Montag, 13. August 2018

Boston: Stadtgänge

Franz und ich waren nicht die einzigen, deren Flüge nicht pünktlich abgehoben bzw. in den USA gelandet sind. In München wurde ein Terminal ganz gesperrt, in Osaka wütete ein Taifun... ergo, meine vorkonferenziellen Traffen fielen allesammt aus und ich hatte plötzlich ein Wochenende lang Zeit zum Sightseeing, bevor die "World Economic History" Konferenz am Montag (30.07.2018) richtig beginnen sollte. Meine beiden Stadtwanderungen, die - wie bereits erwähnt - bei über 40°C im Schatten und auf den aufgeheizten Gehwegen zum substanziellen Sohlenverlusst meiner Latschen fühhrten, haben mich durch das Bostoner Stadtzentrum und die Stadtteile Cambridge sowie Charlestown gelenkt.

Boston ist eine erstaunlich grüne Stadt. Überall gibt es kleinere Parks und begrünte Ecken mit Sitzbänken im Stadtgebiet sowie großzügig angelegte Erholungsräume am Charles River, dem Fluss, der Boston in zwei Hälften teilt. Trotzdem war der flimmernden Luft kaum ein freier Atemzug abzutrotzen. Durch die Hitze lag ein permanenter Dunst über dem Fluss und entsprechend "diesig" mutete das Wetter an, obwohl kein Wölkchen am Himmel war. Vielleicht weil in der Stadt jährlich der Boston Marathon ausgetragen wird, sind einige Bostoner so verrückt, auch bei diesem Wetter jappsend und arg nach Luft hächelnd in Scharen die Laufwege zu bevölkern. Ich muss gestehen, die Sohlen meiner Laufschuhe habe ich geschont :)

Ich habe am Sonnabend zunächst den Weg von Zentral-Cambridge (rechtes Flussufer) zum Charles-River ausgekundschaftet, um in der kommenden Woche meinen "Arbeitsweg" zum Konferenzzentrum (MIT-Campus) möglichst schatten-strategisch angehen zu können. Nachdem ich festgestellt hatte, dass ich fast in Gänze unter Bäumchen oder im Schatten der Labor- und Werkelstätten des Technologiezentrums zu Fuß zu erreichen kann, bin ich am Fluss weiter in nordöstlicher Richtung zum Wissenschaftsmuseum spaziert und habe dort den Wasserlauf nach Boston überquert. Am anderen, linken, Ufer bin ich dann die exakt gleiche Kilometerzahl in westlicher Richtung, durch den Flusspark, bis in die Bostoner Innenstadt zurückgelaufen. An der Trinity Church und der Public Library angekommen, befand ich mich auf mitten auf der Boylston Street, der Pulsader der Stadt.

Boston; unten links: Trinity Church; unten rechts: Häschen am Rand der Boylston Street


Public Library (Öffentliche Bücherei)
Danach bin ich im Zick-Zack-Kurs durch die Stadt, weil ich beschlossen hatte, immer dorthin zu gehen, wo die Fußgängerampel gerade auf gün stand. Diese Taktik sorgte immer für ein wenig "Gegenwind" durch Eigenbewegung :) Ich kam also an der South Station (Bahnhof Süd) und der "Bostoner Teeparty" vorbei, durchquerte China Town und gelangte schließlich wieder ins nähere Stadtzentrum zurück, in den Stadtpark. Der Park ist hervorgegangen aus dem ältesten öffentlich zugänglichen botanischen Garten in den USA (1837) und ist immer noch ordentlich bepflänztelt.

oben und unten links: Stadtpark (bewacht von George Washington); unten rechts: Kreuzung vor dem Süd-Bahnhof
Als ein absolutes Highlight im Park entpuppte sich eine Bronzeskulptur einer Entenfamilie. Das "Make way for the ducklings"-Denkmal (Straßen frei, die Enten kommen) wurde zu Ehren des 1941 erschienen gleichnamigen und wegen der Illustrationen sehr erfolgreichen Kinderbuches aufgestellt. Je nach Saison werden die Ente und Entchen neu eingekleidet (so ähnlich wie in Kamakura die Spatzen...). Den Kleidungswechsel haben sie - anders als die japanischen Spatzen - dringend notwendig, da sie als Zaumzeug für angehende Rodeoreiter herhalten müssen.

Entenfamilie, oft als Reittiere von Klein und Groß missbraucht...
Nach dieser ersten Erkundungstour war ich abends doch ziemlich groggy. Zu meinem Erstaunen habe ich festgestellt, dass sich tagsüber von 5 Litern Wasser gelebt habe...

Am Sonnatg (29.07.) beschloss ich den Tag mit einem Fußmarsch in entgegengesetzter Richtung anzugehen. Von Zentral-Cambridge nach Harvard läuft man gemütliche 25 Minuten. Der Universitäts-Campus und "John Harvard" waren allerdings schon mit hunderttausenden Chinesen voll und ich verkroch ich mich in die "Tatte Bakery". An dieser Stelle möchte ich zum respektvollen Innehalten anhalten, denn ich verleihe der "Tatte" den Titel der besten Cafe-Bäckerei der Welt! Hm, lecker! Und die heiße Schokolade erst... Jedenfalls, von Harvard & Co. im folgenden Blogeintrag mehr. 

Gestärkt strapazierte ich die Sohlen meiner Latschen noch etwas weiter, aber sie brachten mich dienst- und pflichtbewusst nach Charlestown, einem der ältesten Stadtviertel Bostons. Ehemals Hafenstadt und - ihr ahnt es bereits - Anlaufplatz für schlesisches Leinen :) Mittlerweile kommt das Viertel als schickes Stadthausareal daher, wo die besserverdienenden Bostoner ihre Wohnungen unterhalten. Der Großstadttrubel ist nah genug, ohne von ihm umgeben zu sein. In einer ruhigen Ecke habe ich den von Tracy und Sophia liebevoll eingerichteten, wundervollen Teeladen "Teas & Treats" entdeckt. Der erste (und bis jetzt der einzige) ungesüßte, aber sehr schmackhafte Tee mit Zitrone, den ich in den USA getrunken habe! Auch der Bagel mit gerösteten Zwiebeln und geschmolzener Butter war einfach himmlisch... 

"Um die Ecke" liegt die "USS Coonstitution" vor Anker. Das Kriegsschiff wurde 1797 zu Wasser gelassen und begleitete amerikanische Handelsschiffe als Begleitschutz über die Ozeane. Zahlreiche erfolgreiche Abwehrmannöver und überstandene Kanonenbeschüsse brachten ihr den Spitznamen "Old Ironsides" (Alte Eisenwand) ein. Nach Dienstende dockte sie dauerhaft in Charlestwon an und kann nun besichtigt werden. Ich hätte einen idealen Matrosen abgegebn... also größentechnisch: Ich passe problemlos in jedes (Unter)Deck :)

Charlestown und die USS Constitution
Nach einer gesunden, aber reichhaltigen Bananen-Erdbeer-Chiasamen-Joghurt-Mischung ging es ab zurück. Ich musste schließlich meine Power-Point-Präsentation für meinen Vortrag noch fertig machen...