Freitag, 17. August 2018

New York: Distanzen


New York, was sonst?
Was heutzutage alles geht. Hat man sich früher gefreut, dass die Laptops endlich kleiner und leichter werden, ist man heutzutage nur mit Handy (und Akku) unterwegs. Selbst Blog-Schreiben  geht auf den Dingern inzwischen ganz gut. Ich liege daher in Washington auf der Couch und während Schwesterherz die Tasten ihres Urgesteins (Hä? Tippitoppi-Gerät!) beackert, wische ich mit dem Finger Worte per virtueller Handy-Tastatur, um New York Revue passieren zu lassen. 


New York ist… irgendwie gleichzeitig genauso, wie man es sich vorstellt, aber auch ganz anders. Zunächst einmal liegt NYC,  New York City also, in New York State und am Atlantik. Die Stadt besteht aus der südwestlichen Insel Staten Island, der zentralen Insel mit Manhattan und dem nördlich davon gelegenen Harlem. Manhattan wird durch den East River von Brooklyn und Queens getrennt. Manhattan selbst ist wiederum durch den Hudson von der Stadt New Jersey getrennt. Diese hässliche Darstellung von New York (rechts) haut zwar nur ungefähr hin, gehört dafür aber urheberrechtlich mir und muss zur Orientierung reichen.


Dem ersten Tag haben wir der allgemeinen Erkundung gewidmet und haben bei sengender Hitze und gezückter Metro-Karte dem Pulsschlag New Yorks, das U-Bahn und Brückensystem, begutachtet. Diagnose: Bei knapp 120 Jahren teilweise bemüht in Schuss, teilweise kurz vor’m Herzstillstand. Die Metro ist zum Glück nicht so beengt wie in London, wo man in den hitorischen Gängen bei Betrieb fast Platzangst bekommt. Dafür ist das Lüftungssystem aber wohl nie mit dem Betrieb mitgewachsen. Auf den Bahnsteigen herrschen teilweise 50°C ohne erkennbare Luftzirkulation, vor allem in der zweiten Etage unter der Erdoberfläche. Mein absoluter Traum also. Trotzdem geht alles mäßig geregelt zu und auch wenn die Beschilderung recht abenteuerlich sein kann und die Durchsagen grundsätzlich „#₩&??!“ lauteten, kamen die Züge häufig und alles ging ziemlich gesittet zu. Die Leute haben auch nicht immer die "Notausgangstür" genommen, anstatt der eigentlich vorgesehenen archaischen Drehtüren, was natürlich gleich Alarm auslöst, den deswegen auch keiner mehr Ernst nimmt...
 
Auf der Brooklyn Bridge gilt: Liebe ja, Schlösser nein! Man will ja nicht das schlechtere Paris sein (und vor allem die Brücke vor dem Kollaps bewahren!). 

Wir stiegen bei der Brooklyn-Bridge aus, einem Wahrzeichen New Yorks (auf der "Stadtkarte": blauer Strich). Da wir in Brooklyn wohnten, mussten wir täglich nach Manhattan. Schneller geht das mit der U-Bahn, aber die imposante Brücke hat in der Ebene über den sechs Fahrspuren einen "breiten" Fuß- und Radweg, auf dem man der berühmten Skyline entgegenschnecken kann. Zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung 1883 war die Brooklyn Bridge die längste Hängebrücke der Welt; sie übertraf alle zuvor errichteten in ihrer Länge um mehr als 50 Prozent. Natürlich ist die Brücke heutzutage vollkommen verstopft. Warum Radfahrer sich einbilden, dort mit Karacho rüberjuchten zu müssen bzw. zu können, bleibt ein Rätsel.

Anki trachtet natürlich nach den Bildern ohne Menschen - verzerrt vollkommen die Realität!
Manhattan selbst bildet schon einen recht imposanten Anblick. Vor Allem fällt einem auf den typischen Fotos nie auf, wie verziert die alten Wolkenkratzer sind: Ornamente an den Fenstern und Fassaden, Türmchen und Schmuckbögen dekorieren die Riesengemäuer. Dagegen sehen die modernen Glasfassaden schon langweilig aus.  


Die Brooklyn-Bridge lädt einen quasi direkt an der Wall Street ab, und von da ist es nicht weit zum Ground Zero, dem Ort, an dem die Zwillingstürme (und weitere Gebäude) des Welthandelszentrums  standen. An deren Stelle sieht man heutzutage schwarze viereckige Brunnen, in denen das Wasser in Kaskaden in einem Schlund verschwindet. An den Rand der Brunnen sind die Namen der Opfer vermerkt, die am ihrem jeweiligem Geburtstag Plaste-Blumen angesteckt bekommen. Was auch immer im dazugehörigen 9/11- Museum zu sehen ist, die Schlange ist riesig. 

Ehemals ein Zwillingsturm, jetzt ein schwarzes Loch
Man ließ sich das Gedenken auch einiges Kosten: Ein weißer Bau, eigentlich die U-Bahn-Station, gleicht einer abhebenden Taube - und kostete statt der veranschlagten knapp zwei Milliarden natürlich das Doppelte. (Wie der Tour-Führer in der 1897 fertiggestellten Kongressbibliotek in Washington witzelnd feststellte, war das Bibliotheksgebäude wohl das letzte Geäude in  den  USA, dessen Kosten am Ende sogar unter dem Veranschlagten Baupreis gelegen hatten.)


Wir waren aber eher an einem anderen Bauprojekt interessiert: der High Line. (auf der "Stadtkarte": gründe Linie) Die High Line ist eine 2,33 km lange, nicht mehr als solche genutzte Güterzugtrasse im Westen von Manhattan, die von 2006 bis 2014 zu einer Parkanlage, dem High Line Park, umgebaut wurde. Ursprünglich 1932 in Betrieb genommen, erfolgte die Erschließung der Industriebetriebe durch Gebäudeanschlüsse im 2. bzw. 3. Obergeschoss der Fabriken und Lagerhäuser. In den 1950er Jahren ging aber die Nachfrage nach Schienenanschlüssen durch die Fabriken und Fleischereibetriebe zurück, v.s. durch die LKW- Konkurrenz und weil das Gewerbe aus Manhattan auszog. In den 1960er Jahren wurde der südliche Abschnitt der High Line abgerissen- der Rest ist heute Park mit perfekten Blick auf die Straßenschluchten Manhattans. Und weil die Touristen so wieder nach West-Manhattan flanieren (und chronischer Platzmangel herrscht),  ist das ganze Viertel in Baumaßnahme. In ein paar Jahren wird ein komplett neues Viertel entstanden sein. 

Es gibt sogar eigenen High Line Honig zu kaufen. Der Park wird durch eine Freiwilligenorganisation verwaltet.
Die High Line beginnt im Westen Manhattans im unteren Drittel und geht faaaast bis zum Central Park, den man ja bei Gelegenheit auch noch besuchen könnte. O-Ton Anki. Sind ja nur 10 km vom unteren Zipfel, wo die Brücke ist. Am Ende brauchten wir gute 3 Stunden, um überhaupt den High Line Park zu erreichen. Für die lumpigen 2 Komma Kilometer Park auch nochmal eine. Danach Füßchen platt. Nix Central Park, zudem dringend eine Toilette und Kuchen her mussten!  Wie fuhren also zum Bryant Park, malerisch vor der städtischen Bibliothek gelegen. Beide mit entsprechend wichtigen Örtlichkeiten ausgestattet. Und ja, die Architektur ist auch ganz schön.  ;)
New York's öffentliche Bibliothek und ein Lesesaal
Die Amerikaner säuseln ja wie der Rest der modernen Welt von ihren demokratischen Errungenschaften und haben diesen immerhin schöne Steindenkmäler gesetzt. Das Gebäude im Beaux-Art-Stil (Zitat Broschüre. Wie fast alles ein griechisch-klassisch angehauchtes Gebäude. Demokratie halt und so) wurde 1911 eröffnet und spagatiert wacker zwischen Tourismus-Magnet und Lese-Ruhe-Oase. Unser Reiseführer nennt die Institution ein schönes „Geschenk der oberen Zehntausend“. In der Tat pinseln oder plakettieren die Amerikaner an jeden restaurierten Saal, jede Ausstellungsecke und jede neue Kloschüssel, wer wieviel Geld dafür locker gemacht hat. Die Rolle von Stiftungen ist da natürlich nicht neu, die Prominenz von Privatstiftern fällt jedoch auf. 

Danach Füßchen noch platter und ab ging's, nach Brooklyn zurück!