Montag, 13. August 2018

Boston: Warum feiern die Amerikaner ihren Unabhängigkeitstag eigentlich am 4. Juli?

Ich hatte versprochen zu erklären, warum Boston mit zahlreichen bedeutungsschweren Spitznamen versehen ist. "Zum Glück" ist Franz nicht schon am Freitagabend angelanded, sondern verspätete sich um einen ganzen Tag. Die perfekte Gelegenheit für mich am Sonnabendvormittag zum "Geschichtsverein" von Massachusetts zu gehen - dem wohlgemerkt ältesten Geschichtsverein der USA! Die "Massachusetts Historical Society" wurde 1791 gegründet und beherbergt zahlreiche Archivalien zur amerikanischen Geschichte, darunter die persönlichen, politischen und geschäftlichen Korrespondenzen dreier US-Präsidenten, die Prozessakten der Salemer Hexenprozesse (1692) und natürlich auch Unterlagen zur Geschichte der Stadt.

Warum ich den Geschichtsverein kannte? Weil u.a. die Tagebücher von John Quincy Adams dort liegen. Adams (1767-1848) war 1796 US-Botschafter in Berlin und bereiste Schlesien bevor er 1802 in den Senat von Massachussets und 1825 zum 6. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Die Tagebücherhabe ich natürlich gelesen... Aber egal, das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.

Unter den Schätzen des jetzt kostenlos zugänglichen Archiv-Museums befinden sich auch die zahlreichen Versionen der amerikanischen Verfassung, die in ihrer Endfassung schließlich 1787 verabschiedet wurde. Was an den Ursprungsversionen so interessant ist? Sie sind viel radikaler als die Verfassung, die tatsächlich - nach dem Einspruch der Südstaaten - angenommen wurde. U.a. wurde der Absatz zur Gleichheit aller Menschen, egal ob sie aus freien Stücken eingewandert sind oder von den Küsten Afrikas nach Amerika verschleppt wurden, in der verabschiedeten Version gänzlich gestrichen... Die Vordenker jener "kätzerischen" Ansichten stammten alle aus Massachusetts/ Boston und Umgebung, weshalb gerne von der Stadt als "Hort der Freiheit" gesprochen wird.

1635 wurde die erste Lateinschule, ein Jahr später die erste Universität Amerikas - die Harvard University - gegründet. Der Protest gegen Steuererhöhungen auf Teeimporte und der Vernichtung ganzer Schiffsladungen voller Tee am 16. Dezember 1773 (Boston Tea Party) wird gerne als der Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes gesehen. Im Großen und Ganzen sind es der gute Bildungsstand der Bostoner Bevölkerung gepaaart mit ihrem "Drang nach Freiheit" der in amerikanisch-typischer Weise gleich zur Verklärung der Stadt als einer Stätte der Freiheit, Demokratie und Philosophie gefürt haben und ihr schließlich zum Beinamen "das Athen Amerikas" verhalfen.

Die Räume der Massachusetts Historical Society
Oben rechts seht ihr das Foto eines Briefes von John Adams (Vater von John Quincy Adamas), den er am 03. Juli 1776 an seine Frau, Abigail Adams, aus Philadelphia schrieb - einen Tag nach dem Votum, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten vom Mutterland England erklären zu wollen.

Transkription:
"The Second Day of July 1776 , will be the most memorable Epoche in the History of America. I am apt to believe that it will be celebrated, by succeeding Generations, as the great anniversary Festival. It ought to be commemorated, as the Day of Deliverance by Solemn Acts of Devotion to God Almighty. It ought to be Solemnized with Pomp and Parade, with Shews, Games, Sports, Guns, Bells, Bonfires and Illuminations from one End of this Continent to the other from this Time forward forever more."


Freie Übersetzung:
"Der zweite Juli 1776 wird der gedächtnisträchtigste Tag in der Geschichte Amerikas sein. Ich bin geneigt zu glauben, dass dieser Tag von den nachfolgenden Generationen als alljährliches Fest gefeiert werden wird. (...) Er sollte gefeiert werden mit Pomp und Paraden, mit Spielen, Gewehrschüssen, Glockengeläut und Feuerwerk von einem Ende des Kontinents zum anderen für alle Zeit."

John Adams hatte recht. Die USA feiern tatsächlich alljährlich mit riesem Aufwand und Getöse ihre Unabhängigkeit... jedoch zwei Tage später, am 04. Juli, dem Tag der Proklamation ihrer Loslösung von England. Den "Vätern der Unabhängigkeit" schien dieser Tag dagegen weniger bedeutungsvoll zu sein. Einer notierte in seinem Tagebuch "das Wetter ist schlecht", ein anderer "habe Handschuhe für meine Frau gekauft". Tja, die USA werden nun aber wohl nicht mehr vom 04. Juli abrücken :)

Danach machte ich mich flux über das Brücklein nach Cambridge auf. Sinnflutartiger Regen stürtzte auf die Stadt herab. Die vom Wind hochgepeitschte Wellenhöhe des sonst so gemächlich dahingleitenden Charles River war schon etwas beängstigend, wie das Wasser so über die Brücke schwappte... Klitschnass kam ich in meinem Domizil an und wartete bis sich das Gewitter verzog, bis sich der Franz melden würde und bis schließlich die Sonne wieder in voller Pracht ihre Hitze verstrahlte.