Sonntag, 20. Oktober 2019

Mein „zu Hause“


Ich hatte versprochen etwas über mein Heim zu erzählen. Jetzt ist Platz dafür; es folgt also Dies und Das und Jenes.
Am „Wochenende danach“ (also nach Franzens Abflug) stand eines ganz oben auf der Liste: meine Bude sauber machen und zwar wohlfühlgründlich (12.10.2019). In dem Traum von Rosa mit Blümchentapete – wer mich kennt, der weiß, dass das voll mein Ding ist – hatte schon lange keiner mehr richtig in die Ecken geschaut. Was da unterm Bett hervorkam, iehhh. Nach einem ruinierten Putzlappen später sah es am Abend schon ganz wohnlich aus. Klein aber fein und alles verstaut, in den ebenfalls grundgereinigten Schubkästen. Mannomann, was da so alles drin kleben kann... Die überflüssigen Deckchen und Läufer (so viele Blumen!) wurden weggeräumt und der Plastelavendel (noch mehr Blumen!) ebenfalls in eine Schublade verbannt. 

Mit einem Wisch, war da noch lange nicht Alles weg...
Chic in Pink
Chic in Pink II. Kristalllampenständer sollten verboten werden! Ich hab' ewig die Rillen geputzt!
Das Bad hatte ich noch nicht geschafft, aber die Dusche war eh erst einmal kaputt. US-amerikanische Handwerks(un)kunst ist ja bekannt, aber so was Dilettantisches? Zwar ist der Spalt hinten zwischen Duschtür und Fließe nun mehr oder weniger dicht, dafür geht die Tür nun vorne nicht mehr ganz zu, weil hinten der Gummi dazwischen klemmt. Es fließt also genauso viel Wasser wie zuvor beim Duschen heraus, nur an einer anderen Stelle. Außerdem, wer weiß warum, tropft nun auch das Wasser aus dem Duschkopf permanent. Weiß der Geier, wie ein Gummischlauch unten, den Duschkopf oben... Außerdem hab‘ ich zwei Schrauben gefunden. Egal, Wasser läuft und duschen kann ich mich auch. 

Jack (so um die 60), „Hausmanager“ ist eigentlich Maler, wohnt aber schon seit ewig in einem der Zimmer. Der größte Recyclingfan Amerikas ("Recyceln ist soooo wichtig!“ Zitat Ende) störte sich an dem tropfenden Wasser nicht. Überhaupt ist Jack Stereotyp-Amerikaner: Auf Mülltrennung fährt er voll ab, genau wie auf Mercedes. Abgas-Skandal? Nie gehört. Jack isst Pizza - morgens wie abends. Das mit dem Grünzeug hätte er versucht, bekommen wäre es ihm nicht. Außerdem wohnen in dem Haus: Tara (Anthropologin), Libanesin, aber in England aufgewachsen, Bob (ja, wirklich alle ur-amerikanischen Namen sind dabei) aus Texas, der am Krankenhaus seinen „praktischen Monat“ Fußchirurgie absolviert, ein Japaner, der selten gesichtet wird, Alberto aus Peru, der am Design-Institut studiert und „Häuser für Reiche bauen“ will und ich. Manchmal geistert noch eine Frau durch's Haus, aber ob die wirklich zu "uns" gehört, oder nur... na ja, was eigentlich? Die Truppe ist jedenfalls gut gemischt; in jeder Hinsicht, würde ich sagen. Über den Weg laufen wir uns alle gegenseitig kaum. Die eine Küche muss zwar von allen genutzt werden, der eine Topf war bis jetzt aber immer frei, wenn ich ihn haben wollte. Die Waschmaschine war auch noch nie belegt, wenn mir sponatn der Sinn nach Wäschemachen war. Schon ulkig, wie das geht. Der Killer-Trockner trocknet wie verrückt, zerreist und zerzerrt aber mein Klamott :( Dumm, dass ich hier nirgends Wäsche aufhängen kann. So etwas wie einen Stehtrockner zum drauf dranbammeln hab' ich noch nicht gefunden (noch nicht einmal in den Geschäften!).


Küche. Wahrscheinlich hält der Klebs auch noch das ein oder andere Schranktürchen und Schublädchen beisammen ;)
Wenn ich annehme, dass alle so ungefähr das Gleiche für ihre Zimmerlein bezahlen wie ich, dann lohnt es sich abwesender Hausbesitzer in Cambridge zu sein. Das Haus fällt nämlich ganz bestimmt bald zusammen, aber bis so weit ist, dient es noch als Unterkunft für alle Verzweifelten, die in Cambridge nach einem bezahlbaren Dach über dem Kopf suchen. Die Türklinken habe ich schon  jetzt immer in der Hand. Also jetzt schon nicht mehr immer, weil ich mittlerweile weiß, bei welcher Tür es sich lohnt, selbige zu betätigen. Bei einigen muss ich pusten, damit sie sich öffnet oder aber einfach dagegen treten, wenn wetterbedingt Klemmalarm herrscht :) Alles Holz, alles nicht isoliert.
Apropos Tür. Die Eingangstür ist immer offen, es gibt nämlich keinen Schlüssel für sie. Das heißt, sie "ist" nicht nur immer offen, sie "steht" auch immer einen  Spalt breit offen, damit jeder rein kann, der von außen rein muss. Wenn sie ins Schloss fällt, hat man Pech gehabt. Dann muss man hoffen, dass Jemand da ist und muss so lange hämmern, bis derjenige einen hört. "Make America great again!"  hapert an soo Vielem... ("Lass uns Amerika wieder großartig machen!" War der letzte Wahlkampfslogan von Trump) Aber warm ist's. Entgegen aller Befürchtung ist das abenteuerliche Heizungssystem bis jetzt ganz wärmend. Meine "Heizung" ist das "schwarze Rechteck" in der Wand im Bild 3 oben, vor der Tür. Das ist ein schmiedeeisernes Gitter durch das warme Luft ins Zimmer kommt. Die Luft wird im Keller produziert. Ich hatte bei unserer Ankunft schon gedacht, wir müssen den Kohleofen (hinter dem Waschmaschinen-Trocknerturm und Kühlschrank danaben in der Ecke, kaum zu sehen, ich geb's zu) in der Küche in Betrieb nehmen...

Ansonsten ist Cambridge aber eine tolle Wohngegend. So bisschen wie das amerikanische Pendant zu Leipzig-Gohlis. Es ist ganz beschaulich mit villenähnlichen Einfamilienhäusern bebaut, in denen gut und gerne zwei oder auch drei Familien Platz hätten. Klauen tut also keiner, weswegen die Tür auch problemlos schon seit Jahren offen steht. Zu jedem Häuschen gehört ein Garten, zwischendrin stehen alte, hohe Bäume, an den Straßen stehen Blumenkübel.
(In der Nacht vom 14. zum 15. Oktober hat es einen Orkan gegeben. Seitdem liegt viel Klein- und Großholz auf den Straßen.)

Zugeparkt ist alles, wie bei uns :)
Cambridge, Fayerweather Street
Cambridge, Huron Avenue. Radwege gibt's hier viele. Autos müssen übrigens den Rädern den Vortritt lassen! Außerdem fahren in Cambridge alle Busse des ÖPNV kalektrisch.

Kleine, aber feine (!), Boutiquen haben ab 11:00 ihre Türen für die Damen von Welt geöffnet. In den extra-breiten Parklücken haben auch die SUV’s Platz mit denen die Herren von Welt zur Bank fahren, dann zur Post drei Ecken weiter und schließlich wieder zurück bis vor die Haustür (wahrscheinlich 5 Ecken weiter), wo auf dem eigenen Parkplatz abgestellt wird. Ab und zu gibt es einen Feinkostladen; der Allerwelt-Supermarkt hat vor Kurzen geschlossen. Die nächste normale Einkaufsmöglichkeit ist 14 Gehminuten von mir entfernt; wahrscheinlich erst im Schneematsch ein Problem. Nach 19:00, vor 11:00 rührt sich kaum Jemand. Ein Paradis für Eichhörnchen auf Wintervorbereitung!

1 - Boutique, 2 - "Full Moon" (Vollmond), Restaurant, 3-6 - Boutiquen. A und B - "meine" Bushaltestelle stadtaus- und einwärts. Übrigens, die Buslinie, die hier am häufigtsen vorbeifährt ist die "Not in Service"-Linie :) (Außer Betrieb). Die reguläre "72" kommt, wenn sie sich durch den Bostoner Verkehr gekämpft hat, Fahrpläne kann man deswegen auch in Cambridge in die Tonne kloppen. Alle 20 Minuten schafft sie selten.
Die zwei Bushaltestelle stehen praktisch vor meiner Haustür um's Eck. Das Häuschen, in dem ich ein Dachzimmerchen bezogen habe, ist eigentlich so auch ganz chic anzusehen - von Weitem sieht man ja auch nicht, dass es nicht mehr lange so stehen bleiben wird...
 
Eingangstür rechts.
Cambridge, 101 Fayerweather Street. Mein Zimmer ist unterm Dach und durch's Fenster blicke ich rechts aus dem Dach.
Auch nachts eine Augenweide ;) Die Lichterkette brennt aber auch tagsüber die ganze Zeit -_-* (Mülltrennung ja, Wasser- und Energiesparen sind aber immer noch Fremdwörter hier)

Übrigens, die Straßen hier sind fast alle nach Kaufleuten oder zumindest deren Familien benannt. Ein Blick hier ins Archiv und schon weiß ich das. Wie passend. Alle sind sie vertreten, so auch Thomas Fayerweather (1724-1805), Namensgeber „meines“ Sträßchens. Der Herr hat von Boston aus zwischen Europa, der Karibik und Nova Scotia (heute fast-Insel und eine Provinz Kanadas) hin und her gehandelt. Von Zucker bis Walflosse war alles dabei. Einen Leibsklaven – Cato – hatte er auch. Mittlerweile ist die Stadt aber liberale Demokratenhochburg, weswegen sie auch als "The People's Republic of Cambridge" bezeichnet wird (Volksrepublik Cambridge). An allen Ecke wird sich zu Multi-Kulti bekannt. Von den 105.000 überwiegend wohlhabenden Einwohnern der Stadt sind über 3/4 allerdings auch "rein-weiß", was perfekt die Reichstumsverhältnisse in Amerika wiederspiegelt. Von den Problemen der "buntgemischten" und bei Weiten nicht so begüterten Viertel hat man in dem weltoffenem Vorort von Boston nicht wirklich eine Ahnung.

"Egal, wo du herkommst, wir sind froh, dich zum Nachbarn zu haben"-Schilder stecken in vielen Blumenbeeten.              (Auf Spanisch, Englisch und Arabisch)
Ebenfalls häufig zu finden "Black Lives Matter"-Tafeln für "Rassengleichheit" (Schwarze Leben zählen). Das es "Menschenrassen" nicht gibt, hat sich in Amerika noch nicht herumgesprochen. Jeder hat einen "Rassevermerk" im Pass: Kaukasier, Hispanoamerikaner, Schwarz oder auch Ureinwohner... Übrigens hat ein Brasilianischer Gastwissenschaftler bei seiner Einreise "ohne Angabe" angekreuzt. In seiner Aufenthaltsgenehmigung steht jetzt "Latino".
Was richtig toll ist, ist der Teich ums Eck. Das "Cambridge Water Reservoir" ist an die Trinkwasserversorgung der Stadt angeschlossen, weswegen Niemand darin baden darf, auch Köter nicht. Drumherum gibt es aber eine Laufstrecke! Da sich zwei Tage nach Franzens Abflug das Wetter einstellte, welches dem Mutzel die ganze Zeit vorgeschwebt ist - Blauer Himmel, strahlende Sonne, angenehme 25°C - hab ich auch schon drei Mal meine Laufsemmeln angeschmückt und bin joggln gegangen. So kann der Herbst gerne bleiben! Dumm nur, das meine Halbschuhe bei Franzen im Koffer stecken. Bei dem sch... Wetter zuvor konnte ja KEINE ahnen, dass hier auch Herbstsonne gekonnt wird. Nun ja, jetzt bin ich eben mit meinen Alljahresschuhen unterwegs.

4 Kilometer Laufstrecke. Sie hätte gerne 2-3 Kilometer länger sein können, aber sei's drum. Zum Joggln vor'm In-die-Bib-gehen ist sie eigentlich optimunal.
Fresh Pond (Frischer Teich oder auch Frischteich ^^)



Fresh Pond
Um die Laufstrecke ringsum gibt es Fahrradständer, für alle die mit Fahrrad anradeln, um zu laufen und auch 3-4 Trinkwasserstationen, für jeden ausgetrockneten Läufer. Dort, wo ich die Strecke anfangen, haben Cambridger auch "Gärten" angelegt. Einige haben wohl Kürbis- und Zucchiniähnliche Gewächse angepflanzt, viele haben aber einfach Hummel- und Metterlingsparadise geschaffen.

Läuferfreundlich

Cambridge Community Gardeners ("Cambridger Gärtner")

Joah, hier bin ich nun erst einmal bis Mitte Dezember wohnhaft.