Mittwoch, 20. November 2019

Pittsburgh I (11.11.2019)


Ich muss mich langsam wieder ran halten, um up-to-date zu bleiben. 
 
Ich bin am 10. November in Pittsburgh gelandet und habe in der Ausgangshalle ankommend realisiert, dass Jan und ich gar nicht besprochen hatten, wo wir uns treffen wollten. Wer schon mal an einem Flughafen war, der größer ist als der von Cardiff – also an jedem beliebigen anderen Flughafen auf der Welt – wird mir Recht geben, wenn ich schreibe, das ist ungünstig. Allerdings fuhr Jan gerade vorbei, als ich mit den Handy hantierend hinaus ins Frei trat. Als wär’s von der unsichtbaren Hand geplant gewesen, hatte Jan die Einfahrt zum Parkhaus verfehlt und ist just in dem Moment an der Pick-up-Area vor‘m Terminal gelandet. Quasi ins noch rollende Auto bin ich hinein gehopst. Schwein gehabt. 

Jan, ein Personalrats-Kollege aus Frankfurt (Oder), Viadrina-„Urgestein“, jedenfalls nach Maßstäben des deutschen WissZeitVG (Wissenschaftszeitvertragsgesetz) und gewesenes Mensaessen-Langzeitstudienobjekt (wie lange erhalten die eingenommenen Konservierungsstoffe das dynamisch-jugendliche Aussehen?), ist mit seiner Family nach Pittsburgh gezogen und arbeitet nun an der dortigen Uni. Wioletta, Jans Frau, habe ich als Praktikantin in der „Geschichtswerkstatt“ und am „Institut für angewandte Geschichte“ kennengelernt. Zum Glück hat der erste Eindruck bei meinem Vorstellungsgespräch (lang, lang ist’s her) getäuscht und Wioletta war und ist nicht furchteinflößend ;) 

Der Montag (11. Nov.) war ein halber „Arbeitstag“. Ein Stündchen Teetrinken bei Prof. Rediker (in histo-atlantischen Fachkreisen eine Größe), ein sehr gelungener Vortrag meinerseits (was sonst?) und eine gar nicht oberflächliche Diskussion danach gingen rum wie nix. Danke, Jan (und Pernille), für die Organisation!

Ankündigungsposter
Ein Highlight des Unicampuses ist die „Cathedral of Learning“ (Kathedrale des Lernens) und genau dort gingen Jan und ich im Anschluss hin und durch spazieren. Die Gelegenheit war günstig, einige Räume waren schon nicht mehr mit Studenten belegt. Der Wolkenkratzer thront als seinem Hauptgebäude über dem Unikomplex. Mit 163 Metern Höhe ist er das zweithöchste Universitätsgebäude der Welt; nach dem Hauptturm des Lomonossow-Universitätsgebäudes in Moskau. Ich habe mich belesen. Der Clou an dem neogotischen Bau von 1926 (bis 1936) sind seine 31 „nationality-rooms“ (Nationalitätenräume) und der imposante Aufenthaltsbereich mit fast Hogwarts-Feeling.

Cathedral of Learning (Handyfoto). Das Motto der Pitt-Uni: "Hier ist der Fortschritt immer am Voranschreiten"
Cathedral of Learning - Aufenthaltsbereich
Die Nationalitätenräume sollten die Bevölkerungsgruppen repräsentieren, die in Pittsburgh zahlenmäßig in den 1930-50ern stark vertreten waren. Allerdings mussten die Gruppen selbst für die Ausstattung, Dekoration und Ausbau sorgen, also auch die Finanzierung bewerkstelligen. Die Universität stellte jeder Gruppe lediglich ein leeres Zimmer zur Verfügung. Im Gegenzug verpflichtete sie sich die einmal fertiggestellten Seminarräume zu erhalten. Nicht selten wurde der Ausbau von den Regierungen der Herkunftsländer mitfinanziert oder unterstützt. So hat im „Polish room“ ein Originalstein aus dem Mauerwerk der Jagiellonen-Universität in Krakau einen Platz in der Wand gefunden. In den nächsten Jahren sollen weitere solcher Räume (u.a. Thailand und Marocco) hinzukommen, der Ausbau des Turms kann also noch nicht als abgeschlossen gelten.

oben links: das polnische Zimmer und oben rechts: Mauerstein der Jagiellonen-Uni in Krakau; unten links: afrikanischer Seminarraum und unten rechts: indischer Seminarraum
Vom 36. Stockwerk hat man auch einen guten Blick über die Stadt, aber meine Handykamerabilder täten der Stadt nicht gerecht werden. Heimwärts ging’s über einen Umweg. Da das Wetter (noch) richtig gut war, im Sonnenschein sogar der Pullover ausgereicht hat, spazierten wir an zig Synagogen und Kirchen – christlich-katholisch und christlich-orthodox – vorbei. So viel religiöse Eintracht dicht an dicht gibt es selten. Auch nach dem Anschlag auf die „Tree of Life“-Synagoge mit elf Toten und sechs Verletzten (2018) hielten die Religionsgemeinschaften zusammen und in den Schulen wurde das Ereignis thematisiert und aufgearbeitet. Religiöse Spannungen innerhalb Pittsburghs sind ausgeblieben. 

Tree of Life-Synagoge (Kein Platz für Hass) und rechts: Bilder von J & W Kindern auf einem der Absperrzäune (Handy)
Ich glaube der Abend ging mit Jans Apple Pie zu Ende. Die Äpfel stammten aus Gregors Garten; Lob also an den Gregor'schen Apfelbaum und den Bäcker! War lecker.