Am
1. Oktober ging es mit dem Bus nach Ottawa, der Landeshauptstadt. Diese liegt
natürlich am Fluss Ottawa (und weiteren) und ist mit dem allgemeinen Fluss- und
Seennetz verbunden, das am Ende in den Sankt-Lorenz-Strom und den Atlantik
führt. Das Land ist komplett am Wasser gebaut, was eindrucksvoll vom Bus aus zu
sehen war. Da war nämlich nichts sonst zu sehen. Außer Wäldern, Sümpfen, dem
ersten Herbstlaub und strahlend blauem Himmel.

Das
beschauliche Ottawa war ursprünglich ein beliebter Handelsplatz (daher wörtlich
"Händler" in Algonquin). Nach den Biberkriegen zwischen den Huronen,
den von den Franzosen so benamsten "Ottawa"-Indianern und den
Algonquin mauserte sich der Ort im 17. Jh. zu einer Kleinstadt. Sie besteht aus
dem von den Franzosen angelegten, später britischen Ortsteil Ottawa und dem
britischen, heute französischen, Gatineau auf der anderen Seite des Flusses.
Heute liegen die Städte jeweils in Ontario (englisch) bzw. Quebec
(französisch), so dass es für gleich zwei Touristeninfos reicht, die jeweils
nur dürftig über die andere Seite Bescheid wissen. Dass Ottawa heute mehr ist
als ein Pups in der Landschafft, hat die Stadt der royalen Nadel Victorias zu verdanken:
Die Queen wurde nämlich am 31. Dezember 1857 dazu aufgefordert,
eine Hauptstadt für die Provinz Kanada auszuwählen. Schrecklich interessiert wie
sie war, soll die Königin ihre Hutnadel auf einer Landkarte etwa zur Hälfte
zwischen die Städte Toronto und Montreal gesteckt haben; der nächste Ort sei Ottawa
gewesen. Nun ja, tatsächlich ist Ottawa wohl einfach nur die lachende Dritte: Sie
bildet die Sprachgrenze zwischen den Französischsprachigen um Montreal herum und
den Englischsprachigen um Toronto. Flugs wurde zwischen 1860 und 1866 der
Parliament Hill im neugotischen Stil für rund 4,5 Millionen Dollar aus dem
Boden gestampft und Ottawa wurde Hauptstadt. Bis heute sieht man ihr an, dass
sie zur Hauptstadt gemacht wurde. Überall Denkmäler und Mahnmale der
kanadischen Geschichte, eines Staates, den es so nie gegeben hat, der aber
jetzt als Einheitsstaat präsentiert wird und erinnert werden soll.
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| Ottawa |
Parliament Hill ist dann auch, so
munkelt man, der einzig ansehnliche Teil Ottawas. Architektonisch ist sie sonst
nur in (kleinen) Maßen interessant. Sie begrüßte uns auch mit nebelgeladenem
miesepetrigen Nieselpisl, während der Wetterbricht behauptete, aus den 15°C
würden gefühlte 27°C herausspringen. Kanadischer Humor? Ich ging jedenfalls an
dem Tag mit Unterhemd, Socken und Pullover ins Bett...
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| Parliament Hill im Nebel |
Trotzdem, Ottawa versucht immerhin, sich
einem schmackhaft zu machen. Wir kamen in den Genuss einer "Limited
Edition" Tour: sie ist nämlich auf die kommenden 10 Jahre begrenzt. So
lange wird es nämlich dauern, dass eigentliche Parlamentsgebäude zu
restaurieren, so dass man sich den Senat momentan im alten Bahnhof und das
House of Commons (Repräsentantenhaus) im ursprünglichen Westflügel des
kleineren Parlamentsgebäudes besehen und erklären lassen kann.
Die Touren sind kostenlos und führen
durch die Abstimmungs- und Plenarsäle. Man lernt, dass wegen der Neuwahlen im
Oktober alles bis zum Januar still stehen wird, weswegen wir die Tour auch
überhaupt machen konnten. Ursprünglich waren Anfang Oktober nämlich keine
Touren vorgesehen, weil wohl Sitzungen anberaumt gewesen waren. Die hatten sich
jetzt aber erledigt. In Kanada sollten alle 5 Jahre Wahlen abgehalten werden,
aber das ist kein fester Regelkalender wie in Deutschland - üblicherweise gibt
es Neuwahlen, wenn die Parlamentarier beschließen, dass die Runde
beschlussunfähig geworden ist, was durchschnittlich nach spätestens 4 Jahren
der Fall ist. Dabei werden Senatoren nach Regionalproporz auf Lebenszeit (also
bis 75 Lebensjahre) gewählt, so dass ein neuer Premier zwar die Senatoren
selbst bestimmt, allerdings bloß die freiwerdenden Lücken besetzen kann.
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| Ehemaliger Hauptbahnhof, jetzt Senatsgebäude |
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| Ehemaliger Hauptbahnhof, jetzt Senatsgebäude |
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| Ehemaliger Hauptbahnhof, jetzt Senatsgebäude: Senatssaal |
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| Westflügel |
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| Ehemaliger Innenhof des Westflügels, jetzt überdachter Debattiersaal des Repräsentantenhauses |
Da wir die Touren jeweils auf den
Vormittag und Nachmittag gelegt hatten, blieb zwischendurch Zeit für die Suche
nach dem Zentrum des Lebens, sprich: Mittagessen im Byward Market. Man scheint
Fresshallen in diesem Land zu lieben; könnte etwas mit den winterlichen
Temperaturen zu tun haben. Jedenfalls hat Ottawa wie immer kein eigentliches
Zentrum, da es schachbrettförmig angelegt ist, sondern eine
"Downtown". Diese wird durch einen Boulevard erreicht, auf dem bei
schönerem Wetter sicherlich das Leben pulsiert, und liegt östlich des
Rideaux-Kanals, an dem man bei schönerem Wetter sicherlich wunderbar flanieren
könnte. Bei schönerem Wetter jedenfalls könnte ich mir auch vorstellen, in
Sandaletten, beinentblößt und im T-Shirt durch die Stadt zu schlendern, wie
einige Kanadier es taten! (Nerven schon abgestorben?) So jedoch zogen wir
Innenaktivitäten vor.
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| Markthalle |
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| Gemütlicher Teil des Tages; einige hartgesottene sitzen auch schon mal draußen. |
Ein kleiner Haken an der Sache war
natürlich, dass am nächsten Tag der Gatineau Park auf dem Programm stand. (02.10.2019)
Immerhin regnete es nicht mehr, sondern schaute nur noch trüb aus. Bewaffnet
mit Wanderkarten und Bustickets übten wir das Kunststück: Bewege dich ohne Auto
durch Kanada. Siehe da, es geht. Ausgehend von einem Busstop in Gatineau fanden
wir den Anfang eines Wanderwegs (Bärengebiet!). Natürlich sahen wir nur einen
kleinen Teil des riesigen Naturparks, aber für die Sichtung eines scheuen Rehs
und mehrerer Chipmunks (Streifenhörnchen) hat es gereicht. Auf die Sichtung von
Schwarzbären waren wir jetzt eh nicht soooo wild. Einmal um den "Lake
Pink" herumspaziert, schwups, schon waren wir 5 Stunden im Grünen
unterwegs. "Im Grünen", leider, denn die berühmte
"Herbst-Rhapsodie", auf die alle warten, hatte sich noch nicht so
wirklich eingestellt.
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| *.* und Streifenhörnchen |
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| Pink Lake - Lac Pink - See Pink |
Anmerkung: Füße alle noch da, dran und läufig...