Wenn man einfach Zeit hat, Nichts einen drängt und London nicht in zwei Tagen erkunden muss, sollte man den Stadtplan ruhig mal stecken lassen und sich überraschen lassen, wohin einen die eigene Nase so führt. Die "Tube" - die Röhre - wie die Londoner U-Bahn genannt wird, brachte mich von "South Ealing" (mein Hotel, weit im (Süd-)Westen; morgen ziehe ich nach Islington, weit im Nord-Osten) zur Haltestelle "Westminster" und dann marschierte ich einfach mal drauf los. Da das Westminster bekanntlich zentral gelegen ist, hatte ich den Verdacht, ich würde schon alles irgendwie zu Gesicht bekommen.
Tatsächlich, dem war auch so. London ist Fußgängerfreundlich; zumindest in der engeren "Innenstadt", kann man wirklich alles erlaufen bzw. mit CityBikes, die man überall ausleihen kann, erfahren. Das Wetter war herrlich, Sonne satt, leichte Briese - alles super.
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| Big Ben | Westminster | Plüschhelmparade |
Kaum aus dem Untergrund emporgestiegen grüßte auch schon Big Ben. Wohlgemerkt: Nicht der Turm heißt so, sondern die schwerste der fünf Glocken. Kaum zehn Schritte weiter (eigentlich mehr dem Glockenturm gegenüber) steht die Abtei von Westminster, der traditionelle Krönungsort britischer Monarchen und Monarchinnen. Auf die Ansicht von Innen habe ich verzichtet; siehe unten:
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| Die Warteschlange vor dem Eingang in die Krönungshalle. Aber eigentlich stehen die Leute in London überall an... |
Kurz darauf erklangen Trompeten- und Posaunenklänge in nicht allzu großer Ferne, also bin ich - in diesem Fall nicht der Nase, sondern meinen Gehörgängen nach und bin bei der Downing Street, wo Herr Cameron nicht mehr residiert, und bei den "Pferdewächtern" gelandet. Die Pferdewächter bewachen in diesem Fall keine Pferde, sondern den Haupsitz irgendeiner Armeeeinheit. Die mit den typischen Fellmützen gehuteten und rotbejackten Wachmänner sitzen auf den Pferden eine geschlagene Stunde herum, versuchen nicht zu lächeln und die Ruhe zu bewahren, bis die Wachablösung erfolgt. Ich glaube, so richtig ernst nimmt die keiner mehr und sie müssen nur noch zwecks Touristenfotomotiv auf die Pferderücken klettern. Jedenfalls dauerte es nicht lange, da kamen auch schon mehrere Blaskapellen um die Ecke gebogen und bließen in ihre Tuben, schmetterten die Paarbecken aneinander (Paarbecken, nie gehört, musste ich googl'n...) und droschen auf ihre Trommeln ein.
Die Straße bin einfach mal weiter entlang gelaufen und siehe da: Trafalgar Square, von vielen Londonern als DER Mittelpunkt der Stadt angesehen. Drei der größten Verkehrsadern treffen dort aufeinander: Whitehall (vom Westminster), The Mall (vom Buckingham Palast) und die Pall Mall (vom St. James's Palace). Entsprechend sah der Verkehr aus. Egal, ob Polizei oder Krankenwagen, alles stand und durchgekommen ist keiner. Über dem Platz tront die Nationalgallerie (Kunstmuseum), davor ragt die "Nelsonsäule" in die Höhe. Das Ehrendenkmal wurde 1842 erbaut und erinnert an den Sieg der Engländer gegen die Franzosen und Spanier in der Schlacht von Trafalgar (1805).
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| vereinzelte Europafahne | National Gallery | Achtung: Hohes Verkehrsaufkommen. |
Tja, dann hat mich meine Nase nicht zum Buckingham Palast geführt, sondern über die Themse zur Promenade am Südufer des Flusses. Egal, unter den Bäumchen lässt es sich aushalten; der Blick auf das Parlamentsgebäude und den "Großen Benjamin" hätte auch nicht besser sein können.
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| Palace of Westminster: Sitz des Britischen Parlaments, dem Tagungsort der zwei Abgeordnetenkammern: House of Commons und dem House of Lords. Bäumchen rechts (nicht im Bild...) |
Ich sah keinen Grund den Pier zu verlassen und schlenderte gemütlich weiter, bis das "London Eye" (Londoner Auge) in Sicht kam. Um es besser aufs Bild zu bekommen, bin ich die Westminsterbrücke ein Stückchen in Richtung des nördlichen Ufers entlang gegangen, habe auf Grund von "erhöhtem Menschenmassenaufkommens" aber wieder den Rückzug ans Südufer angetreten. Manchmal muss man eben auf sein Bauchgefühl höhren :)
Die Menschenschlange am Kassenschalter war auch gar nicht soo lang und da hab' ich mir gedacht: "Ach, bist nich' alle Tage in London, was soll's." Also habe ich mir ein Ticket für eine Fahrt mit dem Riesenrad gekauft (stolze 25 Pfund = 30 €). Was ich da noch nicht gesehen hatte, war die Menschenschlange die bereits vor dem Rad wartete... Also stellte ich mich brav hinten an; zusätzlich 10 Pfund ausgeben, um in die "Schnellschlange" zu kommen wollte ich wirklich nicht; außerdem kam mir die "schneller vorrückende" Menschenkette gar nicht soo viel schneller vor. Egal, ich hatte ja Zeit. Eineinhalb Stunden später sprang ich in eine gläserne Gondel und kreiste mit zehn anderen Menschen eine halbe Stunde lang um die Achse des Rades und hatte einen errlichen Blick über Londons Dächer.
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| London Eye (Riesenrad) | Blick auf das Parlamentsgebäude aus der Gondel aus 135 Metern Höhe. |
Wieder unten angelangt marschierte ich einfach immer weiter. Der Streckenabschnitt hieß nun "Queen's Walk" (Gang/ Weg der Königin) und ist Teil des zur Feier des silbernen Thronjubiläums der Queen (1977) angelegten "Jubilee Walkway" (Jubiläumsfußgängerweg). Allerdings wurde die Promenade erst in den 1990ern fertig gestellt. Heute ist es eine Kreativmeile, wo Jung und Alt ihre Wochenenden verbingen: schlemmend, tanzend, musizierend und im Sand spielend. (Es gibt eben Orte an denen was los ist, an denen richtig was los ist und es gibt Brandenb... ach, lassen wir das.)
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| Oben: Buddelkasten für die Kleinen | "Liegestuhl-Lounge" für die Großen | kleine neckische Geschäfte; unten: Sandkünstler: "Hit the bucket/ Make a wish/ I wished for pounds/ And made all this!" (Triff den Eimer/ Wünsch' dir was/ Ich habe mir Pfund gewünscht/ Und habe all dies eingenommen) | Mann ohne Kopf |
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Von der Millenniums Bridge, einer Fußgänger Brücke, die das Südufer mit der St.-Pauls-Kathedrale verbindet, sah ich mein nächste Ziel: Die Tower Bridge; neben dem Big Ben wahrscheinlich DAS Wahrzeichen Londons. Da die Kathedrale geschlossen hatte, verschwendete ich auch gar keine Zeit und lief nun am Nordufer des Flusses entlang. Meine Nase führte mich durch das Bankenviertel (alt und neu), dass ich aber nur am Rande streifte. Am Himmel zogen schon seit einiger Zet immer dunklerere Wolken auf und ich wollte trockenen Fußes an der Brücke ankommen; was auch gelang.
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| Blick von der Millennium Bridge. Hinten: Tower Bridge, rechts: "The Shard" (Scherbe), mit 310 Höhenmetern das höchste Gebäude der EU (Bauherr ist irgendein Scheich aus Katar. Mit dem Bau dieses Monstrums wurde der Begriff „oligarchitectur“ in den englischen Sprachgebrauch eingeführt.) | Tower Bridge mit Delphin-Fontäne im Vordergrund |
Tja, dann hieß es Rückzug antreten. Es war schon halb acht, die dunklen Wolken mehrten sich und ich hatte ja noch eine Stunde U-Bahnfahrt vor mir. Ich überquerte daher die Tower Bridge und ging zügigen Schrittes am Südufer zur "London Bridge"-U-Bahn-Station, zwei Mal umgestiegen und Schwup die Wupps war ich in Ealing, noch fünf Stationen mit dem Bus und schon war ich gegen 21:000 Uhr im Hotel. Jetzt ist es kurz vor Mitternacht und Zeit ins Bettchen zugehen. Ein paar Sehenswürdigkeiten warten also noch auf mich... Ach, regnen tut es immer noch nicht.