Freitag, 8. Juli 2016

Von A wie Adapter bis P wie Pyramiden - Edmonton (II) 06.07.2016


Die Wettervorhersage war grottig - Regen, Wind, durchgehend bewölkt, am Abend Gewitter bei Höchsttemperaturen von 20°. Supersache.
Eine längere Wanderung war (wie ich zunächst beschlossen hatte) ausgeschlossen; nicht nur weil es draußen ungemütlich sein könnte, sondern weil der Tagesmarsch gestern mit einigen Blasen an Fersen, kleinen Zehen und Fußsohlen (!) zu Buche geschlagen hatte und ich ein wenig eirig unterwegs war... Ein idealer Tag also, um ausgiebig das E-Mailpostfach zu sichten, Blog zu schreiben, meinen Vortrag nocheinmal durchzugehen...

Kaum hatte ich meinen Läppi aufgeklappt und angeschaltet, ertönte auch schon das leise Piepen, welches mich auf den niedrigen Ladezustand der Batterie hinwies (Auf dem Flug nach Kanada hatte ich schließlich fleißig gearbeitet und einen weiteren Band der "Schlesischen Provinzialblätter" nach "meinen" Kaufleuten durchforstet (Band 22, erschienen 1795)). Kein Problem, Adapter habe ich schließlich mit. Tja, der Adapter passt auch in die kanadischen Steckdosen, nur das Computerkabel leider nicht in den Adapter. Ich hätt'... na ja, ihr wisst schon. Damit war ein vorläufiges Tagesziel klar: ein Adapter musste her, einer der sowohl in die Steckdosen passt, als auch das Kabel vom Compi schluckt.

Kaum eine halbe Stunde später, hatte ich einen Elektronikladen ausfindig gemacht. Der Name der Ladenkette war allerdings nicht Programm: Von wegen "Best Buy" (Bester Einkauf(spreis)); mein neuer Adapter war ziemlich teuer. Allerdings kann ich mit dem Teil nun auch weltweit die Steckdosen bestücken und mein elektrisches Equipment laden.

Auf meinem Weg durch Downtown viel mir auf, dass arg wenig Wolken den Himmel verhingen. Im Gegenteil, die Sonne schien, die 20° waren eher 25° und der Wind ist wahrscheinlich in den Urlaub gefahren, jedenfalls war Prachtwetter angesagt. Zum Hotel zurück und auf dem Zimmer Mails lesen war daher keine Option mehr. Mir kamen die Pyramiden in den Sinn, die mir gestern auf der Fahrt mit dem "Hoch-Zug" aufgefallen sind. Die stehen direkt am anderen Flussufer, sprich, so weit entfernt können die gar nicht sein. Gedacht, gegangen.

Kanadische Entfernungen gepaart mit Baustellensperrungen sollten jedoch nicht unterschätzt werden - das werde ich mir merken! Meine Blasen an den Füßen jaulten förmlich, als ich anderthalb Stunden später vor den fünf Glaspyramiden stand.

Die Pyramiden von Edmonton
Ihr denkt, die Glasdächer sehen wie Gewächshäuser aus? Seht ihr, wir müssen verwandt sein, denn diesen Gedanken hatte ich nämlich auch. Das beste dabei ist, wir haben recht :)
Die vier Pyramiden gehören zum botanischen Garten und drei von ihnen beherbergen Pflanzenwelten unterschieldicher Klimazonen. In der vierten werden häufig wechselnde thematische oder saisonale Bepflanzungen vorgenommen. Die fünfte, kleine, mittige lässt einfach nur Licht ins Foyer des Eingangsbereiches.

Muttart Conservatory
Da ich nun schon einmal da war, stellte ich mich den Temperaturextremen: tropisch-warm-feucht, heiß-trocken und die frischen Allerweltstemperaturen unserer herkömmlichen Breitengrade machhten ihren Namen auch alle Ehre.
Wahrscheinlich rührt meine verstopfte Nase heute von den zwanzig Minuten Allerweltsklima her...

Ansonsten weiß jeder von euch, wie ein botanischer Garten auszusehen hat und so sahen auch die gestalteten Rabatten in den Pyramiden aus. Die vierte wurde leider gerade neu bepflanzt, weswegen der Zutritt verboten war (habe auch 25% weniger Eintritt bezahlt).
 
Der Bau des Gartens (1976) wurde zum größten Teil von der "Muttart Foundation" co-finanziert, die 1953 von Gladys und Merrill Muttart ins Leben gerufen wurde. Während Gladys Muttart beim Aufbau des Kanadischen Diabetes Verbandes aktiv beteiligt war, war Merrill Muttart in der Baubranche tätig und machte mit dem Bau von Sozialwohnungen nach dem zweiten Weltkrieg enorme Gewinne. Mit dem Verkauf ihrer zahlreichen Firmen legten sie den finaziellen Grundstock ihrer Stiftung, die noch heute nachhaltige Bildungsprojekte und -einrichtungen unterstützt. Es gibt schlechtere Möglichkeiten Geld anzulegen.

Auf meinem Weg zurück, natürlich zu Fuß, erklomm ich wieder den Hügel, auf dem mich am vorangegangenen Abend die Mücken zu fressen versuchten, und hatte nun die Skyline von Edmonton vor himmelblauem Hintergrund vor mir.

Sauwetter sieht wirklich anders aus...
Ich beschloss auf anderem Wege zurückzulaufen, um so die rieisge Baustelle zu umzugehen, die meinen Zeitplan am morgen so gründlich über den Haufen geworfen hatte. Allerdings wusste ich da ja auch noch nicht, welche Lastkräne und Baugruben mich auf der anderen Route erwarteten... Schließlich kam ich doch beim Hotel an, nahm die dringend benötigte Dusche und machte mich zum Treffen mit meinen Mitstreitern auf - diesmal mit der Metro.

Unsere illustre Runde setzt sich zusammen aus: Miki Sugiura (Hosei Universität, Tokio), die einige Jahre in Amsterdam gelebt und gelehrt hat und sich mit dem Import billiger Stoffe aus den Niederlanden nach Südafrika beschäftigt (18.-19. Jhd.). Jody Benjamin (University of California, Riverside), der sich mit der Wirtschaftsgeschichte Westafrikas vor der Kolonisierung befasst, und vor allem nicht-europäische (auch mündlich überlieferte) Quellen in den Blick nimmt und dafür in Mali die Bamanankan Sprache und das N'ko-Schriftsystem erlernt hat (sehr untypisch für einen Amerikaner). Gabi Schopf (Universität Bern, Bern), die den Import und die Zirkulation von indischen Baumwollstoffen in der Schweiz in der frühen Neuzeit untersucht. Klar, dass meine schlesischen Leinenstoffe und ihr Export nach Übersee im langen 18. Jahrhundert perfekt dazu passen.

Nachdem wir nach dem dann doch eintretenden Regenguss zunächst ins Lokal geflüchtet waren, Jody die Nachricht erhalten hat, dass sein Koffer nun auch in Endmonton angekommen sei und Gabi gejetlagt schon am Einnicken war, löste sich unsre Runde auf und ich fuhr mit der Metro wieder zurück zum Hotel.