Montag, 11. Juli 2016

Leichter Regen, starker Regen - Edmonton VI

Die Gewitterwolken von gestern haben den Regenwolken Platz gemacht. Was tun also, an so einem besch...eidenen Tag; in einer Stadt, in der anscheinend auch alle Museen gleichzeit gebaut oder rennoviert werden, jedenfalls nicht offen haben?
Eine geschlagene Stunde kann man damit verbringen, vergeblich on-line einzuchecken und Sitzplätze im Flugzeug nach eigenem Gusto zu reservieren (also nicht acht Stunden Fensterplatz oder eingeklemmt in der Mitte). Warum es dann letztendlich in fünf Minuten gelang, weiß der Fuchs, Geier oder Igel. Jedenfalls habe ich jetzt Gangplätze und das auf allen drei Flügen!
Nebenbei gewann im TV Andy Murray zum zweiten Wimbledon in dem er den (sehr kanadischen) Kanadier Miloš Raonić in drei Sätzen bezwang.

Dann, Wolkenlücke mit Sonne! Nichts wie raus in die Metro und zum Fort Edmonton Park. Der Park ist das größte Freilichtmuseum Kanadas, in dem einige Straßenzüge aus der Zeit um 1846, 1885, 1905 und 1920 nachgebaut wurden, zum Teil aber auch Originalhäuser ihren Platz gefunden haben, nachdem sie Wolkenkratzern im jetztigen Down Town weichen mussten. Zu dem wurde natürlich das Fort wieder aufgebaut, welches Ende des 18. Jahrhundert von der Hudson Bay Company (ebenfalls heute Down Town) errichtet wurde und zunächst als Umschlagplatz für Felle aller Art fungierte. Das Fort war auch Anlaufstelle der ansässigen Indianer, die dort ebenfalls Felle gegen europäische Gebrauchsgegenstände eintauschten.

Fort Edmonton mit sechmeterhohen Palisaden drumherum.

Erst ab den 1870er entstand rund um das Fort herum eine dauerhafte Siedlung. Ab 1885 spricht man von einer Stadt, in der es eine Telegraphenanbindung und eine wöchentlich erscheinende Zeitung gab. Allerdings lebten wohl nur rund 300 Menschen in der "Stadt". Zu dieser Zeit wurden jedoch eine Polizeistation und die methodistische Kirche errichtet, Einrichtungen, die natürlich jede vernünftige Stadt braucht. Den Boom um 1900 hatte ich in früheren Posts schon erwähnt.

Jedenfalls gelangte ich noch trockenen Fußes zum Fort und sah mir die "vornehmen" Zimmer im Hauptgebäude, aber auch die Räumlichkeiten des Fußvolks in den Arbeits- und Wirtschaftsgebäuden an. Der Unterschied? Im Hauptgebäude hatte man ein Zimmer und Bett für sich alleine, in den einfachen Behausungen lebten nicht selten 3 Familien, sprich 30 Personen zusammen, in einem Raum mit nur sechs Betten.  

Großes Bett mit kuscheligem Fell und großem Fenster | Drei Doppelstockbetten mit Wolldecken in einem niedrigen Raum
Außerdem konnte man in den Handelscomptoir reinspazieren und nicht nur die Felle bewundern, die zu tausenden über den  Ladentisch gewandert sind, sondern durfte Hasen-, Marder-, Wolfs-, Biber-, Hirsch- und Elchfelle auch mal anfassen. So ein Marder ist wirklich kuschlig... Im ersten, kleineren Raum wurden die Felle auf Größe und Güte geprüft und der Verkaufspreis festgelegt. Im zweiten, größeren Raum wurden die Felle dann verkauft bzw. eingetauscht. Der sich anschließende dritte Raum diente als Lagerraum. Unter dem Dachboden hingen ganze Wolfspäcker, Hirschsprünge und Hasenkolonien...

Verkaufs- bzw. Handelsraum | Dachboden | Wolfsfell
Dann, dann kam die Sinnflut. Untergeschlüpft bin ich beim Schmied, also bei der Schmiedin. Gefertigt wurde gerade ein Messer; der Griff wurde aus einer Elchschaufel geschnitzt und die Klinge wurde gerade aus einem Block Eisen zurechtgehämmert. Die Gruppe dudelnder Schotten, die plötzlich in voller Montur um die Ecke bog, sich im Innenhof des Fort aufstellte und wacker in die Dudelsäcke blies, trotzte dem Wetter aber auch nur ein paar Minuten. Dann verschwand sie wieder und der Scout alleine mochte gewusste haben, woher der Musiktrupp plötzlich aufgetaucht ist (später stellte sich heraus, dass gerade ein "Keltentreffen" im Fort stattfand). 

Dudelsäcke | Schmiede

Da keine Wetterbesserung abzusehen war, stülpte ich meine Regenplane über meinen Rucksack (ich war schließlich vorbereitet!), zog die Kaputze ins Gesicht und machte mich in Richtung "Stadt" auf, wo ich noch beim lokalen Printmedium vorbeischaute. Es stellte sich heraus, dass die Druckerei zu den Häusern gehörte, die wirklich in den 1870er erbaut wurden und in den Park umgesiedelt wurde. Auch bei den Druckplatten, Druckbuchstabenstifte und den Druckpressen handelt es sich um Originale. Hinter der Presse stand ein freundlicher Herr, der freudig alle pittschnassen Besucher über die lokale Zeitungslandschaft in Edmonton aufklärte. Die erste Zeitung erschien 1885 und umfasste vier Seiten. Die Auflage belief sich auf 200 Stück; sprich, wirklich jeder erwachsene Einwohner von Edmonton erstand sein eigenes Exemplar. Die Ausgaben der Zeitung sind heute noch erhalten, wurden digitalisiert und können on-line eingesehen werden. Ich wünschte, in Deutschland würde die Digitalisierung so schnell voranschreiten!

Druckerei des "Edmonton Bulletin", gegründet von Frank Oliver 1885 | Hobby-Frank Oliver

Da es weiterhin vor sich hin schiffte und die Gräue des Himmels vermuten ließ, dass das den gesamten restlichen Tag so weiter gehen würde, watete ich zurück zum Ausgang und zur Bushaltestelle. Jedenfalls so mein Plan...

Straßenverhältnisse damals und heute

 ... allein, ich fand keine Bushaltestelle, an der Busse Richtung "zurück" hielten. Zudem musste ich erfahren, dass Busfahrpläne - neben Stadtplänen - zu den Dingen gehören, die Kanadier nicht erfunden haben. Es liefen auch keine anderen Menschen herum, die man hätte fragen können. Ich war also etwas ratlos und schon bereit mich wieder zu Fuß Richtung Norden aufzumachen - spaßiges Vorhaben bei dem Wolkenbruch. Die Rettung nahte in Gestalt einer Mitarbeiterin des Forts, die gerade Feierabend hatte und fluchend feststellte, dass der Bus gerade ohne sie abgefahren sei. Welcher Bus? Wo? Ich fragte also, wo denn der Bus halten würde und wir gingen gemeinsam um zehn Ecken, überquerten die Autobahn und siehe da, eine Bushaltestelle! Wer sagt's denn. Sie war übrigens Polin; es gibt sie wirklich überall :)

Nun schreib' ich den Blog noch zu Ende und versuche noch herauszukriegen, wie ich morgen zielsicher zum Flughafen komme, zu welchem Schalter ich muss, zu welchem Gate ich in Ottawa rennen muss, zu welchem in Frankfurt und wann ein Zügele von Berlin zum anderen Frankfurt fährt. Dann habe ich fertisch für heute. Am Dienstag um 12:20 sollte ich dann in Berlin landen.