtung, Wahrheit und „nationaler Geschichtsverdrängung“ haftet diesem Festtag bis heute an. Seit 1970 „feiern“ einige Native Peoples an diesem Datum den „Nationalen Trauertag“, um an den Genozid zu erinnern, der an ihnen verübt worden ist. Seit 1975 ist auch der Begriff des „Unthanksgiving Day“ (Nicht-Dank-Gebe-Tag) gebräuchlich, an dem einige Indianerstämme ihrer Toten gedenken. Erst 2008 wurde der Freitag nach Thanksgiving zum „Native American Heritage Day“ erklärt, zum „Tag des Uhreinwohnererbes“. Für das Schicksal und Erbe der Indianer interessiert sich allerdings Niemand an diesem Tag. Der „schwarze Freitag“ ist traditionell ein freier Arbeitstag, an dem die vorweihnachtliche Shoppingsaison eröffnet wird (auch in Deutschland immer rigoroser propagiert). Um dem Shopper-Ansturm Herr zu werden, öffnen in den USA einige Großkaufhäuser bereits 0:00 Uhr ihre breiten Tore für die zum Teil vor jenen campierenden Kaufwütigen. 

Jedenfalls, um es kurz zu machen, zusammen mit meiner mittlerweile deutschen Mitbewohnerin Freya entschied ich mich für den Unthanksgiving Day: indisches Hühnchen Masala statt amerikanischem Truthahn. Statt endloser Völlerei, begaben wir uns auf einen ausgedehnten Spaziergang durch das historische Cambridge, für das ich auf meinen täglichen Unigängen nicht so den Blick habe. 

Typische Ansicht der Brattle Street in Cambridge, MA.
Das Vassal-Craigie-Longfellow-House hatte leider – wintersaisonbedingt – geschlossen. Die Vassalls hatten das „Häuschen“ 1759 errichtet. 1775-76 diente es als Hauptquartier Washingtons, als der amerikanische Unabhängigkeitskampf begann. Andrew Craigie, der erste „Apothecary General“ (so etwas wie der Oberste Militärarzt, der für die Organisation der medizinische Versorgung und Ausrüstung verantwortlich war), erwarb es 1791, bevor seine erst verschwänderische, dann verarmte Witwe es verkaufen musste. Henry Wadsworth Longfellow, ein junger Harvard-Professor, Dichter und Übersetzer von Dantes „Göttlicher Komödie“, mietete 1837 erst zwei Räume, fünf Jahre später bezog seine Familie das ganze Haus. Seine Nachkommen gründeten 1913 eine Stiftung und die erhaltenen historischen Räume – von denen wir leider keinen gesehen haben – wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Komplex aus Wohnhaus, Kutschhaus und Garten zählt zu den besterhaltensten Residenzen der ehemaligen „Tory Row“, einer Wohngegend vieler „Loyalisten“, also Gegnern der kolonialen Unabhängigkeitsbestrebungen. 

Vassal-Craigie-Longfellow-House. In meiner Wohngegend gibt es auch die Vassal Lane, die Craigie Street und den Longfellow Park.
Auch das Ruggles-Fayerweather House gehört zu dieser Illustren Geraden erhaltener historischer Gebäude an der häutigen Brattle Street. Die Straße führt unmittelbar zum Harvard-Square und ist bis heute eine schnieke Gegend. Errichtet wurde das Haus von George Ruggles, einem Plantagenbesitzer in Jamaika. In den 1770er geriet er in finanzielle Schwierigkeiten und musste das Haus an Thomas Fayerweather verkaufen, den ich schon mal als Namensgeber meiner gegenwärtigen Wohnadresse erwähnt habe. Im Gegensatz zum Longfellow-Museum, werden alle anderen der historischen Gebäude heute noch bewohnt. 

Ruggles-Fayerweather House
Bevor wir jedoch dort anlangten, mussten wir an einer Gruppe von um die zwölf bis fünfzehn TRUTHÄHNEN vorbei, die zwar nicht kopflos, aber doch planlos durch Cambridge flüchteten (?). Vor welchem Backofen erschloss sich uns nicht. Komisch wäre dieser Anblick an jedem anderem Tag auch gewesen, aber an diesem war er schon bizarr. 

Truthähne
Im Geiste des Un-Dankes wird auch auch das „anti-colonial dinner“ bei Israel am Freitag stehen. Mein mexikanischer Kollege, Leser von Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats“ (1884) aus dem er gerne zitiert, läd zum gemeinsamen mexikanischen Abendbrot aller „Global Fellows“, von dem ich ja eine bin. 

Freitag, 22. November 2019

Pittsburgh III, Washington und Baltimore (13.-15.11.2019)

13.11.2019
In seiner Late-Show vom 12. November (Satiresendung spät am Abend) verkündete Stephen Colbert, dass in New York City die Temperaturen innerhalb von nur 24 Stunden um mehr als 20 Grad gefallen seien. Das kann ich auch für Pittsburgh bestätigen, schließlich sind Jan und ich am 11. noch im leichten Pullover unterwegs gewesen, am 12. haben Wioletta und ich dick eingemummelt bei Schneetreiben die Stadt erkundet. „Es ist so kalt, das Empire State Building ist von 102 auf nur noch 63 Stockwerke geschrumpft“, so Colbert weiter.

Originalzitat: “In New York it dropped 40° in 24 hours. It is so cold the empire state building shrunk from a 102 stories to 63.” (Stephen Colbert, 12.11.2019)

Nun ja, geschrumpft bin ich zum Glück nicht :). Meine gesamten 163 cm Höhe wurden zum Geburtstag beglückwünscht. Es gab Schokokuchen mit Kerzchen und einen warmen Joggingpullover für mich! Nun bin ich schon zwei Mal mit „Pitt“ (Spitzname der Universität Pittsburgh) im Harvard’schen Einzugsgebiet joggelnd unterwegs gewesen. Danke!

*.* und Jan
Bevor mich Jan und Wioletta zum Flughafen brachten, spazierten wir noch gemeinsam durch den verschneiten Frick-Park – bei fantastischem Sonnenschein! Kalt blieb’s trotzdem; war nur nicht so schlimm, weil es nicht quer windete. Das Parkgelände wurde von dem Industriellen Henry Clay Frick 1919 angekauft. Er gründete auch eine Stiftung, um den zukünftigen Park zu erhalten. Das Stiftungsvermögen von zwei Millionen US-Dollar gab er wohl nicht ganz freiwillig her, seiner Tochter zu liebe bewilligte er sie aber schließlich doch. Mit der Zeit wurde der Park zu einem weitestgehend naturbelassenen Fleckchen in Mitten der sich rasch industrialisierenden Stahl-Stadt. Heute ist er so eine Art Stadtwäldchen zum Spazierengehen. 

*.* und Wioletta
Wioletto i Jan: Dzięki za wspaniałe dni! Do zobaczenia :)

Völlig unspektakulär ging’s für mich weiter nach Washington D.C. Leicht verspätet, schon im Dunkeln und bei Nieselregen kam ich in der Hauptstadt an. Mit der Metro zum Dupont Circle und zu Fußens zum Hotel. Licht aus.  

14.11.2019
So unspektakulär wie der Tag zuvor zu Ende ging, ging der nächste weiter und blieb es auch. Völlig erwartungsgemäß konnten die versammelten Historiker*innen am „Deutschen Historischen Institut“ nichts mit meinem Thema anfangen. Entsprechend mau viel die Diskussion im Anschluss aus. „Ob denn Schlesien nicht eigentlich doch peripher wär‘, wie Wallerstein es in seinem Weltsystem beschrieben hat?“. Einige laufen eben mit Scheuklappen und Ohrstöpseln durch die Wissenschaftslandschaft... Da der Tag grau und regnerisch blieb, blieb ich in der Institutsbibliothek sitzen... Ich habe meine Pflicht gegenüber meinem Geldgeber getan und mein Projekt vorgestellt, deshalb der Umweg über Washington...    

15.11.2019
... sonst wäre ich nämlich gleich nach Baltimore weiter gefahren. Eine knappe Zugstunde liegt die Hafenstadt von Washington entfernt. Die Rassentrennung hat bis heute Spuren hinterlassen. Seit 1904, als ein Großbrand die Stadt zum Großteil zerstörte, lebt die mittlerweile über 60% zählende schwarze Einwohnerschaft in der „alten Stadt“, während sich die knappen 30% der weißen Einwohner in die Vororte zurückgezogen hat. Westbaltimore, mein Einfallstor, kann auch nicht als florierendes Stadtviertel bezeichnet werden. Viele Häuser sind deutlich am verfallen, Fenster sind mit Brettern vernagelt, die Bushaltestellen werden noch nicht einmal mit einem Bushaltestellenschild markiert. Zur Trostlosigkeit gesellt sich eine enorm hohe Kriminalitätsrate mit einer entsprechend hohe Mordrate. 

Davon habe ich freilich nichts bemerkt. Der Busfahrer hielt mit seinem Bus direkt neben mir und sackte mich ein. Wahrscheinlich sind Haltestellen nicht markiert, weil jeder an jeder beliebigen Ecke zusteigt. Ich sagte dem Busfahrer also wo ich hin wollte und wurde an der entsprechenden Ecke heraus gelassen – als einzige „Weiße“ stieg ich aus dem mittlerweile vollen Bus aus. 

Mein Ziel: Die Maryland Historical Society, ein Museum-Bibliothek-und-Archiv-Komplex. Von Verfall nix zu spüren. Eine Insel, von denen es mittlerweile immer mehr in der Stadt geben soll. Strukturwandel auf Langam. Jedenfalls saß ich den lieben langen Tag über den Frederick-Wessels-Papieren und wurde mit einem Brieffund belohnt, der belegt, dass die Firma Wessels & Primavesi schlesisches Leinen um 1800 nach Baltimore importiert hatte und von dort weiter in die Karibik verschiffte, von wo sie hauptsächlich Zucker exportierten. Sogar die erwähnten Namen kann ich zuordnen. Von wegen Peripherie. Schlesien: ein Zentrum des Welthandels!

Brief vom 04. April 1801
Und nun wisst ihr auch, warum ich jedes Jahr eine neue Brille brauche...
Zurück zur Straßenecke, Pfötchen raus. Mit dem Bus zum Bahngleis und zurück nach Washington. Licht aus. 

16.11.2019
Zum Flughafen. Natürlich mit Schienenersatzverkehr :). Vom Flughafen. Natürlich mit Schienenersatzverkehr :). Egal, meine rosa Wände mit Blümchentapete haben mich wieder. Und warm-schick angezogen bin ich gleich eine Runde um‘ Teich laufen gegangen – übrigens bei herrlichstem Sonnenschein!  

Fresh Pond (Handy)
Pitt (Handy)