Mittwoch, 20. November 2019

Pittsburgh II (12.11.2019)


Am Frühstückstisch sah es noch nach einem schönen Tag aus. Kalt zwar (-11°C!), aber klar. Während der Busfahrt ins Zentrum zog es sich immer mehr zu und es fing zu schneien an – und zwar quer aus allen Richtungen! Jedenfalls war die Brille permanent zugeschneit und ich Nix-Blick, musste öfter mal meine Scheiben frei wischen. Trotz dieser widrigsten Umstände bescherte mir Wioletta einen - in gewisser Weise - einzigartigen Stadtrundgang durch das – wen wundert‘s – wie leergefegte Pittsburgh. Jan saß währenddessen im geheizten uniglichen Seminarraum :). Da meine Pfoten nun aber gar nicht warm waren, hielt sich meine Fotografierwilligkeit in Grenzen. Das Bildmaterial zur Stadt fällt dementsprechend mau aus.  

Von Downtown stiefelten wir gleich – und das nicht zum einzigen Mal an diesem Tag – über eine der vielen Stahlflussbrücken der Stadt. Wir querten die Smithfield Street Bridge über den Monogahela River. Mit der „Monongahela Incline“, der ältesten sich noch in Betrieb befindlichen Personenstandseilbahn in den USA, tüffelten wir hoch auf den Berg Washington, von dem man einen tollen Blick auf das Stadtpanorama haben soll. Die steilbergaufwärts fahrende Bergbahn nahm 1870 ihre Fahrten auf, um auf den „Kohleberg“ hinauf und hinunter zu kommen. Es sollen deutsche Einwanderer gewesen sein, die die Idee zum Bau des Transportmittels angeregt hatten, um eine besserer Anbindung ihrer Wohngegend hoch oben nach unten ins Tal zu bekommen. Ähnliche Steilseilbahnen waren zuvor schon in der Kohleförderung genutzt worden. 

Monongahela Incline. Im Hintergrund die Smithfield Street Bridge nach Downtown im Nebel
Oben – aber nicht ganz oben – angekommen, kehrten wir erst einmal auf eine heiße Schokolade und Latte ein. Als Wioletta einen Sonnenstrahl durch Fenster entdeckte, rissen wir uns von unserem Tischchen los und gingen zielstrebig zum Ausguck, von dem man, wie gesagt, einen tollen Ausblick auf die Pittsburgher Skyline haben soll. Für gerade Mal zwei Minuten verbesserte sich die Sicht, danach zog sich die Nebelsuppe wieder zu und es schneite munter weiter. Die zwei Minuten reichten jedenfalls nicht aus, um den Apparat startklar zu kriegen...

Panorama von Pittsburgh BEVOR es wieder völlig im Nebel verschwand.
*.* war dabei!
Mit der „Duquesne Incline“ tüffelten wir wieder vom Berg hinab und schritten über eine Autobahnbrücke (auf der Fußgängerseite, na klar) wieder Richtung „Stadtzentrum“ auf der gegenüberliegenden Flussseite. 

Die Erz- und Kohlevorkommen rund um die 1758 aus dem Fort Pitt hervorgegangenen Stadt, ließen sie im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Standort der us-amerikanischen Stahlindustrie werden. Mittlerweile gilt Pittsburgh aber als Musterbeispiel für einen gelungenen Strukturwandel; die meisten Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungssektor. Die sichtbaren Zeitzeugen der Stahlvergangenheit stehen als Brücken für jedermann sicht-, begeh- und befahrbar über den drei Flüssen, die sich in der Stadt „treffen“. Na ja, eigentlich vereinigen sich am so genannten „goldenen Dreieck“ der Monogahela River mit dem Allegheny River zum Ohio River.

Landspitze. Von "oben" kommt der Alleghenny, von "unten" der Monogahela Fluss. Gemeinsam fließen sie als Ohio nach "links" weiter. Die Fontäne sprudelte am "Treffpunkt" gar nicht fontainenmäßig Wasser nach oben. Die vielen Brücken sind im Dunst gerade so erkennbar.
Das „goldene Dreieck“ schenkten wir uns, es war einfach ungemütlich. Die Fontäne am Flusstreffpunkt fontanierte eh nicht mehr. Stattdessen marschierten wir im Warmhaltetempo weiter über die Roberto Clemente Bridge am PCN Park vorbei, dem Heimstadion der „Pittsburgh Piraten“ (städtischer Baseballverein). Links und rechts liegen ließen wir auch das Andy Warhol Museum und die „Matratzenfabrik“, ein Kunstmuseum. Ich wollte zum „City of Asylum House Poem“ und Wioletta suchte im Schneegstöber brav mit :). 
Ein gemeinnütziger Verein betreibt seit 2004 so eine Art Dissidentenunterkunft für politisch Verfolgte Dichter, Denker und Schriftsteller und ist ihnen bei der Heimischwerdung in den USA behilflich. Der erste von bisher sechs beherbergten Exilanten (u.a. aus Burma, Iran und Venezuela), Huang Xiang, kam aus China und verewigte einige seiner Gedichte auf einer Hauswand. Mittlerweile ist aus der Initiative eine „City“ geworden und einige buntbemalte Häuser, ein „Alphabet-Garten“ usw. sind hinzugekommen. Ein ehemals Obdachloser hat „Randyland“ und damit für sich und seinen Partner ein Heim geschaffen. Für die jugendlichen (und alle nicht mitlesenden chinesischen) Leser sei erwähnt, dass das bunte Haus mittlerweile zum Kultfotomotiv auf Instagram geworden ist. Auch so geht Strukturwandel. 

City of Asylum House Poem (Asylstadt Hausgedicht). Und ja, es war kalt!
Randyland. "Verrückter" Krimskramsgarten befindet sich hinterm Haus. Es sah eigentlich ein bisschen so aus, wie die Kunssthochschule in Lempa (Zypern). Link zur Erinnerung (etwas nach unten scrollen).
Auf jeden Fall waren wir zu diesem Zeitpunkt lange genug draußen unterwegs, um wieder irgendwo ein warmes Plätzchen aufzusuchen. Zum Glück war auch schon Mittagszeit heran und enthusiastisch bejahte ich Wiolettas Vorschlag polnische Pierogi essen zu gehen :). Wieder brücklich den Allegheny River querend fanden wir uns im Schlemmer-Distrikt (Strip District) wieder. Im „Polish Deli“ gab dann die heiß ersehnten Pierogi mit Pilzen und Kraut und auch „Krówki“ (so eine Art Karamel-Plombenzieher)

vorher
nachher
Gestärkte und gewärmt traten wir den Heimwärtsgang durch das Schneetreiben an. Zum Glück blieb von Wiolettas Ausrutscher nur ein blauer Fleck am Handgelenk übrig. „Über“ den „Polish Hill“ und den „Upper Hill“ (Stadtviertel) hatten wir die „Cathedral of Learning“ als Ziel vor Augen.
Während ich noch auf dem Unigelände blieb und mich mit einigen Bekannten traf, kehrte Wioletta in einem wohl noch schlechterem Wetter nach Hause zurück („Blizzard!“). Ich hatte da mehr Glück. Nach dem „Zeitzeugen“-Gespräch in Erinnerung an die Kristallnacht im „deutschen Zimmer“ fuhr ich mit Jan im Auto „heim“. Der Kristallnachtbezug erschloss sich einem nicht so sehr; allerdings muss man einfach auch anerkennen, dass die meisten Zeitzeugen mittlerweile „nur noch“ Kindheitserinnerungen wiedergeben können.

Cathedral of Learning wie sie so einsam über dem Unicampus thront.
Zeitzeugengespräch im "deutschen Zimmer". (Nach den Kürbissen kommen die Weihnachtsbäume!)
Das Wetter hat diesem Tagesstadtgang jedenfalls zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen :) Danke, Wioletta!