Am Frühstückstisch sah es noch nach einem schönen Tag aus. Kalt
zwar (-11°C!), aber klar. Während der Busfahrt ins Zentrum zog es sich immer
mehr zu und es fing zu schneien an – und zwar quer aus allen Richtungen!
Jedenfalls war die Brille permanent zugeschneit und ich Nix-Blick, musste öfter
mal meine Scheiben frei wischen. Trotz dieser widrigsten Umstände bescherte mir
Wioletta einen - in gewisser Weise - einzigartigen Stadtrundgang durch das –
wen wundert‘s – wie leergefegte Pittsburgh. Jan saß währenddessen im geheizten uniglichen
Seminarraum :).
Da meine Pfoten nun aber gar nicht warm waren, hielt sich meine Fotografierwilligkeit
in Grenzen. Das Bildmaterial zur Stadt
fällt dementsprechend mau aus.
Von Downtown stiefelten wir gleich – und das nicht zum
einzigen Mal an diesem Tag – über eine der vielen Stahlflussbrücken der Stadt.
Wir querten die Smithfield Street Bridge über den Monogahela River. Mit der „Monongahela Incline“, der ältesten
sich noch in Betrieb befindlichen Personenstandseilbahn in den USA, tüffelten
wir hoch auf den Berg Washington, von dem man einen tollen Blick auf das
Stadtpanorama haben soll. Die steilbergaufwärts fahrende Bergbahn nahm 1870
ihre Fahrten auf, um auf den „Kohleberg“ hinauf und hinunter zu kommen. Es
sollen deutsche Einwanderer gewesen sein, die die Idee zum Bau des Transportmittels
angeregt hatten, um eine besserer Anbindung ihrer Wohngegend hoch oben nach
unten ins Tal zu bekommen. Ähnliche Steilseilbahnen waren zuvor schon in der
Kohleförderung genutzt worden.
| Monongahela Incline. Im Hintergrund die Smithfield Street Bridge nach Downtown im Nebel |
Oben – aber nicht ganz oben – angekommen, kehrten wir erst
einmal auf eine heiße Schokolade und Latte ein. Als Wioletta einen Sonnenstrahl
durch Fenster entdeckte, rissen wir uns von unserem Tischchen los und gingen
zielstrebig zum Ausguck, von dem man, wie gesagt, einen tollen Ausblick auf die
Pittsburgher Skyline haben soll. Für gerade Mal zwei Minuten verbesserte sich
die Sicht, danach zog sich die Nebelsuppe wieder zu und es schneite munter
weiter. Die zwei Minuten reichten jedenfalls nicht aus, um den Apparat startklar zu kriegen...
| Panorama von Pittsburgh BEVOR es wieder völlig im Nebel verschwand. |
| *.* war dabei! |
Mit der „Duquesne Incline“ tüffelten wir wieder vom Berg hinab und
schritten über eine Autobahnbrücke (auf der Fußgängerseite, na klar) wieder
Richtung „Stadtzentrum“ auf der gegenüberliegenden Flussseite.
Die Erz- und Kohlevorkommen rund um die 1758 aus dem Fort
Pitt hervorgegangenen Stadt, ließen sie im 19. Jahrhundert zum wichtigsten
Standort der us-amerikanischen Stahlindustrie werden. Mittlerweile gilt
Pittsburgh aber als Musterbeispiel für einen gelungenen Strukturwandel; die
meisten Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungssektor. Die sichtbaren
Zeitzeugen der Stahlvergangenheit stehen als Brücken für jedermann sicht-,
begeh- und befahrbar über den drei Flüssen, die sich in der Stadt „treffen“. Na
ja, eigentlich vereinigen sich am so genannten „goldenen Dreieck“ der Monogahela
River mit dem Allegheny River zum Ohio River.
Das „goldene Dreieck“ schenkten wir uns, es war einfach
ungemütlich. Die Fontäne am Flusstreffpunkt fontanierte eh nicht mehr. Stattdessen
marschierten wir im Warmhaltetempo weiter über die Roberto Clemente Bridge am PCN
Park vorbei, dem Heimstadion der „Pittsburgh Piraten“ (städtischer
Baseballverein). Links und rechts liegen ließen wir auch das Andy Warhol Museum und
die „Matratzenfabrik“, ein Kunstmuseum. Ich wollte zum „City of Asylum House
Poem“ und Wioletta suchte im Schneegstöber brav mit :).
Ein gemeinnütziger Verein betreibt seit 2004 so eine Art Dissidentenunterkunft
für politisch Verfolgte Dichter, Denker und Schriftsteller und ist ihnen bei
der Heimischwerdung in den USA behilflich. Der erste von bisher sechs beherbergten
Exilanten (u.a. aus Burma, Iran und Venezuela), Huang Xiang, kam aus China und
verewigte einige seiner Gedichte auf einer Hauswand. Mittlerweile ist aus der
Initiative eine „City“ geworden und einige buntbemalte Häuser, ein „Alphabet-Garten“
usw. sind hinzugekommen. Ein ehemals Obdachloser hat „Randyland“ und damit für
sich und seinen Partner ein Heim geschaffen. Für die jugendlichen (und alle nicht
mitlesenden chinesischen) Leser sei erwähnt, dass das bunte Haus mittlerweile
zum Kultfotomotiv auf Instagram geworden ist. Auch so geht Strukturwandel.
| City of Asylum House Poem (Asylstadt Hausgedicht). Und ja, es war kalt! |
| Randyland. "Verrückter" Krimskramsgarten befindet sich hinterm Haus. Es sah eigentlich ein bisschen so aus, wie die Kunssthochschule in Lempa (Zypern). Link zur Erinnerung (etwas nach unten scrollen). |
Auf jeden Fall waren wir zu diesem Zeitpunkt lange genug
draußen unterwegs, um wieder irgendwo ein warmes Plätzchen aufzusuchen. Zum
Glück war auch schon Mittagszeit heran und enthusiastisch bejahte ich Wiolettas
Vorschlag polnische Pierogi essen zu gehen :).
Wieder brücklich den Allegheny River querend fanden wir uns im Schlemmer-Distrikt
(Strip District) wieder. Im „Polish Deli“ gab dann die heiß ersehnten Pierogi
mit Pilzen und Kraut und auch „Krówki“ (so eine Art Karamel-Plombenzieher).
| vorher |
| nachher |
Gestärkte und gewärmt
traten wir den Heimwärtsgang durch das Schneetreiben an. Zum Glück blieb von
Wiolettas Ausrutscher nur ein blauer Fleck am Handgelenk übrig. „Über“ den „Polish
Hill“ und den „Upper Hill“ (Stadtviertel) hatten wir die „Cathedral of Learning“
als Ziel vor Augen.
Während ich noch auf dem Unigelände blieb und mich mit
einigen Bekannten traf, kehrte Wioletta in einem wohl noch schlechterem Wetter
nach Hause zurück („Blizzard!“). Ich hatte da mehr Glück. Nach dem „Zeitzeugen“-Gespräch
in Erinnerung an die Kristallnacht im „deutschen Zimmer“ fuhr ich mit Jan im Auto „heim“. Der
Kristallnachtbezug erschloss sich einem nicht so sehr; allerdings muss man
einfach auch anerkennen, dass die meisten Zeitzeugen mittlerweile „nur noch“
Kindheitserinnerungen wiedergeben können.
| Cathedral of Learning wie sie so einsam über dem Unicampus thront. |
| Zeitzeugengespräch im "deutschen Zimmer". (Nach den Kürbissen kommen die Weihnachtsbäume!) |
Das Wetter hat diesem Tagesstadtgang jedenfalls zu einem
unvergesslichen Erlebnis werden lassen :)
Danke, Wioletta!