Donnerstag, 3. Oktober 2019

Nebel (Ottawa, 01. und 02.10.2019)


Am 1. Oktober ging es mit dem Bus nach Ottawa, der Landeshauptstadt. Diese liegt natürlich am Fluss Ottawa (und weiteren) und ist mit dem allgemeinen Fluss- und Seennetz verbunden, das am Ende in den Sankt-Lorenz-Strom und den Atlantik führt. Das Land ist komplett am Wasser gebaut, was eindrucksvoll vom Bus aus zu sehen war. Da war nämlich nichts sonst zu sehen. Außer Wäldern, Sümpfen, dem ersten Herbstlaub und strahlend blauem Himmel. 


Das beschauliche Ottawa war ursprünglich ein beliebter Handelsplatz (daher wörtlich "Händler" in Algonquin). Nach den Biberkriegen zwischen den Huronen, den von den Franzosen so benamsten "Ottawa"-Indianern und den Algonquin mauserte sich der Ort im 17. Jh. zu einer Kleinstadt. Sie besteht aus dem von den Franzosen angelegten, später britischen Ortsteil Ottawa und dem britischen, heute französischen, Gatineau auf der anderen Seite des Flusses. Heute liegen die Städte jeweils in Ontario (englisch) bzw. Quebec (französisch), so dass es für gleich zwei Touristeninfos reicht, die jeweils nur dürftig über die andere Seite Bescheid wissen. Dass Ottawa heute mehr ist als ein Pups in der Landschafft, hat die Stadt der royalen Nadel Victorias zu verdanken: Die Queen wurde nämlich am 31. Dezember 1857 dazu aufgefordert, eine Hauptstadt für die Provinz Kanada auszuwählen. Schrecklich interessiert wie sie war, soll die Königin ihre Hutnadel auf einer Landkarte etwa zur Hälfte zwischen die Städte Toronto und Montreal gesteckt haben; der nächste Ort sei Ottawa gewesen. Nun ja, tatsächlich ist Ottawa wohl einfach nur die lachende Dritte: Sie bildet die Sprachgrenze zwischen den Französischsprachigen um Montreal herum und den Englischsprachigen um Toronto. Flugs wurde zwischen 1860 und 1866 der Parliament Hill im neugotischen Stil für rund 4,5 Millionen Dollar aus dem Boden gestampft und Ottawa wurde Hauptstadt. Bis heute sieht man ihr an, dass sie zur Hauptstadt gemacht wurde. Überall Denkmäler und Mahnmale der kanadischen Geschichte, eines Staates, den es so nie gegeben hat, der aber jetzt als Einheitsstaat präsentiert wird und erinnert werden soll.  

Ottawa
Parliament Hill ist dann auch, so munkelt man, der einzig ansehnliche Teil Ottawas. Architektonisch ist sie sonst nur in (kleinen) Maßen interessant. Sie begrüßte uns auch mit nebelgeladenem miesepetrigen Nieselpisl, während der Wetterbricht behauptete, aus den 15°C würden gefühlte 27°C herausspringen. Kanadischer Humor? Ich ging jedenfalls an dem Tag mit Unterhemd, Socken und Pullover ins Bett... 

Parliament Hill im Nebel
Trotzdem, Ottawa versucht immerhin, sich einem schmackhaft zu machen. Wir kamen in den Genuss einer "Limited Edition" Tour: sie ist nämlich auf die kommenden 10 Jahre begrenzt. So lange wird es nämlich dauern, dass eigentliche Parlamentsgebäude zu restaurieren, so dass man sich den Senat momentan im alten Bahnhof und das House of Commons (Repräsentantenhaus) im ursprünglichen Westflügel des kleineren Parlamentsgebäudes besehen und erklären lassen kann. 

Die Touren sind kostenlos und führen durch die Abstimmungs- und Plenarsäle. Man lernt, dass wegen der Neuwahlen im Oktober alles bis zum Januar still stehen wird, weswegen wir die Tour auch überhaupt machen konnten. Ursprünglich waren Anfang Oktober nämlich keine Touren vorgesehen, weil wohl Sitzungen anberaumt gewesen waren. Die hatten sich jetzt aber erledigt. In Kanada sollten alle 5 Jahre Wahlen abgehalten werden, aber das ist kein fester Regelkalender wie in Deutschland - üblicherweise gibt es Neuwahlen, wenn die Parlamentarier beschließen, dass die Runde beschlussunfähig geworden ist, was durchschnittlich nach spätestens 4 Jahren der Fall ist. Dabei werden Senatoren nach Regionalproporz auf Lebenszeit (also bis 75 Lebensjahre) gewählt, so dass ein neuer Premier zwar die Senatoren selbst bestimmt, allerdings bloß die freiwerdenden Lücken besetzen kann.

Ehemaliger Hauptbahnhof, jetzt Senatsgebäude
Ehemaliger Hauptbahnhof, jetzt Senatsgebäude
Ehemaliger Hauptbahnhof, jetzt Senatsgebäude: Senatssaal
Westflügel
Ehemaliger Innenhof des Westflügels, jetzt überdachter Debattiersaal des Repräsentantenhauses
Da wir die Touren jeweils auf den Vormittag und Nachmittag gelegt hatten, blieb zwischendurch Zeit für die Suche nach dem Zentrum des Lebens, sprich: Mittagessen im Byward Market. Man scheint Fresshallen in diesem Land zu lieben; könnte etwas mit den winterlichen Temperaturen zu tun haben. Jedenfalls hat Ottawa wie immer kein eigentliches Zentrum, da es schachbrettförmig angelegt ist, sondern eine "Downtown". Diese wird durch einen Boulevard erreicht, auf dem bei schönerem Wetter sicherlich das Leben pulsiert, und liegt östlich des Rideaux-Kanals, an dem man bei schönerem Wetter sicherlich wunderbar flanieren könnte. Bei schönerem Wetter jedenfalls könnte ich mir auch vorstellen, in Sandaletten, beinentblößt und im T-Shirt durch die Stadt zu schlendern, wie einige Kanadier es taten! (Nerven schon abgestorben?) So jedoch zogen wir Innenaktivitäten vor.

Markthalle
Gemütlicher Teil des Tages; einige hartgesottene sitzen auch schon mal draußen.
Ein kleiner Haken an der Sache war natürlich, dass am nächsten Tag der Gatineau Park auf dem Programm stand. (02.10.2019) Immerhin regnete es nicht mehr, sondern schaute nur noch trüb aus. Bewaffnet mit Wanderkarten und Bustickets übten wir das Kunststück: Bewege dich ohne Auto durch Kanada. Siehe da, es geht. Ausgehend von einem Busstop in Gatineau fanden wir den Anfang eines Wanderwegs (Bärengebiet!). Natürlich sahen wir nur einen kleinen Teil des riesigen Naturparks, aber für die Sichtung eines scheuen Rehs und mehrerer Chipmunks (Streifenhörnchen) hat es gereicht. Auf die Sichtung von Schwarzbären waren wir jetzt eh nicht soooo wild. Einmal um den "Lake Pink" herumspaziert, schwups, schon waren wir 5 Stunden im Grünen unterwegs. "Im Grünen", leider, denn die berühmte "Herbst-Rhapsodie", auf die alle warten, hatte sich noch nicht so wirklich eingestellt. 

*.* und Streifenhörnchen
Pink Lake - Lac Pink - See Pink
 Anmerkung: Füße alle noch da, dran und läufig...