An einem schönen Donnerstagabend Mitte-Ende August sollte
endlich ein lang erwartetes Ereignis eintreffen, dass unser aller chronisch
tiefgefrorenes Studentenwesen für eine Woche aus dem Archiv eisen würde:
Offiziell als Stadtführer für das immerhin nur ein Stündchen verspätet
angekommene Schwesterchen engagiert, war ab 2.00 Uhr Freitag endlich wieder
Sonne angesagt!
Zunächst mussten wir am King’s Cross Bahnhof Muscheln kaufen
gehen - in Form der Oyster-Card (also Muschel-Karte), die hierzulande für das
öffentliche Verkehrsnetz genutzt wird.
Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen, Bahnsteig 9 ¾ zu suchen, der,
wie alle eingeweihten Harry-Potter-Leser wissen dürften, zum magischen Zug in
die Schule für Hexerei und Zauberei Hogwarts führt.
Aaaalso…. Ich weiß ja nicht, warum 9 ¾ irgendwo abseits der Gleise an einer
schnöden Wand sein sollte, aber mit den blöden Touris kann man es ja machen.
Jedenfalls stellten sich ordentlich viele Menschen in die Schlange, um am eigens
angebrachten 9 ¾ Bahnsteig-Schild mit Zauberstab und Schal zu posieren, wobei
die nette falsche Schaffnerin noch den Schal hoch hält, damit es aussieht, als
würde man in Richtung Wand gezogen werden. Magisch daran ist wohl nur die
Tatsache, dass die Leute die Bilder davon tatsächlich für teuer
Geld kaufen.
Danach sind wir in die British National Library, um
beeindruckende Originalwerke der Druckkunst aus aller Welt zu bestaunen.
Erwähnte ich schon, dass Museen und Bibliotheken im Gegensatz zu den
Bahnstationen hervorragende öffentliche Toiletten haben? ;)
| Pferdegarde |
Alsdann ging es dank Muschel und der etwas klaustrophobisch anmutenden Londoner Metro zum Picadilly Circus. Der Plan war, bei schönstem Sonnenschein die Themse abzuspazieren. Von Picadilly ging es über St. James's Park zum Haus der Pferdegarde, wo tatsächlich zwei Bobbys auf Pferden dekorativ innerhalb der für sie vorgesehenen Einbuchtung der Mauer standen und versuchten, die Pferde trotz unerschrockener Touristen-Kinder unbeweglich und bei Laune zu halten. Damit dabei nichts schief geht, muss die berittene Streife dabei von einem Uniformierten mit Gewehr bewacht werden, ist ja logisch.
Danach ging es über die Brücke, und wir erblickten das
geschäftige Londoner Fahrwasser - Touristenschiffe,
Museumsschiffe, Essensschiffe, Müllsammlerschiffe und Frachtkähne mühten sich
durch die leicht fragwürdig gefärbte Brühe und verbreiteten geschäftiges
Treiben.
An den Ufern der Themse gibt es sehr schöne Promenaden, die
natürlich ziemlich erhöht liegen und mit (von Umbaumaßnahmen gefährdeten)
Bäumen bepflanzt sind. Das Volk tummelt sich in den Restaurants, Cafés, Läden
und den Galerien und nutzte jede (echte und unechte) Rasenfläche, die sich bot.
Findige Verkäufer hatten Liegestühle gegen Gebühr herbeigeschafft.
Wir bestellten Spaghetti, streiften nur kurz durch das Tate
Modern Art Museum und kauften lecker kandierte Paranüsse auf dem Borough Markt
in der Nähe der London Bridge. Bei alldem präsentierte sich London so schön
bunt, wie es sich für eine Metropole gehört.
Viele kleine Läden sind von
aufstrebenden Künstlern und Designern, die Preise ordentlich aber bezahlbar,
die angebotene Ware ist mal rustikal British (Fish&Chips an allen Ecken),
aber auch bedacht Bio-, Öko- und garantiert alles-frei (Laktose, Gluten,
Konservierungsmittel?) und die Inder, Chinesen, Thailänder, Syrer und Nepalesen
stecken auch in allen Ecken.
Die Leute auf den Straßen sind vor allem bunt und
zu 80% vollkommen stillos, aber mit einer Selbstverständlichkeit, dass es nach
dem ersten Schock schon nicht mehr auffiel. Dabei ist natürlich fragwürdig, wie
viele Engländer sich tatsächlich im Gewimmel versteckten, denn so viel Englisch
hörten man auch nicht, dafür sehr viel Deutsch und Polnisch.
Wir waren uns für den ersten Tag meines Aufenthalts einig:
Wir wollten zwar die britische Atmosphäre genießen, nicht jedoch das britische
Essen und so waren ein echt-britischer Cookie und ein Brownie eine gute Lösung
zur Akklimatisierung. So eine Zucker-trifft-Fett-Bombe, wenn sie einzeln
auftritt, kann dann abends immerhin mit selbstgemachtem Salat wieder
neutralisiert werden.
Meine Füßchen schlichen schon sehr schleichig über die London Bridge hin zum Tower, denn meine Alle-10.000-Schritte-eine-Pause-Regel wird hier ständig missachtet und meine Ermattungserscheinungen nur müde belächelt. Wahrscheinlich tankt Schwesterherz momentan Sonnenlicht oder so. Den Tower schauten wir uns angesichts der Eintrittspreise nur von außen an. Außerdem sieht der Tower an einem strahlenden Sommertag irgendwie nicht sehr towerig-schaurig aus und so fehlte der fein geputzten Spielzeugburg doch irgendwie der Flair.
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| Tower of London |


