Unser zweiter Tag in NYC begann "stressig". Ich hatte bereits für 9:30 Uhr Fährentickets für die obligatorische Überfahrt zur Freiheitsstatue und Ellis Island gebucht. Jeder New York-Erstlingsbesucher muss dorthin und in schwesterlicher Fürsorge habe ich vorausschauend Tickets vorgebucht, um nicht Schlangestehen (in praller Sonne!) zu müssen. Mein Gedanke, es könnten um diese frühe Uhrzeit weniger Menschen aufgestanden sein, um ebenfalls auf die beiden Inseln im Hafengebiet der Großmetropole zu schippern, war geradezu tollkühn. Zu Hunderten standen sie bereits an. Zum Glück hatten nicht alle so vorausschauende Schwestern und mussten erst am Eintrittskartenschalter anstehen, bevor sie sich zu Franz und mir in die Warteschlange vor dem Fährterminal gesellten - hintenan, wohlgemerkt.
Am lustigsten während der Überfahrt ist das Beobachten der Menschenmenge, die sich erst an einer Seite der Fähre positioniert, um einen möglichst guten Blick auf die sich nähernde Kollossdame zu erhaschen und um tausende Fernaufnahmen zu schießen. Anschließend, wie auf Kommando, drehen sich alle Fotographen mit dem Rücken zur Statue, raffen alle Familienangehörigen um sich herum zusammen und schießen weitere tausend Selfies von sich und der eben noch gerade so zu erahnenden Freiheitsstatue, die mittlerweile völlig von hunderten von in die Höhe gestreckten Kammeras und Handys verdeckt wird. Beginnt das Fährschiff mit dem Andockmannöver - es dreht sich also um 180° - macht die Menschenmenge kehrt und rennt mit den immer noch erhobenen Aufnahmegeräten zur anderen Seite des Decks, um - na klar - weitere fünfhundert Fotos von der halb von der Anlegestelle verdeckten Statue zu machen. Ich bin keine Expertin, aber unter diesen 3.000 Aufnahmen pro Linse ist keine einzig gute dabei, jede Wette!
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| Links: Auf die Plätze, fertig, LOS! Handys raus! Rechts: Franz mit neuem Kumpel und Limo |
Wir gingen es gemütlich an. Am zweiten Limonadenstand - nicht am ersten, wir sind ja nicht blöd! - erstanden wir zügig eine Riesenlimonade (die Bechergrößen passen sich dem Fassungsvermögen einiger Menschenkörper an, die schließlich gefültt werden wollen...) und schlenderten dann in einem Bogen um die Freiheitsstatue herum. Jede Menge freie Sicht auf "Lady Liberty" vor wolkenlosem, strahlendblauen Himmel.
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| Suchbild: Statue von allen Seiten. Franz mit Limobecher und Tasche. Menschenmassen drumherum. |
Völlig entspannt bestiegen wir die nächste Fähre und fuhren von "Liberty Island" zu "Ellis Island", lange Zeit Sitz der Einwanderungsbehörde. Diese zentrale Sammelstelle für alle Einwanderungswilligen war einem "Ankerzentrum" gar nicht unähnlich. Allerdings wurde "nur" ca. 2% der Neuankömmlingen tatsächlich die Einreise in die Vereinigten Staaten verwehrt. Man konnte ja z.B. als mittellose Frau vor Ort einen Brief-Vermittelten heiraten (oder auch einen Mitreisenden, dann stand der Brief-Kollege dumm da). Oder man hatte sich für die Bezahlung der Überfahrt sowieso schon als "Sklave auf Zeit" verkauft, so dass man einen Arbeitsplatz hatte. Bei den Abgelehnten werden wohl auch diejenigen nicht gezählt, die aus dem Krankenhaus nur noch aufgebahrt herauskamen.
Die Ausstellung haben wir zum größten Teil nur halb mitgenommen - wie würde Franz schreiben? - zu groß, zu viel, zu viiieel auf einmal. Man bemüht sich jedenfalls, die Wurzeln Amerikas als Einwanererland dick und fett zu unterstreichen, wobei in der Ausstellung auch die Anti-Immigrationspropaganda beleuchtet wurde. Man bräuchte auf den Karrikaturen eigentlich nur das Datum ändern und könnte sie heute in gleicher Form wieder finden.
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| Links oben: Menschenmassen drängen auf/ von die/ der Fähre. Rechts oben: Eingangshalle des Hauptgebäudes und Sammelstelle der ankommenden Immigranten.Von den Ballustraden beobachteten Ärzte die Menschen und notierten sich "auffällige" Personen (blind, krank, altersschwach usw.) Unten: Hauptgebäude. |
Nach einem "amerikanischen" Mittagessen - Pitabrot mit Mozarella und Fritten - drehten wir eine Runde um die Insel und entdeckten die "American Immigrant Wall of Honor", die bei meinem ersten Besuch noch nicht gestanden hatte. In der rondellhaft angelegten Wand sind Namen von Einwanderern eingraviert, sofern sich Nachfahren gefunden haben, die 100 $ zur Errichtung des Denkmals zu spenden bereit gewesen sind. "Steffen" fand sich auch ein paar mal unter den Nachnamen...
Zum Schluss musste noch ein Annodazumalgedächtnisfoto her. "Annodazumal", weil mir nicht mehr auf Anhieb präsent war, wann ich zum ersten Mal da gewesen bin... (Es war 2012)
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| Genau so ein Foto, von der gleichen Stelle, muss es in diesem Blog schon geben, mit blonden Haaren! |
Nach Anlandung auf dem Festland fällt der New-York-Besucher von der Lady, die die "Freiheit, Sicherheit und Zukunft" aller Amerikaner bewacht (O-Ton im Museum...) quasi wie von selbst auf die Wall Street, wo das Geld bekanntlich auf der Straße liegt. Geld haben wir keines gefunden, dafür konnten wir die Masse von Menschen die den "Charging Bull" belagern, gar nicht übersehen.
Der angriffsbereite Stier soll den aggressiven Finanzoptimismus der New Yorker Börse symbolisieren. Der Künstler, Arturo Di Modica, hatte im Dezember 1989 die Frequenz der Polizeipatroullien auf der Broad Street ausgekundschaftet und festgestellt, dass er seine 6 Meter lange Statue in nur 4,5 Minuten würde aufstellen müssen, um noch rechtzeitig verschwinden zu können, bevor die nächste Streife angefahren käme. Dumm war nur, dass am Tag, bevor er und seine Freunde den Stier mit dem LKW vorfahren und abstellen wollten, ein großer Weihnachtsbaum aufgestellt worden war und die Durchfahrt blockierte. Der Stier wurde daher vom Künstler "unter" den Weihnachtsbaum "gelegt". Zwar wurde der Stier entfernt, hatte aber bis dahin so viele Schaulustige angezogen, dass man beschloss, die Skulptur dauerhaft aufzustellen. Mittlerweile ist er ein Touristenmagnet und Glückssysmbol der Wall-Street-Händler.
In der Nacht vom 7. zum 8. März 2017 tauchte eine weitere Bronzestatue auf. Ein "fearless girl" (unerschrockenes Mädchen) stellte sich dem Bullen mutig entgegen. Die Künstlerin Kristen Visbal wollte am internationalen Frauentag auf den geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen innerhalb der börsennotierten Unternehmen hinweisen. Auf Grund der Beliebtheit des neuen Ensembels blieb auch die Mädchen-Statue an Ort und Stelle und ist nun ebenfalls vor lauter fotowütiger Touristen kaum noch zu sehen.
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| Links: Stierschwanz kuckt über den Menschenköpfen hervor. Rechts: Mädchen von hinten, umarmt von wem auch immer. |
Danach schlenderten (Franz würde einwerfen: "marschierten!") wir nach und durch Soho, entdeckten einen Buchladen, Franz kaufte ein Buch - alles normal also. Zurück nach Brooklyn ging es nicht zu Fuß, sondern mit der Metro. (Meine Güte, ihr müsst dringend nachsehen, ob Franzens Füße wirklich platt/er geworden sind!)