Donnerstag, 9. August 2018

Boston: das Athen Amerikas und rote Socken (27.07.-03.08.2018)

So ein richtiges Wahrzeichen, wie der Eifelturm oder der Big Ben welche sind, hat Boston nicht. Das einzige, was wohl alle Amerikaner mit der Stadt auf Anhieb verbinden, sind die "(Boston) Red Sox" (rote Socken), ein Baseball-Verein.
Spitznamen hat die Stadt dagegen so einige: "The Cradle of Liberty" (Die Wiege der Freiheit), "Athens of America" (das Athen Amerikas) oder - ganz bescheiden - "The Hub of the Universe" (der Mittelpunkt des Universums).

Panorama der Stadt (Sonne satt, Freitag, 03.08.2018)
Panorama der Stadt (vor der Sinnflut, Sonnabend, 04.08.2018)
Mein Zwischenstopp in Reykjavik war von Boardingstress geprägt; keine Zeit für Walguggen oder Ponyreklame. Von Frischluftrüsseln konnte schon mal gar keine Rede sein. Der Flug von Berlin Tegel hatte sich auch am 27. Juli verspätet. Allerdings gereichten zwei Stunden sinnlosen Wartens in Berlin nur dazu, eben nicht gemütlich in Islands Hauptstadtflughafen umzusteigen, sondern veranlassten alle, flugs zum Gate zu drängeln. Vorbei an massenhaft verspäteten anderen Reisenden, die sich schon die Beine in den Bauch standen und mit einem entsprechenden, dünnen, Nervenkostüm bekleidet waren. Klamottentechnisch waren manche auch nur mäßig ausgestattet und entsprechend dürftig isländischen Flughafentemperaturen angepasst. Die Stimmung hätte also - bei allen und mir - besser sein können...

Egal, ich bin in Boston angelandet und habe auch meine Bude für die nächsten Tage auf Anhieb gefunden. Nicht ganz so schick wie die derzeitige in NYC, Bett und Dusche waren aber ok und ich konnte die Konferenzstätte auf dem MIT-Campus (Massachusetts Institute of Technology) problemlos spatzwandernd erreichen. Bei über 40°C und 90% Luftfeuchtigkeit war ich trotzdem jedesmal klatschnass, wenn ich pünktlich um 9:00 zum ersten Panel des Tages aufschlug. Zum Glück ging es allen so. Ob alle ähnliche Schuhprobleme gehabt haben, weiß ich nicht. Meine Birkenstocks jedenfalls kamen mit den aufgeheizten Gehwegen nicht ganz so klar. Zum Teil ist die Sohle am Beton und Asphalt kleben geblieben, entsprechend dünn sind sie mittlerweile besaitet...Ich dagegen war immer voll ausgestattet: mit Socken und Überwurf! Ich habe den Klimaanlagen in allen Seminarräumen also ein Schnippchen geschlagen und bin - oho! - von Husten, Schnupfen, Heiserkeit bis jetzt verschont geblieben. Die Anzahl der geschluckten Anti-Kopfschmerztabletten habe ich allerdings nicht mehr ganz parat...

Der "XVIII World Economic History Congress" war kurzweilig, was ein gutes Zeichen ist. Eine ganze Woche lang habe ich den neusten Berichten zu wirtschaftshistorischen Forschungen gelauscht, die sich mit der frühen Neuzeit beschäftigen. Auch ich habe brav meine Thesen über die sich gegenseitig verstärkenden Prozesse der Versklavung von Afrikaner*innen (Genderkorrekt!) an der westafrikanischen Küste und der voranschreitenden Institutionalisierung der Leibeigenschaft in Schlesien (im Webereigebiet) seit dem 16. Jhd. vorgetragen. Auch habe ich meine Berechnungen vorgestellt, wie hoch der Anteil der Spinn- und Webarbeit schlesischer Leibeigener und der Vertreib schlesischer Leinwand nach England, Frankreich, Spanien und Holland, die schlesische Leinwand als Tauschware im Sklavenhandel gebrauchten, an den Staatseinnahmen Preußens in der zweiten Hälfte des 18. Jhd. war. Summasummarum, Lob von allen Seiten :)   

Tja, am Freitag begann das Warten, bis dann klar war, dass der Franz es nicht schhaffen würde. Die Gelegenheit habe ich genutzt, um tiefer in die Bostoner und die engverknüpfte US-amerikanische Geschichte einzutauchen. Hier nehme ich den Faden vom Anfang wieder auf bzw. vertröste euch auf den nächsten Blog; dann erfahrt ihr nämlich, was es mit dem "Athen Amerikas" und der "Wiege der Freiheit" auf sich hat. Die "roten Socken" lasse ich außen vor. Ihr müsst nur wissen: Nein, ich war nicht so verrückt, mich ins Baseballstadium zu begeben und kann daher mit Baseball genauso wenig anfangen, wie zuvor :)