Am Sonntag standen die Niagarafälle auf
dem überaus frühen Programm. In tiefster Dunkelheit machten wir uns auf den Weg
zum Bus, der uns 6.00 Uhr zu diesem Naturwunder bringen sollte. Wir hofften,
wenigstens ein paar Reisegruppen zu schlagen, auch wenn viele natürlich direkt
vor Ort stationiert waren. Schließlich umschließt die majestätische Naturgewalt
ein potthässlicher Ring aus Casinos, Hochhäusern und Vergnügungsparks aller
Art. Der erste Weiße, der die Fälle im 17. Jh. sah, war Pater Louis Hennepin,
der sie wohl auch gleich als Letzter ungestörte genießen konnte. Schon um 1800
begann die touristische Erschließung.
| "Hauptwasserfall", der Hufeisenwasserfall (Horse Shoe Waterfall), mit "Stadt" drumherum |
Die Niagara-Fälle sind heute drei Fälle:
Das Hufeisen, die American Falls und der Brautschleier. Allesamt gehören sie zu
den USA, wobei Kanada die schönere Aussicht auf sie genießt. Kommt man von kanadischer
Seite angetrabt (flotten oder auch lahmen Fußes), so sieht man von gegenüberliegender Seite zunächst den Canyon,
in den die Fälle stürzen und der die Landesgrenze bildet. Wahrscheinlich ist
das die einzige Grenze der Welt, an der man nicht wegen der Wartezeit sauer
ist, weil man nebenbei auf die malerischen Wassermassen glotzen kann.
Schließlich liegt die Rainbow-Bridge, die Kanada mit den USA verbindet, direkt davor bzw. darüber. Man könnte nun
lesterlicherweise sagen, dass einem die Fälle irgendwie gar nicht so groß
vorkommen, wie sie da von Brücken und Casinos eingebaut vor einem liegen, zumal
man ja auf Höhe der Fälle selbst draufschaut. Trotzdem kann man locker vier Stunden
damit verbringen, sie anzuschauen.
| American Falls |
Schlaumeier wissen, dass die Fälle kurz nach den fünf großen Seen entstanden, am
Übergang zwischen Erie- und Ontariosee. Das Gestein bewirkte die Entstehung der
Fälle an drei verschiedenen Stellen, wobei sowohl die jeweilige Breite imposant
ist, aber vor allem auch die Menge. Dabei sieht man nur die halbe Stärke, weil
Wasser zur Stromgwinnung abgezweigt wird.
In Wahrheit hat die Erde die Fälle
aber als Wolken- und Regenbogenfabrik eingrichtet! :D Man kann kaum in Worte
fassen, wie es aussieht, wenn das Wasser im Hufeisen von drei Seiten nach unten
donnert, so dass Wasserstaub gegeneinander nach oben wirbelt, der sofort zu
Wolken formiert und in den Himmel gesogen wird. Als Tourist kann man sich live
und in Farbe vollregnen lassen, denn man kommt tatsächlich sowohl in Kanada als
auch in Amerika bis auf (geschätzte) 3 m an den Wasserkamm heran. Das Wasser
sieht bald aus wie Gelée, wie es da so über den Kamm gespült wird.
| Fallendes Gelée |
Für teuer Geld kann man auch an weiter
hinunter steigen, um die Fälle aus mittlerer Höhe zu betrachten. Wahlweise kann
man sich über die Bootfahrer lustig machen, die sich als Tourhighlight in roten
oder blauen Plastiktüten wie die Heringe stapeln, nur um bei knapp 17°C von
oben bis unten naßgespritzt zu werden. Was man dabei noch sehen soll, erschloß
sich uns jedenfalls nicht direkt, so dass wir diesen Programmpunkt ausgelassen
haben.
| ...trotzdem, Nässeschutz ist Pflicht |
Daraufhin musst das Erlebnis ersteinmal
bei einem echten American Breakfast verdaut werden. In der seelenlosesten Stadt
der Welt, in der es die kurioseste Zusammenstellung aus Luxus-Casinos, Hotels
und Billig-Imbissen gibt, war außer einem All-you-can-eat nichts weiter
aufzutreiben. Also gaben wir uns für ein paar Dollar echten
"Amerikanischen Fraß" hin, bestehend aus Pancakes, Sirup, French Toast,
Rührei und dem, was hierzulande als Würstchen durchgehen soll. (Da hätten sich
die Kanadier jedenfalls doch mal ne Scheibe von den Franzosen, nicht von den
Briten abschneiden sollen.) Und das alles mit einer Kellnerin, die Stein-
und-Bein schwor, wir sähen uns ähnlich, und uns fragte, ob wir Zwillige wären, und
uns den Rest des Buffets als "Twinsies" ("Zwilling-innen")
ansprach.
Auf das Erlebnis hin wollten wir dann
doch in die USA ausreisen. ;) Na, zumindest für ein paar Stündchen, um uns auch
die amerikanische Seite der Fälle anzuschauen. 2 Dollar Brückenzoll und 12
Dollar Einreisezoll später wurden wir belohnt: Endlich weiß ich, wo die
Regenbogen gebastelt werden! Das Schauspiel ist so ein Wunder, dass man sich
sogar die häßliche Hintergrundbebauung irgendwie wegdenken kann: Unentwegt
entstehen im Wasserregen, der am Kamm tanzt, Regenbogenbänder, die dann
auseinanderstieben (und sich in der Welt verteilen, ist klar). *-*
| Regenbogenfabrik |
Auf so einen gelungenen Tag muss man
anstoßen, daher schlossen wir den Abend im El Catrina in Toronto ab, einem mexikanischen
Restaurant in der "Distillery", einer alten Brauereianlage. Das Glände war ein
Industriestandort seit den 1850ern und die größte erhaltene Fläche
viktorianischer Industriebauart in Nordamerika. (Also quasi Leipzigs Spinnerei).
Ein gelungenes Projekt, dessen Investoren sich weigerten, an Ketten zu vermieten, weshalb es nun ein Viertel voller Designer-Läden, Kunstprojekte und
Szenerestaurants ist. Als wir die Gegend an einem Freitag erkundeten, war kein
Hineinkommen in die Etablissements. Am Sonntag jedoch konnten wir den Abschluss
eines gelungenen Tages und unseres Toronto-Aufenthalts überhaupt bei einer
Schüssel Guacamole feiern. Füße sind noch dran!
| El Catarina |
| .... geschafft... (doppelter Wortsinn) |