Sonntag, 31. Juli 2016

Wissenschaft

Ich habe mir heut', als ich auf dem Nachhauseweg in der Metro wieder einigermaßen aufgetaut bin, gedacht, ich müsste doch den Blog weiter schreiben solange ich noch kann. Wenn ich ersteinmal schockgefrostet und für die Ewigkeit im Nationalarchiv auf dem Stuhl festklebend konserviert worden bin, ergibt sich nämlich keine Gelegenheit mehr. Fünfzehn Grad im Leseraum sind übertrieben, findet ihr nicht? Also ich find's besch... mit blauangelaufenen Fingernägeln noch etwas in den Compi tippen zu wollen... Ich meine, Archivalien gut klimatisiert aufzubewahren ist ja gut und schön, aber die müssen mich doch nicht "frisch halten"!

Jedenfalls bin ich von Montag bis einschließlich Sonnabend im Dienste meiner Dissertation unterwegs und hol' mir während meiner hochkonzentrierten Sitzungen irgendwann noch DEN Husten und Schnupfen, den ich nicht gebrauchen kann. Klimaanlagen, wer hat die doch gleich erfunden?
Die Woche teilt sich bis jetzt mehrheitlich in Fahrten zum Nationalarchiv und zur Nationalbiliothek (im Grunde auch ein Archiv). Am ersten Montag in London war ich zudem in der Guildhall Library, habe aber nichts für mich finden können; letzten Montag (25.07.) war ich im Parlamentsarchiv, wo ich meine Recherchen aber bereits einstellen konnte, weil auch dort nichts für mich zu holen ist. Am nächsten Montag habe ich mir das Archiv des Marinemuseums vorgenommen, aber davon dann nächste Woche mehr.

National Archive (Kew)
Leider scheint mittlerweile die Sonne nicht mehr ganz so schön vom Himmel, wie am Tag der Aufnahme. Als es nämlich noch warm war, konnte ich mich zur Mittagspause wenigstens zum Auftauen auf eine Bank am Teich setzen und den Enten beim Watscheln zusehen. Heute musste ich mit Kazuo in der Kantine sitzen und Teechen trinken.

Es ist schon komisch, wen man so alles trifft: Von Kazuo, der zu Indischen Baumwollstoffen im Senegal im 19. Jahrhundert forscht und der letzte Woche seine Dissertation verteidigt hat, wusste ich dass er da sein würde, um nach Unterlagen zu suchen mit denen er seine Diss "verbessern" und ein Buch verfassen kann. Allerdings traf ich auch Jody wieder, mit dem ich gefült erst gestern in Kanada unser gemeinsames Panel bestitten hatte. Letzte Woche in der Mittagspause stieß auch Karolina zu uns, die ich vor drei Jahren in Warwick kennengelernt hatte. Ich bin eigentlich nie alleine beim Essen :)

Wenn ich dann wieder in den Gefrierschrank namens Leseraum muss, dann warten Kartons mit Briefen auf mich. Leider hatte Thomas Hall seine Karriere im "Ostindien"handel angefangen, weswegen viele Briefe aus "Calcutta" und "Bombay" zu finden sind. Erst später, als es mit dem Teehandel nicht mehr ganz so viel zu verdienen gab, wandte er sich nach Afrika und den Sklavenhandel zu, um seine menschliche Fracht anschließend nach "Westindien" zu verschiffen. Leider sind diese Briefe natürlich in der Unterzahl..., aber ich habe mich durch 5 Kartons durchgelesen! FÜNF! Leider finden sich keine Hinweise auf schlesische Kaufleute, jedenfalls nicht namentlich. Klar ist aber, er hat die Leinwand aus Rotterdam bezogen und der Herr Senserf aus eben jener Stadt hatte Lieferanten aus Schlesien. Ein Anfang.

Oben: Fünf große Kartons mit ungeordneter Korrespondenz | Unten: kleine Lichtblicke. 1732 hat Thomas Hall 3000 Stück "Sletias" geordert (neben 2000 Stk. schmaler Britanias, und 1200 Stk. breiter Britanias). "Sletias", ihr werdet's erraten haben: schlesische Leinwand!
Viele Bücher gewälzt habe ich sonst in der "British Library" (Nationalbibliothek), die bei mir um die Ecke steht, gleich hinter dem Bahnhof "King's Cross". Was ich gar nicht wusste - ja mir nicht einmal vorstellen konnte - ist, dass die Briten und Iren ihre Kolonialgeschichte auch über die Edition von Kaufmannskorrespondenz aufgearbeitet haben und - wie neuere Publikationen zeigen - immer noch aufarbeiten und so Jedem in Buchform zugänglich machen; ich also die Briefkopierbücher gar nicht im Original lesen muss. Briefkopierbücher sind klasse, weil sie alle Briefe in Abschrift enthalten, die von den Kaufleuten verschickt wurden, damit diese den Überblick über ihre Geschäfte nicht verloren. Man als Leser also die chronologische Abfolge von Bestellvorgängen, Beschwerden und Zahlungen nachverfolgen kann - gesetzt den Fall, solche Bücher haben sich erhalten, was leider nicht sehr oft der Fall ist. Wenn dann auch noch die Briefeingänge überliefert sind, ist das natürlich das Beste, was einem passieren kann.

Ich habe also Briefkopierbücher gelesen und festgestellt, dass diese mehrheitlich von Eisenwarenhändlern herrühren oder aber von Leinwandhändlern aus Irland, die natürlich irische und manchmal auch schottische Textilien gehandelt haben, aber keine fremden importiert haben. Da ist also Nichts für mich zu holen. Allerdings habe ich eine ansehnliche Dattenbank mit Namen angelegt, die ich nach und nach in den Archiven ausfindig zu machen gedenke, um dann - hoffentlich noch vor dem 24. September - auf eine Goldader zu stoßen. 

Das Ambiente der Bib lässt nichts zu wünschen übrig, auch wenn sie von außen etwas hässlich daher kommt. Leider gilt dort drin ein strenges Photographierverbot, so dass ich auf zwei offizielle Fotos der Bibliotheks Pressestelle zurückgreifen muss.

Die "British Library", liebevoll auch als "BL" abgekürzt. Mit über 170 Millionen Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Video- und Tonaufnahmen, Gemälden und Briefmarkensammlungen hat sie den größten Medienbestand aller Bibliotheken weltweit. Außerdem hat sie - obwohl erst Ende der 1990er fertiggestellt - bereits Denkmalstatus. Der bronzene Riese soll Isaac Newton darstellen. Außerdem gibt es auf dem Vorplatz gemütliche Sitzecken und kleine Cafes (auf dem Bild nicht so richtig zu sehen).
Links: Die BL in ihrer ganzen Größe; dahinter, das Spitzentürmchengebäude, gehört mit zum Bahnhof St. Pancras/ King's Cross | Rechts: Innenraum der BL. Links, in den schwarzen, verglasten, 17-meterhohen Regalen, steht die Privatbibliothek von George III (1683-1760), die von seinem Nachfolger im Jahr 1823 dem Britischen Volk vermacht wurde. Von dieser Halle aus gelangt man dann zu den verschiedenen Lesesälen. Ich bin im "Seltene Bücher und Musik"-Lesesaal.
Pünktlichh 9:30 öffnen sich die Tore zum "Wissen der Welt" (Motto der BL/ "the world’s knowledge")
Jo, das sind also meine bisherigen wichtigsten Arbeitsstätten. Im Metropolitan Archive war ich noch nicht, muss ich aber noch hin. Einige Schiffsladungslisten warten am Montag (01.08.) im Marinemuseum auf mich. Aber morgen ist erst einmal Sonntag und mein freier Tag (obwohl ich natürlich in die BL gehen könnte, die hat schließlich immer offen; nur zu Weihnachten mal wirklich zwei Tage nicht...) Aber ich mach' trotzdem frei :)