Dienstag, 1. Oktober 2019

Niagara Wasserfälle (30.09.2019)


Am Sonntag standen die Niagarafälle auf dem überaus frühen Programm. In tiefster Dunkelheit machten wir uns auf den Weg zum Bus, der uns 6.00 Uhr zu diesem Naturwunder bringen sollte. Wir hofften, wenigstens ein paar Reisegruppen zu schlagen, auch wenn viele natürlich direkt vor Ort stationiert waren. Schließlich umschließt die majestätische Naturgewalt ein potthässlicher Ring aus Casinos, Hochhäusern und Vergnügungsparks aller Art. Der erste Weiße, der die Fälle im 17. Jh. sah, war Pater Louis Hennepin, der sie wohl auch gleich als Letzter ungestörte genießen konnte. Schon um 1800 begann die touristische Erschließung. 

"Hauptwasserfall", der Hufeisenwasserfall (Horse Shoe Waterfall), mit "Stadt" drumherum
Die Niagara-Fälle sind heute drei Fälle: Das Hufeisen, die American Falls und der Brautschleier. Allesamt gehören sie zu den USA, wobei Kanada die schönere Aussicht auf sie genießt. Kommt man von kanadischer Seite angetrabt (flotten oder auch lahmen Fußes), so sieht man von gegenüberliegender Seite zunächst den Canyon, in den die Fälle stürzen und der die Landesgrenze bildet. Wahrscheinlich ist das die einzige Grenze der Welt, an der man nicht wegen der Wartezeit sauer ist, weil man nebenbei auf die malerischen Wassermassen glotzen kann. Schließlich liegt die Rainbow-Bridge, die Kanada mit den USA verbindet, direkt davor bzw. darüber. Man könnte nun lesterlicherweise sagen, dass einem die Fälle irgendwie gar nicht so groß vorkommen, wie sie da von Brücken und Casinos eingebaut vor einem liegen, zumal man ja auf Höhe der Fälle selbst draufschaut. Trotzdem kann man locker vier Stunden damit verbringen, sie anzuschauen. 

American Falls

Schlaumeier wissen, dass die Fälle  kurz nach den fünf großen Seen entstanden, am Übergang zwischen Erie- und Ontariosee. Das Gestein bewirkte die Entstehung der Fälle an drei verschiedenen Stellen, wobei sowohl die jeweilige Breite imposant ist, aber vor allem auch die Menge. Dabei sieht man nur die halbe Stärke, weil Wasser zur Stromgwinnung abgezweigt wird. 



In Wahrheit hat die Erde die Fälle aber als Wolken- und Regenbogenfabrik eingrichtet! :D Man kann kaum in Worte fassen, wie es aussieht, wenn das Wasser im Hufeisen von drei Seiten nach unten donnert, so dass Wasserstaub gegeneinander nach oben wirbelt, der sofort zu Wolken formiert und in den Himmel gesogen wird. Als Tourist kann man sich live und in Farbe vollregnen lassen, denn man kommt tatsächlich sowohl in Kanada als auch in Amerika bis auf (geschätzte) 3 m an den Wasserkamm heran. Das Wasser sieht bald aus wie Gelée, wie es da so über den Kamm gespült wird. 

Fallendes Gelée
Für teuer Geld kann man auch an weiter hinunter steigen, um die Fälle aus mittlerer Höhe zu betrachten. Wahlweise kann man sich über die Bootfahrer lustig machen, die sich als Tourhighlight in roten oder blauen Plastiktüten wie die Heringe stapeln, nur um bei knapp 17°C von oben bis unten naßgespritzt zu werden. Was man dabei noch sehen soll, erschloß sich uns jedenfalls nicht direkt, so dass wir diesen Programmpunkt ausgelassen haben. 

...trotzdem, Nässeschutz ist Pflicht
Daraufhin musst das Erlebnis ersteinmal bei einem echten American Breakfast verdaut werden. In der seelenlosesten Stadt der Welt, in der es die kurioseste Zusammenstellung aus Luxus-Casinos, Hotels und Billig-Imbissen gibt, war außer einem All-you-can-eat nichts weiter aufzutreiben. Also gaben wir uns für ein paar Dollar echten "Amerikanischen Fraß" hin, bestehend aus Pancakes, Sirup, French Toast, Rührei und dem, was hierzulande als Würstchen durchgehen soll. (Da hätten sich die Kanadier jedenfalls doch mal ne Scheibe von den Franzosen, nicht von den Briten abschneiden sollen.) Und das alles mit einer Kellnerin, die Stein- und-Bein schwor, wir sähen uns ähnlich, und uns fragte, ob wir Zwillige wären, und uns den Rest des Buffets als "Twinsies" ("Zwilling-innen") ansprach. 

Auf das Erlebnis hin wollten wir dann doch in die USA ausreisen. ;) Na, zumindest für ein paar Stündchen, um uns auch die amerikanische Seite der Fälle anzuschauen. 2 Dollar Brückenzoll und 12 Dollar Einreisezoll später wurden wir belohnt: Endlich weiß ich, wo die Regenbogen gebastelt werden! Das Schauspiel ist so ein Wunder, dass man sich sogar die häßliche Hintergrundbebauung irgendwie wegdenken kann: Unentwegt entstehen im Wasserregen, der am Kamm tanzt, Regenbogenbänder, die dann auseinanderstieben (und sich in der Welt verteilen, ist klar). *-*   

Regenbogenfabrik
Auf so einen gelungenen Tag muss man anstoßen, daher schlossen wir den Abend im El Catrina in Toronto ab, einem mexikanischen Restaurant in der "Distillery", einer alten Brauereianlage. Das Glände war ein Industriestandort seit den 1850ern und die größte erhaltene Fläche viktorianischer Industriebauart in Nordamerika. (Also quasi Leipzigs Spinnerei). Ein gelungenes Projekt, dessen Investoren sich weigerten, an Ketten zu vermieten, weshalb es nun ein Viertel voller Designer-Läden, Kunstprojekte und Szenerestaurants ist. Als wir die Gegend an einem Freitag erkundeten, war kein Hineinkommen in die Etablissements. Am Sonntag jedoch konnten wir den Abschluss eines gelungenen Tages und unseres Toronto-Aufenthalts überhaupt bei einer Schüssel Guacamole feiern.  Füße sind noch dran!

El Catarina
  
hm... lecker... und...

.... geschafft... (doppelter Wortsinn)