Freitag, 22. November 2019

Pittsburgh III, Washington und Baltimore (13.-15.11.2019)

13.11.2019
In seiner Late-Show vom 12. November (Satiresendung spät am Abend) verkündete Stephen Colbert, dass in New York City die Temperaturen innerhalb von nur 24 Stunden um mehr als 20 Grad gefallen seien. Das kann ich auch für Pittsburgh bestätigen, schließlich sind Jan und ich am 11. noch im leichten Pullover unterwegs gewesen, am 12. haben Wioletta und ich dick eingemummelt bei Schneetreiben die Stadt erkundet. „Es ist so kalt, das Empire State Building ist von 102 auf nur noch 63 Stockwerke geschrumpft“, so Colbert weiter.

Originalzitat: “In New York it dropped 40° in 24 hours. It is so cold the empire state building shrunk from a 102 stories to 63.” (Stephen Colbert, 12.11.2019)

Nun ja, geschrumpft bin ich zum Glück nicht :). Meine gesamten 163 cm Höhe wurden zum Geburtstag beglückwünscht. Es gab Schokokuchen mit Kerzchen und einen warmen Joggingpullover für mich! Nun bin ich schon zwei Mal mit „Pitt“ (Spitzname der Universität Pittsburgh) im Harvard’schen Einzugsgebiet joggelnd unterwegs gewesen. Danke!

*.* und Jan
Bevor mich Jan und Wioletta zum Flughafen brachten, spazierten wir noch gemeinsam durch den verschneiten Frick-Park – bei fantastischem Sonnenschein! Kalt blieb’s trotzdem; war nur nicht so schlimm, weil es nicht quer windete. Das Parkgelände wurde von dem Industriellen Henry Clay Frick 1919 angekauft. Er gründete auch eine Stiftung, um den zukünftigen Park zu erhalten. Das Stiftungsvermögen von zwei Millionen US-Dollar gab er wohl nicht ganz freiwillig her, seiner Tochter zu liebe bewilligte er sie aber schließlich doch. Mit der Zeit wurde der Park zu einem weitestgehend naturbelassenen Fleckchen in Mitten der sich rasch industrialisierenden Stahl-Stadt. Heute ist er so eine Art Stadtwäldchen zum Spazierengehen. 

*.* und Wioletta
Wioletto i Jan: Dzięki za wspaniałe dni! Do zobaczenia :)

Völlig unspektakulär ging’s für mich weiter nach Washington D.C. Leicht verspätet, schon im Dunkeln und bei Nieselregen kam ich in der Hauptstadt an. Mit der Metro zum Dupont Circle und zu Fußens zum Hotel. Licht aus.  

14.11.2019
So unspektakulär wie der Tag zuvor zu Ende ging, ging der nächste weiter und blieb es auch. Völlig erwartungsgemäß konnten die versammelten Historiker*innen am „Deutschen Historischen Institut“ nichts mit meinem Thema anfangen. Entsprechend mau viel die Diskussion im Anschluss aus. „Ob denn Schlesien nicht eigentlich doch peripher wär‘, wie Wallerstein es in seinem Weltsystem beschrieben hat?“. Einige laufen eben mit Scheuklappen und Ohrstöpseln durch die Wissenschaftslandschaft... Da der Tag grau und regnerisch blieb, blieb ich in der Institutsbibliothek sitzen... Ich habe meine Pflicht gegenüber meinem Geldgeber getan und mein Projekt vorgestellt, deshalb der Umweg über Washington...    

15.11.2019
... sonst wäre ich nämlich gleich nach Baltimore weiter gefahren. Eine knappe Zugstunde liegt die Hafenstadt von Washington entfernt. Die Rassentrennung hat bis heute Spuren hinterlassen. Seit 1904, als ein Großbrand die Stadt zum Großteil zerstörte, lebt die mittlerweile über 60% zählende schwarze Einwohnerschaft in der „alten Stadt“, während sich die knappen 30% der weißen Einwohner in die Vororte zurückgezogen hat. Westbaltimore, mein Einfallstor, kann auch nicht als florierendes Stadtviertel bezeichnet werden. Viele Häuser sind deutlich am verfallen, Fenster sind mit Brettern vernagelt, die Bushaltestellen werden noch nicht einmal mit einem Bushaltestellenschild markiert. Zur Trostlosigkeit gesellt sich eine enorm hohe Kriminalitätsrate mit einer entsprechend hohe Mordrate. 

Davon habe ich freilich nichts bemerkt. Der Busfahrer hielt mit seinem Bus direkt neben mir und sackte mich ein. Wahrscheinlich sind Haltestellen nicht markiert, weil jeder an jeder beliebigen Ecke zusteigt. Ich sagte dem Busfahrer also wo ich hin wollte und wurde an der entsprechenden Ecke heraus gelassen – als einzige „Weiße“ stieg ich aus dem mittlerweile vollen Bus aus. 

Mein Ziel: Die Maryland Historical Society, ein Museum-Bibliothek-und-Archiv-Komplex. Von Verfall nix zu spüren. Eine Insel, von denen es mittlerweile immer mehr in der Stadt geben soll. Strukturwandel auf Langam. Jedenfalls saß ich den lieben langen Tag über den Frederick-Wessels-Papieren und wurde mit einem Brieffund belohnt, der belegt, dass die Firma Wessels & Primavesi schlesisches Leinen um 1800 nach Baltimore importiert hatte und von dort weiter in die Karibik verschiffte, von wo sie hauptsächlich Zucker exportierten. Sogar die erwähnten Namen kann ich zuordnen. Von wegen Peripherie. Schlesien: ein Zentrum des Welthandels!

Brief vom 04. April 1801
Und nun wisst ihr auch, warum ich jedes Jahr eine neue Brille brauche...
Zurück zur Straßenecke, Pfötchen raus. Mit dem Bus zum Bahngleis und zurück nach Washington. Licht aus. 

16.11.2019
Zum Flughafen. Natürlich mit Schienenersatzverkehr :). Vom Flughafen. Natürlich mit Schienenersatzverkehr :). Egal, meine rosa Wände mit Blümchentapete haben mich wieder. Und warm-schick angezogen bin ich gleich eine Runde um‘ Teich laufen gegangen – übrigens bei herrlichstem Sonnenschein!  

Fresh Pond (Handy)
Pitt (Handy)