Montag, 11. Juli 2016

Diebe, Sklaven und Modenarren - Edmonton V (09.07.2016)

Auch am letzten Konferenztag wurde so einiges geboten. Die interessantesten drei Vorträge sollen hier kurz erwähnt werden.

Eine Doktorandin aus Baltimore stellte einen versierten Dieb im Philadelphia um die Jahrhundertwende (1800) vor, der seine (Misse)taten in einem Tagebuch aufgezeichnet hat. Ergänzt wurden ihre Quellen aus Gerichts- und Polizeiakten sowie Zeitungsartikeln verschiedener lokaler Zeitungen. Alle drei Quellengattungen belegen, dass mehr als die Hälfte der damals als gestohlen gemeldeten Dinge (im Falle des Diebes, der von ihm entwendeten Gegenstände) Textilien waren. Ein Indiz dafür, dass Kleidung, Bettzeug und Schnupftücher Wertgegenstände waren, die es wert waren, als vermisst gemeldet zu werden und über deren Verlust  man sich maßlos ärgerte. Für den Dieb boten sie jedoch eine Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit - neu ausstaffiert - als respektabler Gentleman zu zeigen und so sein Handwerk noch effektiver, weil legal, betreiben zu können. Beispielsweise eröffnete sich ihm mit den entwendeten Kleidungsstücken die Möglichkeit, im Pfandhaus den in einen vorrübergehenden finanziellen Engpass geratenen Gentlemen zu mimen, der dort seinen (gestohlenen) Sonntagsmantel gegen Bargelt würde abliefern können. Ein Vorgang, der im Allgemeinen nicht ungewöhnlich war, wie die Vortragende zu berichten wusste. In den Verleihnotizen kamen nämlich regelmäßig Verpfändungen von Sonntags(Kirchgang)kleidung vor. Das lustige dabei sei, dass viele Sonntagskittel zum Kirchgang ausgelöst wurden, um dann, nach dem Gottesdienst, gleich wieder ins Pfandhaus getragen zu werden. Was aus dem Dieb geworden ist, lässt sich nicht sagen; sicher ist nur, dass er elf Mal erwischt wurde und insgesamt wohl um die acht Jahre im Kittchen einsitzen musste. Der Gefängnisreform dieser Zeit sei Dank, wurde er immer wieder heil und unversehrt in die Freiheit entlassen und behielt daher alle nötige Fingerfertigkeiten, um seinen Beruf nach der Entlassung immer wieder aufs neue aufzunehmen zu können :)

Der zweite Vortragende versuchte zu ergründen, welchen textilen Besitz entlaufene Sklaven und Sklavinnen in Virginia (1740-55) auf ihrer Flucht bei sich trugen. Als Quelle dienten Anzeigen in Zeitungen, die von den Sklavenhaltern aufgegeben wurden und in denen beachtliche Belohnungen für alle in Aussicht gestellt wurden, die Hinweise lieferten, die zur Ergreifung des wertvollen Besitzes führten. Im Laufe des Vortrages wurde sehr deutlich, dass die Flüchtigen häufig nicht über charakteristische körperliche Merkmale ausfindig gemacht wurden, sondern an Hand dessen identifiziert werden konnten, was sie am Leib trugen. Die Anzeigen beschrieben nämlich sehr detaillreich die Anziehsachen, die der oder die Flüchtige zum Zeitpunkt seines/ ihres Verschwindens anhatte. Essentiell war daher, dass es den Flüchtigen so schnell wie möglich gelang, den Verbreitungsraum der lokalen Presse zu verlassen. Erst einmal weit genug entfernt, konnte man mit etwas Glück darauf hoffen, dass es innerhalb der neuen Gemeinschaft weit wichtiger war, was man handwerklich drauf hatte; wie sehr man also gebraucht wurde.

"The Old Plantation", John Rose (?), zwischhen 1785-95. Gut zu sehen, die verschiedenen Kleidungsstückmöglichkeiten, die Sklaven besitzen konnten: Hüte, Kopftücher, Hosen und Kleider in verschiedenen Farben und Schnittstilen (auch Materialien) usw.

Im dritten Beitrag wurde die Bezeichnung und die Verbreitung der als "Macaroni"-Mode bezeichneten Moderichtung diskutiert. Der Begriff "Macaroni" kam 1748 zum ersten Mal auf und fand seit den 1770er Jahren in England enorme Verbreitung. Übrigens: Der Begriff "Macaroni" rührt tatsächlich von den italienischen Nudeln her und bezeichnet den Kleidungsstil junger Engländer, den sie auf ihren Bildungsreisen, der sogenannten "Grand Tour", in Italien kennengelernt hatten und in dem sie gekleidet waren, als sie in ihre Heimat zurückkamen. Sagen wir, die Eltern der jungen Gentlemen waren not amused :)

Richard Bennett, 1774 | "What! Is this my son Tom?" (Was! Ist das mein Sohn Tom?), 1774
Zum Schluss der Konferenz wurden noch lobende Worte gesprochen und dann war sie auch schon vorbei. Ich muss sagen, ich habe mich nicht gelangweilt und das Essen war hervorragend! Ich hatte gar nicht erwähnt, dass an jedem Tag "Grundsatzreden" (keynote lectures) gehalten wurden. Der deutsche Begriff klingt so was von fehl am Platz... na ja; es waren Vorträge außer der (Konferenz)Reihe, die von Gästen zu bestimmten Themen gehalten wurden: Am ersten Tag zur Bekleidung im maoistischen China, am zweiten Tag zu Heiratsmoden in Zambia und am dritten zum Kleidungsstil junger mexikanischer adeligerr Frauen (16.-18. Jhd.). Entsprechend wurden die Häppchen am Buffett in den Pausen angepasst: Frühlingsrollen, afrikanisches Fingerfood (keine Heuschrecken) und schließlich Taccos. 

Nachdem wir uns also alle gegenseitig Beifall geklatscht hatten, war der offizielle Teil vorbei. Der Abend klang bei einem Essen der Doktoranden unter sich aus. Da es schon spät war, beschloss ich wieder einmal zu laufen und den Weg zum Muttart Conservatory (botanischer Garten) zu nehmen. Gegen Mitternacht war es schließlich wirklich dunkel :)

Edmonton by night vom südlichen Flussufer aus gesehen.

Das erleuchtete Muttart Conservatory am südlichen Flussufer gelegen. Der helle Fleck oben links ist übrigens der Schimmer von Blitz und noch mehr Blitzen. Der Regenguss kam glücklicherweise erst, als ich schon im Bettchen war.

Die Lowlevel Bridge. Die kleine Schwester der Highlevel Bridge.