Ich stehe vor diesem neumodischen Kaffeeautomaten und kriege
ihn natürlich nicht zum Laufen. Wasser drin, Kapsel drin, Start, nix. Ok, es
war eine alte Kapsel, will er nicht. Neue rein, Kaffee läuft. Na bitte. Menge
zu klein eingestellt, Kapsel futsch. Immerhin war der Kaffee vom Airbnb bereitgestellt, nur die Milch musste für teure 4 € den Liter selbst erworben werden. Immerhin haben wir in New York keine
Unterkunft mit nagenden Untermietern, wie meine liebe Schwester noch beim
letzten Mal. Alles neu, alles schick. Auch die Klimaanlage, die zentral
gesteuert ist. Hatschi!!
Also sitze ich früh morgens doch lieber auf der Treppe vor
dem Haus in Brooklyn und schreibe endlich den Blog, bevor alles kalter Kaffee ist.
Ich trat meine Reise
bestens vorbereitet am Freitag, den 3. August, an und gondelte nach Berlin Tegel,
immer noch Berlins größter Flughafen. Alles platzt aus allen Nähten und so
schlimm kann es für die Reiseveranstalter nicht sein: Richtung Mallorca, Antalya
und Co. ist alles voll. Nach Reykjavik auch, aber das sind keine
Sommer-Flüchtlinge: Icelandair hat die günstigsten Verbindungen in die USA und
haben aus Reykjavik den Angelpunkt in die Amerikas gemacht. Ich sitze also im
überfüllten Terminal, warte auf das Boarding, boarde, warte,
warte und warte. Der neben mir schafft seinen Anschluss nach Chicago nicht. Dumm gelaufen. Aber meine knapp 2 Stunden Umsteigezeit
werden ja wohl reichen? Tun sie nicht. Auch dumm gelaufen. 3 Stunden Startversuch und Reparaturwerkeln, Motor zeigt
Fehlermeldung. Nicht so toll. Also wieder raus aus dem Flugzeug. Ich warte,
warte und warte wieder. Es gibt keinen Schalter mehr, Personal ist weg und alle
versuchen, ihren Verpflegungsgutschein im einzigen Kiosk einzulösen. Man weiß
ja nicht, ob man sonst eine Ansage verpasst. Tut man nicht. Halb sieben dann
der neue Start, alles Anschlüsse sind weg und ein ganzes Flugzeug muss
umgebucht werden. Ein hoch auf moderne Technik und Internet, die Organisation
in Reykyavik klappt und ich habe… meinen Rucksack mit Geldbeutel im Shuttlebus
vergessen. Immerhin hatte ich meinen Pass und konnte nach Mitternacht meiner Zeit im Hotel
einchecken.
So hatte ich also einen halben Tag Reykyavik mit 4-Sterne-Hotel gegen
einen Tag Boston getauscht.
Also startete meine USA-Reise in Island und dank Jet-Lag ging
es 8:00 Uhr los. Erste Station: Bus-Terminal. Samstagmorgen ist kein Mensch
unterwegs und so gondelte ich durch Straßen voller kastenförmiger Häuser mit
Garten. Was es in Island gibt, ist Platz, und Reykjavik ist eine großzügige
angelegte Kleinstadt. Alle Autofahrer halten brav bei rot, auch wenn es keinen
Grund gibt, anzuhalten. Im Bus-Terminal gab man mir ganz unaufgeregt mein Täschli zurück – so
mit Geld fühlt es sich doch gleich anders an. Auch wenn ich dank Icelandair-Vollversorgung
keines brauchte.
Der Stadtpark direkt am Rathaus.
„Beeindruckend“ trifft es jetzt nicht unbedingt, wenn man
die Stadt beschreiben will. Aber schön sauber, geputzt und nett. Man expandiert,
baut viel im Stadtkern, versucht Island-Mode zu vermarkten und die Stadt
attraktiv zu machen. Im Bild oben sieht man einen typischen Straßenzug mitten in der Stadt.
Dazu gehört das Stararchitekt-Konzerthaus."The Harp" - De Harfe
Hotelbauten bestimmen auch hier den Bauboom.
Die Einkaufsmeile ist zwar keine autofreie Zone, bekommt aber durch ein paar Bänklis etwas Flair. Man veruscht sich auch an Vegetation.
Bunte Häuser, Grafitti und Kunst sollen die Touristen in Reykjaviks Straßen locken. Man sieht, dass es einen Plan gibt. Die Häuser sind oft mit Wellblech verkleidet und ahmen so wohl den alten Holzbaustil nach.
Tatsächlich sieht man aber kaum Altes - da ist 1902 schon besonders.
Beeindruckender ist da schon die Sicht von Reykjaviks Hafen
auf das andere Ufer: Natur in Island muss gewaltig sein. Ich habe davon nur
gewaltige moosbewachsene Leere gesehen auf dem Weg vom Flughafen Keflavik nach
Reykjavik hinein, aber sie werben für ihre Schäfchen und Pferdchen,
Wal-Guggen und Gletscher-Touren.
Der Blick vom Hafenbecken
Das mit Abstand beeindruckendste an Island war jedenfalls:
die Luft! Bei 15-23° je nach Sonne gab es wirklich einfach nur klare frische Luft zu
zutschen. Nach Berlin bei 30°+ und Menschenstau sowieso wohltuend ohne Ende,
hat man solche Luft noch nicht gerüsselt und geschnüffelt. Allein dafür hat es
sich gelohnt! In Boston dann fiel ich jedenfalls abends an der South Station bei
knapp 40° und 90% besten Großstadtmiefs in ein Tohuwabohu von lärmenden
Touristen, hupenden Bussen und schreienden Busfahrern und sehnte mich sofort
nach Reykjavik zurück.
Aber eine durchgeschlafene Nacht hilft ja so Manches neu zu
sehen und so war ich mit einem Tag Verspätung bereit, Boston zu erobern.