Ich muss mich langsam wieder ran halten, um up-to-date zu bleiben.
Ich bin am 10. November in Pittsburgh gelandet und habe in
der Ausgangshalle ankommend realisiert, dass Jan und ich gar nicht besprochen hatten,
wo wir uns treffen wollten. Wer schon mal an einem Flughafen war, der größer
ist als der von Cardiff – also an jedem beliebigen anderen Flughafen auf der
Welt – wird mir Recht geben, wenn ich schreibe, das ist ungünstig. Allerdings
fuhr Jan gerade vorbei, als ich mit den Handy hantierend hinaus ins Frei trat. Als
wär’s von der unsichtbaren Hand geplant gewesen, hatte Jan die Einfahrt zum
Parkhaus verfehlt und ist just in dem Moment an der Pick-up-Area vor‘m Terminal
gelandet. Quasi ins noch rollende Auto bin ich hinein gehopst. Schwein gehabt.
Jan, ein Personalrats-Kollege aus Frankfurt (Oder), Viadrina-„Urgestein“,
jedenfalls nach Maßstäben des deutschen WissZeitVG
(Wissenschaftszeitvertragsgesetz) und gewesenes Mensaessen-Langzeitstudienobjekt
(wie lange erhalten die eingenommenen Konservierungsstoffe das dynamisch-jugendliche
Aussehen?), ist mit seiner Family nach Pittsburgh gezogen und arbeitet nun an
der dortigen Uni. Wioletta, Jans Frau, habe ich als Praktikantin in der „Geschichtswerkstatt“
und am „Institut für angewandte Geschichte“ kennengelernt. Zum Glück hat der
erste Eindruck bei meinem Vorstellungsgespräch (lang, lang ist’s her) getäuscht
und Wioletta war und ist nicht furchteinflößend ;)
Der Montag (11. Nov.) war ein halber „Arbeitstag“. Ein Stündchen Teetrinken
bei Prof. Rediker (in histo-atlantischen Fachkreisen eine Größe), ein sehr
gelungener Vortrag meinerseits (was sonst?) und eine gar nicht oberflächliche
Diskussion danach gingen rum wie nix. Danke, Jan (und Pernille), für die Organisation!
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| Ankündigungsposter |
Ein Highlight des Unicampuses ist die „Cathedral of Learning“
(Kathedrale des Lernens) und genau dort gingen Jan und ich im Anschluss hin und
durch spazieren. Die Gelegenheit war günstig, einige Räume waren schon nicht
mehr mit Studenten belegt. Der Wolkenkratzer thront als seinem Hauptgebäude über
dem Unikomplex. Mit 163 Metern Höhe ist er das zweithöchste Universitätsgebäude
der Welt; nach dem Hauptturm des Lomonossow-Universitätsgebäudes in Moskau. Ich
habe mich belesen. Der Clou an dem neogotischen Bau von 1926 (bis 1936) sind
seine 31 „nationality-rooms“ (Nationalitätenräume) und der imposante
Aufenthaltsbereich mit fast Hogwarts-Feeling.
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| Cathedral of Learning (Handyfoto). Das Motto der Pitt-Uni: "Hier ist der Fortschritt immer am Voranschreiten" |
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| Cathedral of Learning - Aufenthaltsbereich |
Die Nationalitätenräume sollten die Bevölkerungsgruppen repräsentieren,
die in Pittsburgh zahlenmäßig in den 1930-50ern stark vertreten waren. Allerdings mussten die
Gruppen selbst für die Ausstattung, Dekoration und Ausbau sorgen, also auch die
Finanzierung bewerkstelligen. Die Universität stellte jeder Gruppe lediglich ein
leeres Zimmer zur Verfügung. Im Gegenzug verpflichtete sie sich die
einmal fertiggestellten Seminarräume zu erhalten. Nicht selten wurde der Ausbau von
den Regierungen der Herkunftsländer mitfinanziert oder unterstützt. So hat im „Polish
room“ ein Originalstein aus dem Mauerwerk der Jagiellonen-Universität in Krakau
einen Platz in der Wand gefunden. In den nächsten Jahren sollen weitere solcher
Räume (u.a. Thailand und Marocco) hinzukommen, der Ausbau des Turms kann also noch nicht als abgeschlossen
gelten.
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| oben links: das polnische Zimmer und oben rechts: Mauerstein der Jagiellonen-Uni in Krakau; unten links: afrikanischer Seminarraum und unten rechts: indischer Seminarraum |
Vom 36. Stockwerk hat man auch einen guten Blick über die Stadt, aber meine Handykamerabilder täten der Stadt nicht gerecht werden. Heimwärts ging’s über einen Umweg. Da das Wetter (noch)
richtig gut war, im Sonnenschein sogar der Pullover ausgereicht hat, spazierten
wir an zig Synagogen und Kirchen – christlich-katholisch und
christlich-orthodox – vorbei. So viel religiöse Eintracht dicht an dicht gibt
es selten. Auch nach dem Anschlag auf die „Tree of Life“-Synagoge mit elf Toten
und sechs Verletzten (2018) hielten die Religionsgemeinschaften zusammen und in
den Schulen wurde das Ereignis thematisiert und aufgearbeitet. Religiöse Spannungen
innerhalb Pittsburghs sind ausgeblieben.
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| Tree of Life-Synagoge (Kein Platz für Hass) und rechts: Bilder von J & W Kindern auf einem der Absperrzäune (Handy) |
Ich glaube der Abend ging mit Jans Apple Pie zu Ende. Die
Äpfel stammten aus Gregors Garten; Lob also an den Gregor'schen Apfelbaum und den Bäcker! War lecker.




