Freitag, 24. August 2018

Washington, weißer Marmor und "weise" Männer

Halb zehn war unsere Zeit; unsere "Eintrittszeit" ins Capitol. Wie immer, hatte ich im Vorfeld "Tickets" gebucht. Unentgeltlich aber nötig, möchte man sich nicht in die Warteschlange stellen, sondern sofort zur Besichtigungstour zugelassen werden.

Baubeginn des "ersten" Capitols war am 18. September 1793, als George Washington den Grundstein "legte". England, gar nicht glücklich, über die immer stärkere Abkopplung der jungen Vereinigten Staaten vom "Mutterland", schickte seine Truppen 1814 auch in die junge Hauptstadt. Die Verwüstungen des Gebäudes machten eine Generalüberholung nötig und wurde zudem genutzt, die Fassungskapazität des politischen Zentrums der USA, als Sitz des Senats und des Repräsentantenhauses, zu erweitern, so dass 1826 auch die beiden Seitenflügel fertig gestellt wurden. Bereits 20 Jahre später hatten auch viele der neuen Mitgliedsstaaten ihre Abgeordneten nach Washington geschickt, dass ein Erweiterung des Capitols wieder bitter nötig wurde. Im Grunde genommen, wurde der Gebäudekomplex in den nachfolgenden Jahren ständig immer wieder erweitert, zu letzt 2008, als die Besucherempfangshalle eingerichtet wurde, in der die Besichtigungstouren starten.

Das Capitol von allen Seiten: von rechts vorn, von vorn, von "unten" und von hinten (mit dem Franz davor)

Die Rotunde (drittes Bild oben) wird von vielen als das "Herz" des Capitols angesehen. Unter ihrem Dach fanden Staatsbegräbnisse seit der Regierungszeit Abraham Lincolns statt. Im "Keller" des Capitols wurde sogar ein Sarg platziert, in dem die Gebeine des Nationalhelden Washington nachträglich zur letzten Ruhe gebettet werden sollten. Die Pläne wurden jedoch nie realisiert; mittlerweile dient der Sarg samt Keller als optimaler "storage room", dient also als Abstellkammer für alles Mögliche, dass sicher und trocken gelagert werden muss :) Das Fresko ganz oben, hier zugegebener Maßen schlecht zu sehen, sieht ein bisschen wie das "Letzte Abendmahl" aus, zeigt aber die "Vergöttlichung Washingtons". Na ja, Abendmahlig eben. 

Nach einem ziemlich pathetisch-patriotischen Filmchen "Out of Many, One" (Aus vielen, Eins), in dem die Freiheit glorifiziert wird, mit dem die Amerikaner alle beglückt haben, konnte es losgehen, das Gebäude von innen in Augenschein zu nehmen. Viel Marmor, viele pathetisch-patriotische Breitbildleinwandmalereien und Zurschaustellung bedeutender Persönlichkeiten in Form von Statuen. Jeder Bundesstaat der USA darf immer nur zwei Statuen gleichzeitig im Capitol aufstellen. Wenn eine "Persönlichkeit" in Vergessenheit gerät oder sich die Zeiten ändern und es sinnvoll erscheint, andere "Persönlichkeiten" ins rechte Licht zu rücken, werden die Statuen auch mal ausgewechselt. Franz hat festgestellt, je neuer die Plastiken, desto hässlicher werden sie :)

Das Capitol innen. Rechts unten: Robert Fulton, ein Name, den wir nicht so schnell vergessen werden. In NY gibt es sowohl in Manhattan, als auch in Brooklyn eine U-Bahnstation "Fulton Street" und durch beide sind wir häufig durchgefahren. Robert Fulton (1765-1815) war ein Ingenieur und konstruierte in den 1790er Jahren ein U-Boot "Nautilus". Ihm zu Ehren nannte Jules Verne das Unterseeboot von Cap. Nemos ebenfalls "Nautilus".

Durch einen Verbindungstunnel zwischen dem Capitol zur Bibliothek schritten wir in Richtung der Library of Congress. Eine Bibliothek, die wahrlich zu beeindrucken weiß. Die Kongressbibliothek ist die "größte", im Sinne von umfangreichster, Bibliothek der Welt. Zu letzt übergab "Twitter" sein gesamtes "Tweetarchiv" an die Bibliothek. Denkt daran, wenn ihr zwitschert, irgendwann werden Rechenmaschinen entwickelt werden, mit denen man alle Milli-, Billi-, Trilli-, Cillimillionen Tweets recherchieren kann und dann könnte es peinlich werden!

Die Bibliothek wurde 1800 eröffnet, als John Adam schlauerweise erkannt hat, dass es ganz sinnvoll sein könnte, alle Abgeordneten könnten sich (weiter)bilden und zur Not auch mal das ein oder andere nachschlagen, wenn sie mal keinen Durchblick bei bestimmten Themen haben. (Kluger Mann) Als die Briten Washington niederbrannten (1814), litt natürlich auch die Bibliothek. Doch auch Jefferson hatte den Wert an Wissen erkannt und vermachte der Bibliothek testamentarisch seine Privatbibliothek. Nach heftigem Streit unter den Abgeordneten, ob man den auch wirklich Bücher über Philosophie und antiker Rechtsgeschichte oder in italienischer Sprache bräuchte, setzten sich die Befürworter einer vollständigen Übernahme durch und der Grundstock für die heutige Kongressbibliothek wurde gelegt. jedes Mal, wenn ein Erweiterungsbau fertiggestellt war, war bereits absehbar, dass man mehr Platz brauchen würde :) in den 1990ern ist man auf den Trichter gekommen, dass rauchende Mitarbeiter nicht ganz so toll als Bibliothekare geeignet sind und beschloss eine grundlegende Renovierung des Gebäudes. Einige waren wohl sehr erstaunt, als sie feststellen mussten, dass die Bibliothek ein weißes Marmorinterieur hat und die Wände lückenlos mit Wandmalereien bedeckt sind. Mittlerweile erstrahlt alles wieder im Original-19. Jhd.-Zustand und Rauchen ist natürlich absolut tabu.

Library of Congress; oben rechts: der junge und der alte Student.
Die Bilder und Plastiken stellen Allegorien dar: die Künste, die Wissenschaften, das Handwerk, der vernünftige und wissbegierige Mensch... Irgendwie überladen, aber dann doch stimmig zusammenpassend, obwohl die Innenausgestaltung 17 verschiedenen amerikanischen Künstlern mit 17 eigenen Vorstellungen von "Bibliothek" und "Wissen" überlassen worden war. Sehenswert auch der Hauptlesesaal...

Putten des Handwerks und der Hauptlesesaal
Die Gutenbergbibel fanden wir nicht mehr ganz so spannend, so viele, wie wir schon gesehen haben :) Viel interessanter war die Info, dass die Bibliothek die erste war, die ein "Laufband" für Bücher zw. Bibliothek und Capitol eingerichtet hat und dabei das Problem gelöst hat, das Band um die Ecken zu verlegen. Das entwickelte Prinzip kann heute an jedem Flughafen beim Kofferabholen besehen werden. Die hatten damals schon was drauf. Natürlich sind auch allerhand anderer Schätze ausgestellt, darunter die Waldseemüller-Weltkarte, die die USA der Bundesrepublik vor ein paar Jahren für 10 Millionen US-Dollar abgekauft haben. Diese einzig noch erhaltene Originalkarte von 1507 zeigt(e) zum ersten Mal den Kontinent, den Kolumbus "entdeckt" hat, mit der Bezeichnung "America". 

Joah, nach Alldem war die Tageszeit schon erheblich vorangeschritten. Wir schauten noch "kurz" im Naturkundemuseum vorbei und ließen uns als Homo Heidelbergensis (lebte vor 600.000-200.000 Jahren) und Homo Floresiensis (lebte vor 50.000 Jahren) "ablichten" :) 

Na, wer is' wer?