Wir waren etwas verspätet, aber unsere Verspätung war nix im Vergleich zum verspäteten Umzugsbeginn. Jedenfalls sahen wir auch gegen 11:00 Uhr noch nicht viel von karnevalfreudiger Erregung, obwohl diese bereits seit einer Stunde hätte verbreitet werden sollen. Macht nichts, denkt sich der vernuftbegabte Mensch, ändert seine Pläne, um später zurück zu kehren.
Von Notting Hill schlenderten wir also gemächlich durch die Kensington Gardens zum Hyde Park und von dort weiter Richtung Picadilly Circus und Covent Garden, so dass auch dieser Teil Londons nun von der "Das will ich gesehen haben"-Liste von Franz gestrichen werden konnte.
Am späten Nachmittag fuhren wir wieder nach Notting Hill und nach dem Füllungsgrad der U-Bahn zu schließen, musste der Karneval mittlerweile im vollen Gange sein. Nun, das war er; der Geräuschpegel verriet es und der Bass wummerte im Magen, nur gesehen haben wir nicht viel. Zum einen drängten sich wohl wirklich um die eine Million Menschen auf den fünf Quadratkilometern Notting Hills durch die Straßen, zum anderen stapelte sich der Müll in allen Ecken, so dass man auch immer damit beschäftigt war, zu schauen, wohin man trat oder wohin man geschubst wurde. Spaß an der Sache sieht anders aus und so beschlossen wir recht schnell dem Geschehen zu entfliehen.
![]() |
| Notting Hill Carnival 2016 |
Vorbei ging es an Alkoholleichen, um die sich etwa ein Drittel der diensthabenden Polizisten und Ordnungshüter kümmern musste - und es waren seeehr viiieeele im Dienst. Ein weiteres Drittel erteielte Auskünfte zur Umzugstrasse, zum nächstbesten Weg zur nächstbesten U-Bahn-Station oder auch zu den offiziellen Erleichterungsstellen...- und das auf bewundernswert freundliche Art und Weise, obwohl einige bestimmt - genauso wie wir - einfach nur dort weg wollten. Neben Dixie-Plastikhütten und ganzen WC-Containern, gab es auch Privatklos, die den Besuchern von Anwohnern gegen 2 Pfund pro Klogang zur Verfügung gestellt wurden. Einige haben an den drei Tagen sicherlich richtig Schmott gemacht. Andererseits gab es Anwohner, die ihre Grundstücke hermetisch Mittels Spanplatten-arrangements abgeriegelt hatten. Sie haben wohl trauriger Weise aus Erfahrung gehandelt ... Auch einige Geschäfte haben ihre Schaufenster demonstrativ verrammelt. Das dritte Drittel bewachte Zufahrtswege, kontrollierte sporadisch Taschen oder führte auch den ein oder anderen Trunkenbold von dannen, der über die Strenge des Gesetzes schlug; laut BBC gab es über 450 Festnahmen und 5 Verletze... Jedenfalls hatte dieser Karneval herzlich wenig mit Karneval zu tun.
Ursprünglich wurde der Karnevall 1959 von der Aktivistin Claudia Jones initiiert, nach dem im Jahr zuvor ein junger Einwanderer ermordert worden war, um auf die Rassendiskriminierung in Groß Britannien aufmerksam zu machen. In den 70er Jahren beteiligten sich immer mehr Menschen aus dem Kreis der aus Afrika und der Karibik Zugewanderten. Heute ist er, zum Leidwesen des ursprünglichen Gedankens, kulturelle Vielfalt zu befördern, zum willkommenen Anlass verkommen, sich voll laufen zu lassen. Jedenfalls so der Eindruck, der sich mir an jenem Montag aufgedrängt hat. Schade um den Karneval :(
