Was tun an einem Bilderbuchsonntag? Genau! Raus in irgendeinen Park, Sonnetanken, für die kommende Archivwoche vorschwitzen und Augenpflege betreiben, indem der Läppi in der Tausche verstaut bleibt. Also nix wie hin, in den Regent's Park!
Der "Regentenpark" ist einer der, na klar, königlichen Parks Londons. Neben einem "inneren Zirkel", zu dem der gehegte Teil des Queen Mary's Rosengartens gehört, schließt sich ein "äußerer" an, wo auch Unkaraut mal sprießen darf, Enten lustig auf dem Teich schnattern dürfen und großzügig angelegte Rasenflächen zum Lümmeln, Ballspielen uuuuund Konzerten einladen. Der nahegelegene Zoo macht sich nicht durch "Düfte" der tierischen Art bemerkbar, so dass der Park, kein Wunder, zum beliebten Spazier- und Flaniergrund genutzt wird.
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| Regent's Park. Die noch blühenden Rosen haben unglaublich stark geduftet. Im Sommer: Hummelparadies! |
Ich wollte schon abdrehen und mich zum "Foundling Museum" aufmachen. Das "Foundling Hospital" wurde 1741 errichtet und war damit das erste Findelkindhaus Englands. Die Ausstellung wurde von dem mich nach London einladenden Prof. kuratiert und zeigt unter anderem auch die Stoffe, die im 18. Jahrhundert dort Verwendung fanden - Leinwand! Wahrscheinlich doch die englischer Produktion, aber egal ;)
Allerdings dreht ich dann doch noch nicht ab, weil mir ungewöhnlich viel Ordnungs- und Sicherheitspersonal aufgefallen ist, das ungewöhnlich leger und entspannt daherkam und Parkbesuchern den Weg zu weisen schien. Wohin? Ich hab' nicht lange gebraucht, um es herauszufinden: JAM fand statt!
JAM = Jewish Arts & Music Festival, organisiert vom JMI.
JMI = Jewish Music Institute.
Unter dem Motto "Klezmer im Park: Der große Mix" fand also ein jüdisches Musikfestival statt. Mitten im Park, mitten in der Stadt, mitten in der Menschenmenge und das ganz OHNE Zäune, Taschenkontrollen und Polizei mit MG. Das "Sicherheitspersonal" entpuppte sich mehrheitlich als freiwillige Helfer - schön, dass es auch noch Veranstaltungen gibt, die nicht von einem Großaufgebot gesichert werden müssen, wo es friedlich blieb und die Juden mit den Kopftuchträgerinnen primsten auskamen :)
Angefangen hat wohl die Schulgruppe und Eltern klatschten brav Beifall. Die Wiese füllte sich so langsam, die koscheren Pfannkuchen fanden Absatz (habe meine Bestellung auf Polnisch abgegeben), das kleinere Fußvolk wurde vom großen Stelzenquartett unterhalten. Je weiter die Sonne am Himmel entlangwanderte, desto besser wurde die Musik. UND von wegen steife, humorlose Briten. Es wurde getanzt, was das Zeug hielt!
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| Klezmer in the Park hat "gerockt" :) (Pardiesvögel, unten-links, gibt es überall) |
Zum Schluss trat eine Band auf, deren Sängerin schon fast arabischanmutend gesungen hat - der absolute Höhepunkt des Tages! Was besonders (ungewöhnlich) war, dass jede der jüdischen Musikgruppen zum Ende ihres Auftrittes Musiker und Musikstile anderer Coleur integrieren mussten, um das menschliche Miteinander zumindest schon mal musikalisch vorzumachen. Daher waren auch die "Sabbey Drummers" (aus Kenia?) mit von der Partie. Eine andere Grupppe hatte Giuliano Modarelli eingeladen, der das Spielen der Sitar (indisches Dreisaiteninstrument) gelernt hat.
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| Don Kipper mit den Sabbey Drummers. |
Zum Abspielen der Musik, einfach drauf klicken und es müsste funktionieren. Lautsprecher anmachen nicht vergessen!
Joah, zum Museum bin ich nicht mehr gegangen :) Mein Heimweg mit der U-Bahn begann allerdings an der Baker Street Station, der ältesten U-Bahn-Station Londons - ach, der Welt! - und gleich um die Ecke. Die Station wurde im Januar 1863 eröffnet und war Teil der Bahnstrecke zwischen Paddington und Farringdon. Damit ist auch klar, dass die Namensgebung NICHTS mit der Adresse von Sherlock Holmes zu tun hat, dessen literarische Geburt erst auf das Jahr 1887 zu datieren ist.
Übrigens, damals gab es auch noch gar keine Baker Street 221b. Die Nummer wurde erst vergeben, als die Straße in den 1930er verlängert wurde. Heute befindet sich genau an diesem Ort natürlich das Sherlock-Museum, in dem verwirrten Chinesen und auch einigen Europäern erklärt wird, dass Holmes eine FIKTIVE ROMANFIGUR ist und mitnichten wirklich gelebt hat... Unser "Bild" von Sherlock Holmes mit Hut (!) wurde durch die Federstriche Sidney Pagets geprägt, der die Geschichten illustrierte und seinen Bruder als Modell heranzog.
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| Baker Street Station. |