Freitag, 6. Dezember 2019

Schulen geschlossen, der Streik beginnt... (03.12.2019)

Am ersten Adventabend begann es zu schneien. Seit dem hat es nicht aufgehört. Cambridge ist nun weiß gemützt.

101 Fayerweather St, Cambridge, MA (1. Advent, ca. 18:00)
Rund um Fresh Pond (1. Advent, ca. 18:10)
Maleerisch :) (1. Advent, ca 18:25)
Nicht mehr maleeerisch, sondern kniestapftief lag der Schnee, der bis zum Dienstag hinzugekommen ist. Die Schulbusse stellten ihren Dienst ein, die Schulen blieben geschlossen und es schneite munter weiter. 


Es war also ungemütlich kalt, nass und windiglich als der erste große Streik der "studentischen" Beschäftigten (grad-student workers), also eigentlich der Doktorandinnen und Doktoranden mit Lehrverpflichtung, begann. Der zweite große Streik in den USA an einer Universität wie Harvard überhaupt (nach der Columbia University in New York City 2018).

Offizielles Streikplakat
Seit über einem Jahr verhandelte die "Harvard Graduate Student Union" (UAW) mit der Hochschulleitung über drei wesentliche Forderungen:
1. Eine angemessene Bezahlung, um ein Leben in Boston und Umgebung finanzieren zu können; schließlich seien die Löhnen nur um 1,5% gestiegen (in den letzten drei Jahren), die Mieten im WEITEN Umkreis der Stadt um 5% (und das alleine im letzten Jahr). Dazu muss man auch wissen, dass es kein Tarifrecht gibt; alle Gehälter werden individuell bei Einstellung verhandelt, auch die des akademischen Mittelbaus.
2. Eine bessere Zahn- und allgemeine Gesundheitsversorgung. Eine allgemeine Pflichtkrankenversicherung gibt es in den USA ja nicht. Außerdem soll die Kinderbetreuung von Harvardangestellten möglich werden. Bei einem Monatsbeitrag von 2,000 $ pro Kind können sich nämlich viele der jungen Wissenschaftler*innen einen Kindergartenplatz schlicht nicht leisten.
3. Eine außeruniversitäre Anlaufstelle für Opfer sexueller Belästigung soll als legale Möglichkeit der Beschwerde und Anzeige eingerichtet und als solche von der Universität anerkannt werden. Bis jetzt gilt nämlich, dass nur die interne Beratungsstelle rechtliche Schritte einleiten kann, wenn Harvardangestellte als Täter identifiziert werden. Irgendwie scheint Harvard in dieser Frage so eine Art eigenen Rechtsraum darzustellen... Aktuell wurde das Anliegen im letzten Jahr, als öffentlich bekannt wurde, dass die Unileitung einen Professor jahrelang gedeckt hatte, um die Reputation der Einrichtung nicht zu gefährden, obwohl gegen ihn Anzeige bei dem internen Gremium gestellt worden ist - und zwar von insgesamt 14 Frauen. (Mann-o-Mann)

Der Campus in seiner weißen Pracht bot also die Kulisse und ich war mit dabei, ist ja klar. Den Räumfahrzeugen, die den Schnee nicht auf Haufen kippten, sondern tatsächlich abtransportierten, um ihn irgendwo in der Pampa abzuladen, sei Dank, dass der Harvard-Yard, also der Haupt-Innenhof, mehr oder weniger begehbar war.  

Durch den Neumatsch... Die 10 cm Schnee, die da liegen, sind zwischen 8:00 Uhr und 9:20 morgens gefallen. Das geräumte Zweitageschneevolumen liegt mittlerweile außerhalb Bostons.
Widener Library. Die freigeräumte Treppe ist eine Holzkonstruktion, die mittig auf der Marmortreppe aufliegt, um die Rutschgefahr etwas zu bannen. Die Treppenhälften links und rechts sind wegen Vereisung gesperrt und werden es wohl bis März auch bleiben. Ja, bis März.
9:30 ging's los.
Vorbrüller mit Mikrophon: "What do we want?" (was wollen wir?)
Alle im Chor: "Contract" (Vertrag)
Vorbrüller mit Mikrophon: "When do we want it?" (wann wollen wir ihn?)
Alle im Chor: "Now!" (Jetzt)
Vorbrüller mit Mikrophon: "If we don't get it?" (Wenn wir ihn nicht bekommen?)
Alle im Chor: "Shut it down!" (Schließt es! - also Harvard)
Vorbrüller mit Mikrophon: "What's up?" (Was ist um?)
Alle im Chor: "Time's up!" (Zeit ist abgelaufen)
usw. usf.

Um nicht völlig zu erfrieren, bewegte sich die Truppe über drei Stunden lang im Parolenrhythmus im Dreieck (freigelatschte Route im Hof). Der Schnee wurde zu wadentiefen Pfützen zertreten, so dass ich wirklich froh war, mir doch Winterschuhe a la Ostküste Neuenglands zugelegt zu haben. Erst gegen 12:30 Uhr begannen die Redner ihre Reden zu schwingen und das Gefrieren im Stillstand ging los. Irgendwann konnten auch die besten Winterschuhe nicht mehr verhindern, dass Zehen nicht mehr zu spüren waren.

(@Harvard Graduate Students Union - UAW, Facebook-Seite)
Harvard Yard. Was ihr hier seht ist übrigens eine überwältigende Menge an Teilnehmenden. In einem Land, in dem kaum Jemand in Gewerkschaften organisiert ist, sind wohl um die 300 Menschers zusammen gekommen. Alle kühnsten Erwartungen der Organisatoren wurden übertroffen, wurde mir jubelnd berichtet. Die Presse, das Fernsehn und Videodrehende Touristen waren mit dabei. Im TV und den Zeitungen wurde von einem wahren Debakel für die Unileitung gesprochen.
Harvard Graduate Student Union streikt...
(@Harvard Graduate Students Union - UAW, Facebook-Seite)
...mit Pauken und Trompeten.

 Sophie (rechts), Marcello (mittig)

John Harvard streikte mit :) Einige Chinesen fanden das gar nicht lustig und zerrten immer wieder das Pappschild von ihm herunter, um ihr Erinnerungsfoto schießen zu können. Daraufhin wurden Pappschildverteidiger postiert.
Bevor um 14:00 Uhr endgültig der Frostafrischehaltezustand einzusetzten drohte, machten wir uns ans Schneemannbauen. Natürlich mit einem not-happy Gesicht, passend zum Anlass. Dann war aber auch endgültig gut. Ab ins Warme!

Am Nachmittag war das umgehängte Streikschild schon wieder verschwunden. (rechts: Handy)
Übrigens, wer sich fragt, ob ein Streik NACH Semesterende (der 03. Dezember war letzter Unitag) Sinn macht, dem sei versichert, ja, das tut er. Ich habe mich das nämlich auch gefragt und natürlich nachgefragt. Da bis Weihnachten die Note vergeben werden MÜSSEN, die Noten aber eben von jenen Graduierten vergeben werden, die ihre Arbeit eingestellt haben, bleibt die Benotung natürlich liegen. Da Zensuren auf Leistungen, nicht wie in Deutschland üblich, auch noch drei Jahre später angefordert werden können, sondern bis Weihnachten feststehen MÜSSEN, hat die Uni schon ein enormes Interesse daran, die Leute wieder zum Arbeiten zu bewegen. Niemand von den hohen Herren (und Damen?) möchte den Eltern schließlich erklären müssen, warum das sauteure Semester ihrer lieben Kleinen für die Katz war (weil keine Leistungen eingebracht werden können, wenn keine Noten vorliegen). Außerdem herrscht unter den Studis Konkurrenzdruck und der Notenschnitt am Ende eines Semesters ist für einige das "Ziel" eines jeden Semesters...
 
Hier sollte jetzt auch ein Video zu sehen sein :) 
Wer erkennt mich?

04. Dezember 2019

Ein weiterer Schneemann wurde errichtet. Die Sonnenbrille hätte der Mann nicht gebraucht...

05. Dezember 2019

Da am Mittwoch kein neues Angebot der Hochschule vorgelegen hat, ging der Streik im Hof weiter. So auch heute, als ich wieder mit dabei war (diesmal mit einem Extrapaar Socken!). Ob das Ambiente wirklich für einen Heiratsantrag geeignet ist, bleibt wohl Geschmacksache. Die Dame hat jedenfalls "Ja" gesagt :)  

"Ja"
Mal sehen, ob's morgen weiter geht...